Mit den Kindern über Geld reden
Bei der Informationsveranstaltung für Eltern der IG Eltern – Lehrpersonen (IGEL) ging es um «Konsumrausch und Schuldenfalle» und dass Eltern mit ihren Töchtern und Söhnen über Geld sprechen.

Rund 50 Interessierte folgten am 12. März der Einladung der Interessengemeinschaft Eltern – Lehrpersonen (IGEL) und fanden den Weg zur Kanti Wettingen. Der Titel dieser Veranstaltung war vielleicht etwas provokativ formuliert. Doch es entspricht den Tatsachen, dass gerade junge Menschen unter 25 Jahren eher und auch zunehmend gefährdet sind, in die Schuldenfalle zu tappen. Kindern und Jugendlichen steht immer mehr Taschengeld zur Verfügung. Dies macht sie zu einer sehr interessanten Marketing-Zielgruppe. Dieser steigenden Finanzkraft gegenüber steht die noch nicht vollendete Suche nach sich selbst.
Eröffnet wurde der Abend durch Prorektor Peter Stirnemann mit einer Übersicht über die mit dem Besuch der Kanti Wettingen verbundenen Kosten. Die den Eltern kommunizierten Richtwerte – 1000 Franken im ersten und 500 Franken in den folgenden Jahren – wurden von Klassenkassen-Stichproben bestätigt, jedoch können Klassenlager, Sprachaufenthalte, Exkursionen oder Kurse der Freifächer diese Beträge erhöhen.
Hans Peter Wehrli, Leiter des Instituts für Betriebswissenschaften und Marketing der Uni Zürich, setzte die Reihe der Referate mit Ergebnissen von Marketingstudien und Konsumentenstatistiken fort, welche dem Publikum äusserst interessante Zusammenhänge enthüllten. In seinem lebendigen und alltagsnahen Referat zeigte Wehrli z.B. die gründlich erforschten Schritte bis zum Kaufentscheid auf sowie die verschiedenen Aspekte, die diesen beeinflussen: Bezugsgruppen, per- sönliche Werte, Emotionen, Gewohnheiten. Des Weiteren wurde den Anwesenden klar gezeigt, dass – mit Ausnahme der Pharma-Branche – alle Märkte in der Schweiz gesättigt sind: Unterhaltung, Automobil, Elektronik, Kleider usw. Es werde überall um jeden einzelnen Kunden gekämpft. Die eingangs erwähnte Finanzkraft der Jugendlichen könne man auf jährliche 200 Mio. Franken schätzen, was die gezielte Werbung, Plakate oder Offerten speziell für Jugendliche nachvollziehbar und legitim erscheinen lässt. Der Vortragende sprach den Jugendlichen aber wiederholt sein Vertrauen aus: Die allermeisten informieren sich und wissen, wo Informationen zu holen sind. Bezugsgruppen wie auch Communities spielen dabei eine zentrale Rolle.
Von ihren Eltern sollen die heranwachsenden Kinder schrittweise in eine Budget-Unabhängigkeit entlassen werden. Zum Schluss warnte Wehrli: Typologie-Studien hätten gezeigt, dass 55 Prozent der jetzigen Jugendlichen schuldengefährdet seien.
Andrea Fuchs, lic. phil. Psychologin, Präventionsverantwortliche Schuldenberatung AG-SO, vertiefte in ihrem Beitrag den Aspekt der Schulden, die entsprechenden Gefahren und Auswege. Gleich zu Beginn zeigte sie dem Publikum das Ausmass der Problematik: Mehr als 650000 Personen in der Schweiz haben Steuerschulden. Man solle, so Fuchs, das Geld enttabuisieren: Über Geld und Taschengeld, über die Ausgaben der ganzen Familie soll man offen reden und die Verteilung des zur Verfügung stehenden Budgets soll bereits den Kindern gezeigt werden, beispielsweise als Kuchendiagramm. Es muss klar werden, dass es Fixkosten gibt, die unumgänglich sind (Wohnen, Nahrung, Versicherungen, Steuern usw.) und wie viel diese vom Familienbudget verschlingen. Mit fortschreitendem Alter und nach Möglichkeiten der Familie soll der Nachwuchs über einen festen Betrag für die eigenen Bedürfnisse verfügen: angefangen mit Süssigkeiten bis zu Kleidern, Ausgang oder Fahrschule; eine Vorbereitung für den ersten Lohn, fürsspätere unabhängige Leben. Mit auf den Weg gab Fuchs den anwesenden Eltern den Gedanken einer wichtigen Grundkompetenz: «Kann ich warten?» Mit verschiedenen auch kreativen Anreizen soll klar werden, dass nicht alles und jetzt passieren bzw. verfügbar sein muss oder kann.
Eine angeregte Diskussion in einer sehr angenehmen Atmosphäre folgte den drei Referaten. Die anwesenden Eltern suchten Antworten oder Rat bei den Vortragenden oder bei anderen Eltern zu hochaktuellen Alltagsthemen, z.B. chronisch nicht bezahlte Mahnungen volljähriger Kinder, Taschengeld des selbst verdienenden Nachwuchses oder gewisse «Impfmechanismen» gegenüber aggressiver Werbung. Über solche Themen offen zu reden braucht eine gute Portion Mut. Die differenzierten Antworten der Referierenden waren für alle ein Gewinn und brachten zusätzliche, interessante Informationen.(gd/sf)
Die Unterlagen zu den Referaten dieses Informationsabends mit Hinweisen, Tipps und Kontakten stehen zum Download bereit: www.kanti-wettingen.ch unter Kontakt: Eltern.


