Entschädigung als Taktik?

Bayer will die durch ihr Fungizid geschädigten Rebbauern entschädigen. Die betroffenen Wettinger Winzer Paul Steimer und Hubert Egloff sowie der Branchenverband Aargauer Wein sind vom Angebot des Pharmaunternehmens wenig begeistert.

Deformierte Beeren im Wettinger Rebberg. Foto: se
Deformierte Beeren im Wettinger Rebberg. Foto: se

Der Pharmakonzern Bayer liess am 13. Oktober in einer Medienmitteilung verlauten, dass er die betroffenen Schweizer Winzer, die im Jahr 2014 das Pilzschutzmittel «Moon Privilege» angewendet haben und dadurch in dieser Saison einen Ertragsausfall verzeichnen, mit einer freiwilligen Zahlung entschädigen will. Obwohl laut Bayer immer noch nicht eindeutig geklärt werden konnte, weshalb die Wuchsanomalien an den Reben aufgetreten sind, hat der Pharmariese die Entscheidung getroffen, den Winzern auf freiwilliger Basis eine Entschädigung zu zahlen. Mit dieser Entschädigung könnten die betroffenen Winzer zumindest «einen Teil ihrer Ernteausfälle ersetzen», steht in der Medienmitteilung.

Die Wettinger Rebbauern halten nicht viel vom Angebot des Pharmakonzerns. «Diese Entschädigung ist ein Witz. Bayer will nur einen Teil des Ertragsausfalls übernehmen. Was ist mit den Ausfällen in der Kelterei und im Verkauf?», fragt sich Paul Steimer, betroffener Winzer und Trottmeister. «Für mich sieht dies eher nach einem Trinkgeld als nach einer Zahlung aus», findet auch Meinrad Steimer, Kellermeister der Weinbaugenossenschaft Wettingen.

Die individuellen Entschädigungsangebote sollen laut Bayer den Winzern je nach Betroffenheit im 1. Quartal 2016 mitgeteilt werden. Problematisch sieht die mögliche Zahlung von Bayer Anfang 2016 auch Winzer Hubert Egloff. Er glaube noch nicht daran, dass Bayer die Winzer tatsächlich entschädigt. «Was heisst Bayer zahlt? Sie können uns auch ein paar Franken geben, und das bedeutet, dass sie uns bezahlt haben», zweifelt Egloff am Zahlungsversprechen. Der Wettinger Winzer, der seinen Lebensunterhalt mit den Trauben vom Lägernhang verdient, hat viele offene Fragen. «Was ist nächstes Jahr? Wir wissen nicht, ob die Reben immer noch Folgeschäden aufweisen», sagt Egloff. Wenn man das Angebot annehme, würde man abgefertigt und habe bei Folgeschäden keinen Anspruch mehr, Geld zu fordern, meint er.

Auch Paul Steimer findet, dass der Pharmakonzern nicht mit fairen Mitteln spielt. «Bayer will, dass wir Weinbauern klein beigeben», bringt der Winzer die Zermürbetaktik des Pharmaunternehmens auf den Punkt. Aus diesem Grund würde Bayer immer wieder Belege, Fotos und Übersichten über die Erträge der letzten Jahre einfordern, so Steimer. Die Winzer wollen nun abwarten und hoffen auf das Verhandlungsgeschick des Schweizerischen Weinbauernverbandes, der mit Bayer ein akzeptables Resultat aushandeln soll. «Der Schweizerische Weinbauernverband hat sich zu schnell mit dem Angebot von Bayer zufrieden- gegeben», weist Pascal Furer, Geschäftsführer vom Branchenverband Aargauer Wein, auf die Differenzen des nationalen und kantonalen Verbandes hin. «Die Winzer müssen zu 100% für die Ernteausfälle, aber auch für die Ausfälle im Verkauf und den Mehraufwand entschädigt werden», fordert Furer. Man sei an einer aussergerichtlichen Einigung interessiert. Würde Bayer den Winzern jedoch nicht entgegenkommen, müssten rechtliche Schritte eingeleitet werden, so Furer.

«Besonders bitter für die Weinbauern ist zudem, dass der Ausfall nicht in einem guten, sondern einem hervorragenden Weinjahr aufgetreten ist», fügt Furer an. Dies bestätigt auch Meinrad Steimer: «Die guten Wetterbedingungen und die Inaktivität der Kirschessigfliege durch die hohen Temperaturen haben zu einer ausgezeichneten Qualität der Trauben geführt.» Mit dem Entschädigungsversprechen von Bayer ist das letzte Wörtchen in diesem Fall also noch nicht gesprochen.

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