Wenn Liebe vorgetäuscht wird

Im Tagebuch erfährt man vom Schicksal einer jungen Frau, die Opfer von Menschenhandel wurde.

Im Tagebuch erfährt man vom Schicksal einer jungen Frau, die Opfer von Menschenhandel wurde.

Wollen über Menschenhandel informieren: Sarah Scheuzger (l.) und Michèle Marti im mobilen Escape-Room, der zurzeit in Wettingen steht.Bilder: Melanie Bär

Wollen über Menschenhandel informieren: Sarah Scheuzger (l.) und Michèle Marti im mobilen Escape-Room, der zurzeit in Wettingen steht.Bilder: Melanie Bär

Ein Brief, eine verschwundene Frau und viele versteckte Hinweise: In Wettingen macht ein mobiler Escape-Room Menschenhandel erlebbar. Hinter der Geschichte stecken wahre Schicksale von Frauen, die Opfer von Menschenhandel wurden. Ein Gespräch mit den Frauen, die den Rätselraum konzipiert haben.

«Hallo, ich vermisse meine 21-jährige Tochter», steht in blauer Tinte in einem handgeschriebenen Brief. Er liegt auf einem Tisch in der Kirche Chrüzpunkt in Wettingen. Wer ihn liest, ist, wie bei Escape-Rooms üblich, Teil der Geschichte. Die Spielerinnen und Spieler helfen mit auf der Suche nach der verschwundenen jungen Frau. Doch hinter diesem Escape-Room steckt mehr als ein Spiel: Der mobile Escape-Room macht auf Menschenhandel aufmerksam.

Im Raum sind Hinweise versteckt, die nach und nach das Schicksal der jungen Frau offenbaren. Der Brief ist einer davon. Die Mutter schreibt, dass ihre Tochter mit ihrem Freund ins Ausland gereist sei. Später sei sie von Budapest nach Zürich gefahren, um dort Ferien zu machen. Seither fehlt von ihr jede Spur.

Escape-Rooms gibt es in der Schweiz viele. Gemäss Escapers.de sind von knapp 100 Anbietern mehr als 500 solcher Rätselräume verzeichnet. Der Escape-Room in Wettingen unterscheidet sich aber von den meisten anderen: Er wechselt die Örtlichkeit, die Teilnahme ist kostenlos, und er verfolgt ein gesellschaftliches Ziel. «Mit dem Escape-Room machen wir das Thema Menschenhandel greifbar und zeigen konkrete Handlungsmöglichkeiten auf», sagt Christina Jeremić, Leiterin von Lona Project. «Prävention darf im Zeitalter von Social Media nicht bei theoretischen Verboten stehen bleiben.»

Falsches Liebesversprechen

Wie es der verschwundenen Frau ergangen ist, erfahren die Teilnehmenden durch ihre Tagebucheinträge. Stück für Stück setzt sich ein erschütterndes Bild zusammen: Ihr vermeintlicher Freund hat sie getäuscht. Statt, wie gegenüber ihrer Familie behauptet, als Putzfrau zu arbeiten, wird sie in einem Bordell zur Prostitution gezwungen. «Gabor sagte, ich müsse 200 Franken in einer Stunde verdienen, sonst würde er mich schlagen», schreibt die junge Frau, die wir in dieser Zeitung Anna nennen, um den Spielverlauf nicht zu verraten.

Hinter ihrer Geschichte stehen reale Schicksale. Sarah Scheuzger hat das Drehbuch des Escape-Rooms geschrieben. «Anna gibt es tatsächlich, auch wenn wir in ihre Biografie nicht eine, sondern mehrere Geschichten ineinanderfliessen liessen», sagt Scheuzger. Die ehemalige Lehrerin und Bildungswissenschaftlerin hat jahrelang als Freiwillige im Rotlichtmilieu Frauen besucht und von ihren Schicksalen erfahren. Ihre Erfahrungen flossen in die Geschichte ein. Gemeinsam mit Michèle Marti hat sie den Rätselraum in Wettingen eingerichtet. Tagebücher, Kleider, ein Bett und ein Koffer sollen den Teilnehmenden das Gefühl vermitteln, in Annas Leben einzutauchen.

«Ich könnte diese Frau sein»

Auch Michèle Marti kennt die Lebensumstände von Frauen im Rotlichtmilieu. Parallel zu ihrer Arbeit bei Lona Project arbeitete sie die letzten Jahre als Job-Coach und half Menschen im Milieu, eine Arbeit ausserhalb zu finden. Eine Begegnung in einem Bordell hat die Sozialarbeiterin besonders geprägt. Dort traf sie eine Frau, deren Sprache sie nicht verstand. Unter Tränen zeigte ihr die Frau auf dem Handy Fotos von ihren Kindern. Sie waren etwa gleich alt wie Martis eigene Kinder. Die Frau gab ihr zu verstehen, dass sie mit ihrem Verdienst den Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen wollte. Für Marti war dieser Moment erschütternd. «Sie opfert sich für ihre Familie. Wäre ich in einem ärmlichen Land geboren, könnte ich diese Frau sein.»

