«Faires Streiten hat positiven Effekt»

Streitregeln statt «Pflästerli»: In Spreitenbach lernen Kinder an der Schule, Konflikte fair zu lösen.
Seit anderthalb Jahren gibt es an der Schule Spreitenbach eine Fachstelle Prävention. Den Primarschülern wird die gewaltfreie Kommunikation gelehrt und soeben ist ein Flyer (nebenstehende Box) mit Streitregeln erschienen. Steht das in Zusammenhang mit dem Projekt «Chance Spreiti» und den Herausforderungen an der Schule? Peter Rumpel, Schulsozialarbeiter: Nein, die Schulsozialarbeit bekam durch die Einwohnergemeindeversammlung vom 28. November 2023 zusätzliche Stellenprozente gesprochen. Sie hat sich entschieden, diese nicht für noch mehr Pflästerli einzusetzen, sondern für etwas, das präventiv wirkt. Im Tagesgeschäft fehlten die Ressourcen, um Probleme frühzeitig zu entschärfen und klein zu halten. Deshalb wurde für die ganze Schule durch die Schulsozialarbeit die Fachstelle Prävention geschaffen.
«Stopp ist Stopp» lautet eine der fünf Streitregeln in einem Flyer, der künftig allen Erstklässlern und ihren Eltern abgegeben wird. Gab es einen konkreten Auslöser, diesen Flyer zu erstellen? Eine Lehrperson wollte die Streitereien in der Klasse strukturieren. Zusammen mit einer Kollegin aus der Schulsozialarbeit und Lehrperson habe ich die vorliegenden Streitregeln erarbeitet und anschliessend mit der Klasse in Rollenspielen eingeübt.
Sie haben sich auf lediglich fünf Regeln geeinigt. Warum gerade diese fünf? Gemäss Rückmeldungen der Lehrpersonen sind das die grössten Problempunkte. Die Kinder reagieren sofort und impulsiv; sie akzeptieren kein Nein und kommunizieren dies manchmal nicht klar; sie sehen den eigenen Anteil am Streit nicht und wenn etwas geklärt ist, poppt die Konfliktsituation daheim oftmals wieder auf, weil sie nicht loslassen können.
Die erste Streitregel heisst: «Erst atmen, dann sprechen.» Funktioniert das in der Praxis? Es ist ein Prozess (lacht). Es braucht viel Übung. Es ist extrem wichtig, dass die Lehrpersonen mit ihren Schülern die Regeln regelmässig üben. Wir empfehlen die Atemübung, sobald es unruhig wird in der Klasse. Das hilft auch der Lehrperson. Es braucht mindestens ein Jahr regelmässiges Üben, bis die Kinder weniger impulsiv reagieren. Selbst wenn sie nicht daran glauben, reagiert das Nervensystem auf die Atmung. Wichtig ist, länger aus- als einzuatmen. Die Wirkung ist medizinisch erwiesen. Meine Erfahrung ist, dass etwa 80 Prozent der Schüler durch die bewusste Atmung ruhiger werden. Es dauert keine drei Minuten und kann gut als Bewegungspause genutzt werden.
Ist die Art, wie man streitet, kulturell bedingt? Ist da Spreitenbach als Multikulti-Gemeinde besonders gefordert? Nein, es gibt in jeder Kultur emotionale Streittypen, das hängt nicht von der Herkunft ab.
Sie schreiben, Streit könne etwas Positives sein. Was meinen Sie damit? Faires Streiten hat einen positiven Effekt. Man lernt das Gegenüber kennen und fördert seine emotionale Kompetenz. Streit gehört zum menschlichen Zusammenleben. Wir haben verschiedene Meinungen und die kollidieren manchmal. In einer Projektwoche lernen die Drittklässler, gewaltfrei zu kommunizieren.
