Nickerchen im «Voltaire»-Sessel
Jacqueline Gilly-Mournier wird 100 Jahre alt. Aus Frankreich kommend, lebt die Jubilarin heute in Wettingen.

Dass sie einmal so alt werden würde, hat sie wohl selbst nicht geglaubt. Ihr Sohn Patrice Gilly erzählt, wie sie noch letztes Jahr ihr Alter ausgerechnet hätte. «Mit 99 Jahren war sie ganz erstaunt, wie schnell die Jahre an ihr vorbeigezogen sind.» Nun ist es bald so weit: Am 20. Dezember wird Jacqueline Gilly-Mounier bei Austern und Champagner – so will es die Tradition – im Kreis der engsten Angehörigen ihren 100. Geburtstag feiern.
Zum Zeitpunkt des Besuchs gönnt sich die Jubilarin in einem «Voltaire»-Sessel ein Nickerchen. Ihre beringten Finger mit den rot lackierten Nägeln umfassen die Lehne des Stuhls, in dem sie fast einzusinken scheint, die Augen hinter der grossen Brille sind geschlossen. Jacqueline Gilly-Mournier wohnt seit dem Tod ihres Mannes 2007 alleine in ihrer Wohnung in Wettingen und wird rund um die Uhr von drei Spitex-Betreuerinnen umsorgt. «Wacht meine Mutter um drei Uhr morgens auf und hat Hunger, ist jemand für sie da», ist Patrice Gilly froh. Überhaupt sei seine Mutter immer eine Individualistin gewesen. Das soll ihr auch im hohen Alter noch gegönnt sein. «Vielleicht ist sie deshalb so alt geworden und lebt auch jetzt noch ohne Medikamente.» Von gesellschaftlichen Zwängen habe sie nie etwas gehalten, erzählt der Sohn. «War ihr Small Talk an der Tischrunde zuwider, zog sie sich zurück.» Se retirer à l’anglaise, wie man in Frankreich sagt.
In der Kleinstadt Tourcoing nahe der belgischen Grenze ist Jac- queline Gilly-Mournier 1913 geboren und hat dort ihre Kindheit verbracht. Die junge Jacqueline hat sich schon früh für Musik und Literatur interessiert, tanzte Ballett. In Lille studierte sie dann aber Pharmazie, einer der wenigen Studiengänge, die Frauen damals offen standen. «Sie hätte wohl lieber Literatur studiert», vermutet ihr Sohn heute, hat sie doch bis vor einigen Jahren sehr viel gelesen: von russischen Autoren und Simone de Beauvoir, ihrem grossen Idol. Doch Jacqueline Gilly-Mournier wurde Apothekerin und hat einen Mitstudenten geheiratet. Die beiden zogen zusammen in die Normandie und führten eine Apotheke, hatten zwei Kinder, die heute immer noch in Frankreich leben. Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges trennte sich das Paar, Jacqueline Gilly-Mournier zog nach Paris und leitete dort eine Apotheke. Eines Abends sass sie im Theater neben einem Schweizer Jura-Studenten und verliebte sich. In den 1950er-Jahren folgte sie Jürg Gilly in die Schweiz. Doch da im Konkubinat lebende Paare damals in Zürich nicht erwünscht waren, zogen die beiden in den Kanton Aargau, lebten mit dem gemeinsamen Sohn Patrice unter anderem in der Alten Mühle in Otelfingen, bis sie nach Wettingen kamen.
«Ihr Herz blieb wohl immer in Frankreich», sagt Patrice Gilly. «Über die dortige Politik war sie immer auf dem Laufenden.» In letzter Zeit habe sie sich immer mehr zurückgezogen. Das Alter fordert seinen Tribut, sie schläft viel. In diesem Augenblick wacht die Jubilarin auf, trinkt zwei Gläser Orangensaft und tauscht den Sessel gegen das Bett ein.