Solche emotionalen Momente kennt Sarah Scheuzger ebenfalls. In einem Bordell berichtete ihr eine 40-Jährige von ihrer Not. Sie wollte aussteigen und fühlte sich gleichzeitig ihren Kindern und Grosskindern verpflichtet, die dank ihrem Einkommen über die Runden kommen. «Als sie mir das erzählte, kamen ihre zwei Freier herein und machten vulgäre Sprüche. Ich sah die Verzweiflung der Frau auf der einen und die Gleichgültigkeit der Männer auf der anderen Seite. Dieses Machtgefälle so unmittelbar vor Augen zu haben, war schlimm», sagt Scheuzger.

Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu

Wie belastend sexuelle Ausbeutung sein kann, zeigen weitere Tagebucheinträge im Escape-Room. Anna berichtet von «zwei ekligen, alten Männern», die sie in ihr Zimmer holen musste. «Danach habe ich lange geduscht, aber es hat nichts gebracht. Dieser unglaubliche Ekel blieb.»

Um ihren Schmerz zu betäuben, greift Anna zu Drogen und Alkohol. Lang erkennt sie nicht, dass ihr vermeintlicher Freund sie gezielt in die Abhängigkeit geführt hat. Sie ist Opfer der sogenannten Loverboy-Methode und der Zwangsprostitution geworden. Dabei täuschen Täter ihren Opfern Liebe und eine gemeinsame Zukunft vor. Sie bauen eine emotionale Abhängigkeit auf, isolieren die Betroffenen von ihrem Umfeld und drängen sie schliesslich in die sexuelle Ausbeutung, um damit Geld zu verdienen.

Immerhin: Lösen die Teilnehmenden die Fragen richtig, erfahren sie, wie Anna der Ausstieg gelingt. Sie findet Hilfe in einer Schutzunterkunft und erstattet Anzeige bei der Polizei. Im zweiten Anlauf wird Gabor verurteilt. «Leider ist das in der Realität nicht immer so. Viele Frauen verheimlichen ihr Leid aus Scham und nehmen keine Hilfe an», weiss Michèle Marti.

Menschenhandel erkennen

Mit dem Escape-Room will Lona Project zeigen, wie solche Abhängigkeiten entstehen, woran man sie erkennen und wie jede und jeder präventiv dagegen vorgehen kann. Die Organisation bietet im In- und Ausland Präventionsprogramme an. «Vielen Betroffenen fällt am Anfang gar nicht auf, wie missbräuchlich die Beziehung ist oder was man unter Menschenhandel versteht. Deshalb ist diese Präventivarbeit umso wichtiger», sagen Scheuzger und Marti.

Spätestens nach 60 Minuten ist das Spiel beendet. In der anschliessenden Videobotschaft rufen die Macherinnen von Lona Project die Spielenden dazu auf, sich selbst und andere zu schützen, bevor es zur Ausbeutung kommt. Damit weniger Mütter nach ihren verschwundenen Töchtern suchen müssen.

Menschenhandel gibt es auch in der Schweiz

Gemäss dem Staatssekretariat für Migration (SEM) ist Menschenhandel eine Form der modernen Sklaverei. Die Täter zwingen den Opfern ihren Willen auf, indem sie ihre Hilflosigkeit ausnutzen und Druckmittel einsetzen. Selbst wenn das Opfer der Ausbeutung zustimmen sollte, bleibt diese illegal. Zu den Formen der Ausbeutung, die unter Menschenhandel fallen, gehören insbesondere:

sexuelle Ausbeutung zum Beispiel in der erzwungenen Prostitution

Zwangsarbeit, die unter anderem Praktiken wie Sklaverei, Ausbeutung im Haushalt, erzwungene Begehung von Straftaten und erzwungenes Betteln umfasst

Organentnahme und -handel

Menschenhandel ist eine Straftat, die nach schweizerischem Recht von Amts wegen verfolgt wird. Menschenhandel kommt auch in der Schweiz vor. Ausserdem ist die Schweiz aufgrund ihrer zentralen Lage in Europa ein Transit- und Zielland. Die häufigsten Formen sind sexuelle Ausbeutung und Arbeitsausbeutung. Von der Polizei werden in der Schweiz jährlich etwa 60 bis 80 Fälle von Menschenhandel registriert, wobei Fachstellen von mehreren Tausend Betroffenen in der Schweiz ausgehen. Im Jahr 2025 zählte das Opferschutzprogramm Menschenhandel in der Deutschschweiz insgesamt 300 Fälle. (Quelle: Lona Project)

Hilfe bei Zwangsprostitution oder Menschenhandel:

Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, Tel. 044 436 90 00

Nationale Meldestelle gegen Menschenhandel, Tel. 0840 212 212

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz, Tel. 142

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beobachtungen zu verdächtigem Verhalten zu Menschenhandel sollen der Polizei unter 117 gemeldet werden.

Lona Project ist eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in Zürich und ein Arbeitsbereich von Campus für Christus. Die Organisation setzt sich für die Prävention gegen Menschenhandel ein. Sie unterstützt und leitet verschiedene Initiativen im In- und Ausland. Der Escape-Room ist eines der Projekte und kann von Schulen und Organisationen für 240 Franken gemietet werden. Bis zum 25. Oktober steht er in der Kirche Chrützpunkt an der Landstrasse 170 in Wettingen, die Teilnahme ist kostenlos. Infos und Anmeldung unter lona-project.org.(bär)

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