Wenn die Drohne Leben rettet
Bevor auf dem Bürgerhof auf dem Heitersberg die Mähmaschinen auffahren, suchen freiwillige Drohnenpiloten die Wiesen nach Rehkitzen ab. Der Einsatz schützt Tiere – und hilft auch den Landwirten Oliver Rutz und Franziska Kägi.
Im Morgengrauen schwirrt 70 Meter über der Wiese eine Drohne durch die Luft. Sie ist auf der Suche nach kleinen Rehkitzen, die sich im hohen Gras verstecken. Um 8 Uhr startet Bauer Oliver Rutz vom Bürgerhof auf dem Heitersberg ob Spreitenbach mit dem Mähen der Landwirtschaftsfläche. «Im hohen Gras habe ich keine Chance, die Tiere zu sehen. Es ist ihr sicherer Tod, denn statt wegzurennen, bleiben sie sitzen», erzählt Oliver Rutz, der mit seiner Frau Franziska Kägi den Hof vor zwei Jahren übernommen hat.
Der Einsatz der Drohne, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet ist, rettet deshalb Leben. Durchgeführt wird der Einsatz vom Verein Rehkitzrettung, der sich in der ganzen Schweiz mit freiwilligen Helfern dafür engagiert. So konnten in den letzten Jahren schweizweit über 25000 Rehkitze vor dem Mähtod bewahrt werden. Alleine 2025 wurden rund 6500 Tiere gerettet.
Rehkitze und Füchse entdeckt
Im Limmatwelle-Gebiet ist unter anderem Andreas Hitz aus Untersiggenthal für die Rehkitzrettung unterwegs. Er ist einer von insgesamt rund 700 Freiwilligen. «Wir fliegen um 4 oder 5 Uhr morgens, wenn der Boden noch kalt ist. So ist der Wärmeunterschied zwischen Rehkitz und Umgebung grösser. Wenn die Sonne schon aufs Feld scheint, erkennen wir die Wärmequelle nicht mehr», erzählt Hitz.
Bei der Aktion entdeckt er nicht nur Rehkitze, sondern auch Füchse, Dachse oder sogar Gämsen. Letztere würden jedoch fliehen, wenn sie die Mähmaschine hören. «Doch das Rehkitz versteinert bei Gefahr und duckt sich, statt wegzurennen.» Die Mutter deponiere es oft im hohen Gras. Das Kleine bleibe tagsüber allein im Feld, werde zwischendurch gefüttert und erst abends von der Mutter wieder abgeholt.
Der Drohnenflug, den die Bauern etwa zwei Tage vor dem Mähtermin bestellen und der die betroffenen Flächen genau einzeichnen kann, hat aber noch mehr Vorteile. «Wenn das Rehkitz vermäht wird, landet das tote Tier im Futter für unsere Mutterkühe. Wenn es mit der Silage eingepackt wird, können sich Toxine entwickeln, die für die Kühe lebensgefährlich sein können», sagt Landwirt Rutz.
Er hält 23 Kühe mit Kälbern und 7 Pensionspferde auf dem Bürgerhof. «Ich bin sehr froh, dass wir auf die Unterstützung von Rehkitzrettung zählen können.» Heutzutage setze fast jeder Landwirtschaftsbetrieb auf Drohnenpiloten vor dem Mähen. Früher habe man mit Stecken im Boden und Tüchern oder Säcken daran, die sich bewegen und rascheln, gearbeitet. Die sogenannte Verblendung werde von Landwirten immer noch eingesetzt, zum Teil auch kombiniert mit Drohnen, so Rutz.
Einwöchiges Rehkitz gefunden
Auch an diesem Freitagmorgen befinden sich Rehkitze in den Wiesen des Bürgerhofs. «Zwei waren schon etwas grösser und mit ihrer Mutter unterwegs. Sie haben sich ins Getreidefeld verschoben», erzählt Rutz. Doch der Drohnenpilot stösst auch auf ein ganz kleines Rehkitz, das in der Mitte der Wiese sass. «Es war so herzig und wohl kaum eine Woche alt.» Der freiwillige Helfer und ein lokaler Jäger, der bei den Einsätzen ebenfalls mit dabei ist, legen das Kitz ausserhalb der Fläche in eine Harassenkiste und verschliessen diese. «Ich lasse das Tier dann nach dem Mähen frei», sagt Rutz. Vorsicht ist dabei geboten. «Das Tier darf nicht direkt berührt werden», weiss Drohnenpilot Andreas Hitz. Am besten nehme man einen Büschel Gras in die Hand, wenn man das Rehkitz anfassen müsse. Am besten sei jedoch, wenn man es gar nicht erst berühre. «Sobald die Mutter einen anderen Geruch an ihrem Nachwuchs feststellt, nimmt sie ihn nicht mehr an», sagt Hitz.
Und so endet am Freitagmittag ein weiterer erfolgreicher Einsatz der Rehkitzrettung mit dem Freilassen des einwöchigen Rehkitzes am Waldrand auf dem Heitersberg. Ein Projekt, bei dem Bauern, freiwillige Drohnenpiloten und Jagdaufsehende ein Team werden – zum Wohle der jungen Wildtiere.






