Wo Kuh und Kalb Familie sein dürfen

Die Mutterkuhhaltung ist in der Rindermast eine etablierte Nische. Auf Milchbetrieben ist sie noch selten. Ein Besuch auf dem Herterenhof.
Hofhund Nero liegt draussen unter dem Tisch und tut keinen Wank. Er ist gerade arbeitslos. «Eigentlich ist Nero unser Herdenhund für die Kühe», erklärt Michelle Gusset, die zur dreiköpfigen Leitung des Herterenhofs gehört. «Aber weil die Weide verdorrt ist, fressen sie nun zugekauftes Heu im Stall.» Der Hitzesommer hat dem Betrieb auf dem Wettinger Sulperg-Hochplateau einen Strich durch die Kreisläufe gemacht. Der Demeter-Hof ernährt seine Milchkühe und Kälber eigentlich ausschliesslich mit lokalem Futter: direkt von der Weide, im Winter mit eigenem Heu. «Aber in den letzten drei Monaten fielen hier nur 20 Millimeter Regen», sagt die 45-Jährige. Das Einzige, was zwischen gelben Halmen stellenweise noch grün spriesst, ist die tief wurzelnde Luzerne.
Trotzdem dürfen sich die Kühe und Kälber, die sich an diesem Tag auf dem Stroh fläzen, glücklich schätzen. Sie haben etwas, was auf den allermeisten Milchbetrieben keinen Platz hat: Familienbande und Mutter-Kind-Beziehung. «Wir möchten, dass die Kühe ihre natürlichen sozialen Bedürfnisse so weit wie möglich ausleben können», sagt Michelle Gusset. Im Stall liegen Kälber und Kühe beisammen, einige dösen, eine Kuh leckt der anderen den Kopf. «Kuhfreundschaften», sagt die Betriebsleiterin dazu. Bis die Kälber zwei Monate alt sind, bleiben sie Tag und Nacht bei der Mutter, danach werden sie schrittweise entwöhnt. «Die Kühe beschweren sich meistens mehr darüber als die Kälber», hat Michelle Gusset beobachtet, «die Kälber haben unterdessen in der ‹Chindgsi-Gruppe› ihre Gaudi.»
Trennungsschmerz
Auf 99 Prozent der Milchbetriebe wird das Kalb nach der Geburt von der Mutter getrennt. Die Kuh wird gemolken, das Kalb mit dem Tränkeeimer ernährt. So verhindert man eine Bindung, um späteren Trennungsschmerz zu vermeiden, und gewinnt mehr Milch für den Menschen. Für die Mutterkühe bedeutet das jedoch lauter «Totgeburten», und die Kälber werden bis zu vier Monate einzeln gehalten, bevor sie in Kälbergruppen kommen. Einen Herdenverband erleben sie nie. Die Mutterkuh leckt ihnen nicht das Fell, und weil sie ihr Saugbedürfnis zu wenig ausleben können, nuckeln viele an Gittern oder an Artgenossen. Zudem sind sie krankheitsanfälliger als gesäugte Tiere, das zeigen Studien.
«Unsere Kälber sind ziemlich robust», sagt Michelle Gusset. Zwar sei das erste Jahr schwierig gewesen. «Dann wurden viele lebensschwache Tiere geboren, vermutlich weil wir die Mutterkühe von verschiedenen Höfen zusammengekauft hatten und sich das ‹Mikrobiom› im Stall noch einpendeln musste.» Durch die Aufnahme der Muttermilch seien die Kälber aber gut auf die Beine gekommen und schliesslich gesund gross geworden.
Wie bringt man die Kühe dazu, sich melken zu lassen, während sie noch ihre Kälber säugen? «Wir locken sie mit etwas Schmackhaftem im Fressgitter an», erklärt die Bäuerin. Um an die Leckereien zu gelangen, müssen sie den Melkstand durchqueren. Wie viel Milch sie dort «herunterlassen», ist von Tier zu Tier unterschiedlich. «Kühe können die Milch zurückhalten, wenn sie sie fürs Kalb aufsparen wollen.» Ein bis zwei Liter täglich gäben sie her, wenn sie ihr Junges noch voll säugten.
Solidarische Landwirtschaft
Michelle Gusset führt den Herterenhof zusammen mit ihrem Mann Sven Wilms und Michael Zvizdic. Gusset und Zvizdic sind ausgebildete Landwirte und Landwirtinnen, Wilms Milchtechnologe. Alle drei sind Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen. «Als meine Tochter eine Lehrstelle hatte, fing ich mit 40 Jahren die Ausbildung in biodynamischer Landwirtschaft an», erzählt Michelle Gusset. Vorher hatte sie mit Sven Wilms in der Stadt Zürich ihre Kinder grossgezogen, im Büro und in der Gastronomie gearbeitet. «Ich hatte aber schon immer einen grünen Daumen und half auf der Alp aus.» Und die Familie hatte ein Abo der Dietiker Milchgenossenschaft Basimilch. Als deren Betreibende gesundheitshalber aufhörten, übernahmen sie die Tiere des Basihofs und brachten sie nach Wettingen. 2025 bauten sie eine Käserei und richteten einen Käsekeller ein. Seither ist die Basimilch-«Gnossi» auf dem Herterenhof daheim.
Basimilch funktioniert nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft: Konsumentinnen und Produzenten teilen Risiko und Gewinn. Man löst ein Milchprodukte-Abo, kauft einen Anteilsschein und hilft mindestens drei Halbtage im Jahr auf dem Hof mit. Milch, Joghurt, Quark und Käse werden einmal wöchentlich in Depots in Baden, Wettingen und Gebenstorf geliefert oder können abgeholt werden. In einem Newsletter erfährt man, wenn es noch Gemüse, Fleisch oder Eier gibt, die man dazubestellen kann. «Wir freuen uns über weitere Abo-Abschlüsse», sagt Michelle Gusset, «und wir richten gern weitere Depotstandorte ein, wenn die Nachfrage da ist.»
Der Herterenhof hat weitere Pläne. «Bis jetzt bringen wir die Tiere einmal im Monat in einen kleinen Schlachthof, aber wir möchten auf Hoftötung umstellen», sagt die Betriebsleiterin. Zudem soll wieder ein Muni in die Herde integriert werden, «weil auch die natürliche Befruchtung einem Bedürfnis entspricht». Im ersten Jahr gab es einen Stier auf dem Hof, doch Ende des Jahres 2025 musste er gemetzget werden. «Er hatte angefangen, die Menschen zu bedrohen, und mit einem 800 Kilo schweren Muni kann man es nicht aufnehmen.» Nun wird ein auf dem Betrieb geborenes Rind als künftiger Herdenstier nachgezogen. «Im Alter von etwa drei Jahren zeigt sich, ob er gefährlich wird», meint Michelle Gusset. «Wir sind aber zuversichtlich, dass es gut kommt, weil er mit uns aufgewachsen ist.»


