«Viele Gesuchsteller würden gerne arbeiten»

«Denn vielfach hat man ein falsches oder ein unvollständiges Bild, was unsere Arbeit betrifft», sagt Stefan Liembd, Leiter der Sozialen Dienste in der Gemeinde Wettingen. Die Hauptaufgaben der 22 Mitarbeitenden mit rund 1700 Stellenprozenten liegen in den Bereichen wirtschaftliche Sozialhilfe, Alimentenbevorschussung, Elternschaftsbeihilfe und Führung von Kindes- und Erwachsenenschutzmassnahmen. Zusätzlich bietet die Fachstelle für Altersarbeit und Freiwilligenarbeit verschiedene Dienstleistungen an, und auch die Gemeindezweigstelle SVA ist Teil der Sozialen Dienste. Die Zweigstelle fungiert als Verbindung zwischen SVA Aargau und den Menschen, die mit unseren Sozialversicherungen zu tun haben. Viele Gesuche, beispielsweise im Bereich AHV-Renten, Ergänzungsleistungen oder Prämienverbilligung, werden durch die Mitarbeitenden der Zweigstelle bearbeitet und so kann gewährleistet werden, dass die Gesuche vollständig und korrekt ausgefüllt nach Aarau gehen. «Nicht bei allen Mitarbeitern läuft bei der Pension die Anmeldung für die AHV automatisch», weiss Liembd, der die Sozialen Dienste seit 1. Februar 2011 leitet. Am Tag der offenen Tür informieren die Mitarbeitenden über den Arbeitsalltag und die verschiedenen Fachbereiche und sie beantworten Fragen. Um 10, 11 und 13 Uhr kann man an Führungen teilnehmen – um 10 Uhr mit Gemeinderätin und Ressortvorsteherin Yvonne Feri, der neu gewählten Nationalrätin.
Im Vergleich zum Kanton Zürich, wo Stefan Liembd in derselben Funktion tätig war, habe es im Aargau viel mehr Pensionäre, die auf Sozialhilfe angewiesen seien. AHV und Ergänzungsleistungen würden oft nicht reichen, um einen Aufenthalt im Alters- oder Pflegeheim zu finanzieren. «Es hat etwas Unwürdiges an sich, wenn man wegen Pflegebedürftigkeit plötzlich auf Sozialhilfe angewiesen ist, nachdem das Geld vorher ein Leben lang reichte», sagt der 44-Jährige mitfühlend. Tagtäglich seien seine Mitarbeitenden und er mit solchem Leid konfrontiert und müssten auch lernen, sich abzugrenzen. Dabei helfe ihm der Glaube daran, dass mit dem Wettinger Sozialsystem ein Teil des Leides gelindert werden könne: «Einzelschicksale werden erträglicher gemacht und es wird ein Beitrag an den sozialen Frieden Wettingens geleistet. Ohne diesen Beitrag würde die Armut, beispielsweise durch Bettler, viel stärker sichtbar werden», ist Liembd überzeugt.
Wie aus dem Rechenschaftsbericht der Gemeinde zu entnehmen ist, wurden im Jahr 2010 in Wettingen 535 Haushalte – Einzelpersonen und Familien – mit Sozialhilfe unterstützt. Die Ursachen für den Bezug von materieller Hilfe sind vielfältig: Trennung oder Scheidung, Arbeitslosigkeit, unzureichende Sozialversicherungsleistungen, Erkrankungen oder Unfälle, Suchtprobleme und Alters- und Pflegeheimaufenthalte. Bedenklich findet Liembd, dass sich zunehmend Familien bei der Sozialhilfe anmelden müssen, weil das Einkommen trotz 100-Prozent-Pensum nicht mehr reicht.
«Ich erlebe, dass die meisten Gesuchsteller gerne arbeiten würden, denn in unserer Gesellschaft definiert man sich über die bezahlte Arbeit.» Liembd nimmt sich da nicht aus und freut sich, wenn er und seine Mitarbeitenden am 12. November einer möglichst breiten Bevölkerung Einblick in die Arbeit der Sozialen Dienste geben können.
Tag der offenen Tür der Sozialen Dienste am Samstag, 12. November, 9–14 Uhr, Führungen um 10, 11 und 13 Uhr, Landstrasse 89.