Wie funktioniert gewaltfreie Kommunikation? Kommunizieren, ohne zu bewerten, keine Macht anzuwenden und kein schlechtes Gewissen auszuüben. Stattdessen freundlich, ruhig, klar und wertefrei das eigene Bedürfnis mitteilen.
Welche Regeln fallen Kindern erfahrungsgemäss am schwersten? Die Impulskontrolle ist ein grosses Problem. Laut Neurowissenschaft verändert der frühe Medienkonsum die Hirnstruktur. Man geht davon aus, dass die abnehmende Impulskontrolle damit zusammenhängt. Wird ein Wunsch nicht erfüllt, folgt ein starker Gefühlsausbruch
Wenden Sie die gewaltfreie Kommunikation selber auch an? Ja. Die grössten Erfolge erziele ich im Dialog mit mir selbst. Statt mich selbst zu verurteilen, frage ich mich, warum mich die Situation triggert. Das gibt Ruhe und führt zu Klarheit.
Die Regel «Geklärt ist geklärt» klingt einfach. Was passiert, wenn ein Kind das Gefühl hat, dass ein Konflikt eben nicht geklärt wurde? Das ist unterschiedlich. Die Frage ist, ob eine Verletzung noch nicht in Ordnungggebracht wurde oder ob das Kind nicht loslassen kann? Es gibt auch viele Erwachsene, die nachtragend sind. Von ihnen lernen Kinder dieses Verhalten. Niemand hat einen grösseren Einfluss als die Eltern. Sie sind die wichtigste Bezugsperson.
Reicht es, ihnen einen Flyer abzugeben? Nein, man muss es mehrmals erklären. Der Flyer ist jedoch eine grosse Hilfe, der Rückendeckung gibt. Wir bekennen uns als Schule zu diesen Grundregeln. Doch wenn sie jemand nicht akzeptiert, können wir nicht weiterhelfen. Ich drücke es mal so aus: Manche haben das Gefühl, die Schule habe andere Aufgaben, als sie hat.
Wenn Eltern nach dem Lesen des Flyers nur eine Botschaft mitnehmen, welche? Für mich ist der zweite Teil am wertvollsten: Eltern sollen versuchen, ruhig zu bleiben, wenn ihr Kind mit Streitgeschichten heimkommt. Es wäre wichtig, dem Kind beim Erzählen zuzuhören, seine Gefühle ernst zu nehmen und in Ruhe das weitere Vorgehen zu überlegen. Können wir es ruhen lassen oder rufen wir die Schulsozialarbeiter an? Das gibt dem Kind Sicherheit. Die meisten Probleme entstehen, wenn Eltern versuchen, Streit für ihre Kinder zu klären. Es ist gut gemeint, führt aber zu noch mehr Streit. Kinder kommen zu uns in die Schulsozialarbeit und haben schon lange Frieden geschlossen, wollen wieder miteinander spielen und die Eltern verbieten es.
«Dem Streit die Luft rauslassen»
Streitigkeiten gehören zum Leben dazu. Wichtig ist, dass Kinder lernen, fair miteinander zu streiten. Kommt es zum Streit, helfen dabei folgende Regeln:
• dreimal tief durchatmen, dann sprechen
• erzählen, was passiert ist, wie man sich damit fühlt und was man
sich vom Gegenüber wünscht – ruhig und freundlich
• Stopp ist Stopp
• Auch der eigene Anteil ist Teil der Geschichte
• Wurden Streitereien mit Hilfe von Erwachsenen geklärt, lässt man
die Geschichte ruhen und startet neu
Manchmal kommen Kinder sehr aufgewühlt nach Hause und erzählen aufgebracht von einem Streit. Dann gilt für die Eltern:
• Zuhören
• Gefühle ernst nehmen
• Sicherheit geben, Ruhe bewahren – keine schnelle Lösung
• Später gemeinsam überlegen
• Wenn immer wieder ähnliche Situationen oder Konflikte auftauchen,
Klassenperson oder Schulsozialarbeit informieren (Flyer Schulsozialarbeit)


