«Das letzte Wort»

Melanie Bär, Redaktionsleiterin
Melanie Bär, Redaktionsleiterin

Endlich Sommer. Wie ich mich freue. Und trotzdem bin ich froh, wenn ich ab und zu Wäsche zusammenlegen muss und dafür einen Stock tiefer in den dunklen, kühlen Keller steigen kann. So wie letzten Sonntag. Ich drinnen im Kühlen am Erfrischen, die Wäsche draussen in der Hitze am Trocknen. Perfekt. Zufrieden sortierte ich weisse, schwarze und farbige Wäscheberge und wunderte mich einmal mehr, wie hoch sie sind. «Nicht mehr lange», schiesst es mir durch den Kopf. Nächste Woche zieht mein Sohn aus. Und damit nimmt der Wäscheberg mit Sicherheit mehr als einen Drittel ab.

Doch auf einmal freue ich mich überhaupt nicht mehr darauf, weniger zu waschen, zu putzen und einzukaufen. Denn mit seinem Auszug endet eine Lebensphase, die ich geliebt habe. Ja, es wird ordentlicher im Haus – aber auch stiller. Sein «hellöw», beim Hereinkommen, ja sogar sein Türeschletzen werden mir fehlen. Sein «Mami, esch alles guet?», wenn er mit einem Blick erfasst, dass nicht alles gut ist, kurz für eine Umarmung innehält, bevor er in sein Zimmer abdampft.

«Hoffentlich nimmt er dieses Wäschebrett mit, es steht im Weg», sagt mein Mann, als er sieht, wie ich darauf das rote Sweatshirt unseres Sohnes zusammenlege. Ungläubig schaut er zu mir, als er merkt, dass ich Tränen in den Augen habe. Ja, ich weiss, dass unser Sohn nicht aus der Welt ist. Aber er ist eben künftig doch ein Stück weiter entfernt von meiner Welt. Ich werde ihn vermissen. «Ist ja okay», tröstet mich mein Mann.

Ich hole die nächste Ladung Wäsche aus der Maschine, steige die Treppe hoch zum Wäscheständer im Garten. Dort wo der Sommer auf mich wartet und meine Tränen trocknet. Ja, es ist okay, traurig zu sein, wenn der Sohn auszieht. Auch wenn ich mich gleichzeitig für ihn freue.

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