Stromkästen werden zu Leinwänden
Gegen verschandelte Stromkästen hilft Kunst, dachten sich zwei Kulturbegeisterte. Fünf Werke können nun im Quartier Langenstein-Altenburg besichtigt werden.
«Dürfen Sie das überhaupt?», wurde Edlyn Brucker gefragt, als sie mit Pinsel und Farbe an einem Stromverteilerkasten in der Utostrasse zugange war. «Nicht dass Sie dann Probleme bekommen», habe der Passant gesagt, erzählt die Künstlerin lachend. Ja, sie durfte. Ihr Bild zeigt ein Netz, das leicht im Wind flattert. «Eines, das zum Schutz gegen Vögel verwendet wird», erklärt Brucker. «Das Motiv stellt die Verbindung zum angrenzenden Garten her.» Zugleich stehe es symbolisch für das Stromnetz, das im Verteilerkasten verknüpft sei.
Julien Gründisch brachte ein Wolkenhimmel-Fenster an die Staffelstrasse. «Ich finde Wolkenlandschaften faszinierend, und ich kann eigentlich auch nur Wolken», sagt der Grafiker augenzwinkernd. So entstand die Idee dieses Fensters.» Die leuchtenden Farben seines Motivs sind weithin sichtbar. Während er es malte, hielten Autofahrer an, um ihm Komplimente zu machen.
Positive Reaktionen
Die Idee zur Gestaltung der Kästen im Quartier Langenstein-Altenburg hatten Gisela Aeschbach und Fredy Diener, in Wettingen bereits durch ihre Theaterprojekte im «Winkelried» und im alten Postgebäude bekannt. Das Paar hatte vor einem Jahr den verunstalteten Stromkasten vor ihrem Haus von einem jungen Graffitikünstler mit einem Giraffensujet besprayen lassen. «Wir wurden immer wieder positiv darauf angesprochen», sagt Diener. «Und Kindergartenkinder laufen gern um den Kasten, um zu sehen, wie die Giraffe auf der Rückseite weitergeht.» Als Aeschbach und Diener an die Energie Wettingen AG herantraten, um abzuklären, ob weitere Verteilkästen bemalt werden dürften, rannten sie offene Türen ein. «Ich hatte zuvor in den Ferien in einem Dorf in Portugal ein ähnliches Projekt gesehen und war beeindruckt gewesen», sagt Giacomo Attinasi, Leiter Netze und Anlagen bei Energie Wettingen. «Fotos davon hatte ich meinen Arbeitskollegen gezeigt.» Als dann die Anfrage von Diener und Aeschbach gekommen sei, sei die Zustimmung leicht gefallen.
Suche nach Sponsoren läuft
Die Künstlerinnen und Künstler erhielten einen kleinen Beitrag für ihren Aufwand und die Materialkosten, gestiftet vom EW und vom Quartierverein. «Um das Projekt weiterzuführen, sind wir nun auf der Suche nach Sponsoren», sagt Diener. Weitere Kunstschaffende hätten Interesse angemeldet, um mitzumachen. Und auch Gestalterin Dominique Eliane Girod, die an der Zentralstrasse ihre fürs Fantoche designten eckigen «Viecher» für den Kasten adaptiert hat, hätte Lust, eine weitere Verteilerstation aufzuhübschen. «Als die Passanten mein Werk sahen, fragten sie, ob ich nicht gleich noch den verschandelten Kasten nebenan in Angriff nehmen könnte», berichtet Girod.
Alle Beteiligten betonen die schönen Begegnungen, die sich aus dem Projekt ergaben. Marianne und Celestino Padeste gestalteten den Verteilkasten an der Schönaustrasse. Ihr Bild mit Linien und Menschen steht für das Miteinander im Quartier. Und genau das erlebten Padestes während der Umsetzung: Eine Nachbarin brachte Amaretti vorbei, andere liehen ihre Feldsessel aus und luden zum Kaffee.
Merice und Lara Rüfenacht wurden während der Malarbeit oft von Kindern angesprochen. «Ihr» leuchtend bunter Stromkasten steht beim Altenburgschulhaus und zeigt Kinder, die kommen und gehen. «Eine Jugendliche war nicht begeistert, dass wir ihren FCW-Schriftzug übermalten», erzählt Merice Rüfenacht. Die junge Frau habe angekündigt, das Kürzel wieder anzubringen. «Da habe ich schon kurz geschluckt.» Am nächsten Morgen habe sie dann entdeckt, dass das Kunstwerk respektiert worden sei: Das neue «FCW» fand sich auf dem Boden vor dem Kasten wieder.
Spenden Gesucht
Das Projekt soll weitergehen. Die Initiantinnen und Initianten suchen auch private Personen im Quartier beziehungsweise in Wettingen, die einen verschmierten Verteilkasten in der Nachbarschaft in ein Kunstwerk verwandeln wollen und bereit sind, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Wenn sich zum Beispiel ein paar Nachbarn gemeinsam engagieren, investieren sie einen Beitrag ab 50 Franken in eine farbigere Umgebung. Wer etwas spenden möchte, kann sich bei Fredy Diener melden: fredy.diener@gmail.com.












