Schüler schätzen, was echt ist
Was kann die echte Begegnung, was künstliche Intelligenz nicht kann? In einem Kulturvermittlungsprojekt gehen Neuenhofer Jugendliche dieser Frage auf den Grund.
Wer ist diese Person? Das fragten sich vergangene Woche Neuenhofer Schülerinnen und Schüler, die sich auf die Ausstellung vorbereiteten, die ab morgen bis Ende November im Gemeindehaus zu sehen ist. Ein Foto musste den Jugendlichen reichen, um einen Steckbrief über die abgebildete Person zu verfassen. Schülerin Nesil Desteci vermutet, dass der abgebildete Mann 71 Jahre alt ist, Joel Müller heisst und gern spazieren geht. Die künstliche Intelligenz (KI) schätzt ihn 66-jährig, nennt ihn Peter Haller und vermutet, dass er passionierter Velofahrer ist. Ob sie richtig lagen, erfuhren die Schülerinnen und Schüler erst ein paar Stunden später.
Die Aufgabe ist Teil des Kulturvermittlungsprojekts «Schönheit des Realen erkennen». Die Achtklässler setzten sich im Zukunftslabor in Wettingen eine Woche lang mit KI, Wahrnehmung und echten Begegnungen auseinander. Ziel des Projekts: Jugendliche sollen die Qualität des Realen neu entdecken. «Im Zentrum steht nicht die Kritik digitaler Medien, sondern die Erweiterung von Erfahrungen», heisst es im Projektbeschrieb.
Kritisch und offen zugleich
«Ich bin überrascht, wie kritisch die Schülerinnen und Schüler KI hinterfragen», sagt Friederike Vinzenz. Trotzdem seien die Jugendlichen sorglos im Umgang mit KI unterwegs, stellt die Medienpsychologin fest und meint das durchaus positiv. Das bestätigt auch Géraldine Eliasson, die Lehrperson der anwesenden zweiten Oberstufenschülerinnen und -schüler. «Sie nutzen das Digitale, sind aber nicht entfremdet in der realen Welt.» Warum sie kritisch ist, verrät Schülerin Beatriz Macedo Martins gleich selbst: «KI sagt immer, was du hören willst.» Als Beispiel nennt die Schülerin die Suche nach der passenden Farbe des Nagellacks. «Frage ich, ob mir pink steht, antwortet KI: ‹Ja, pink steht dir›, während ich mit meiner Kollegin darüber diskutieren kann und sie mir ihre ehrliche Meinung dazu sagt.»
Aurora Gashi machte letzte Woche eine andere Erfahrung. Die Schülerin machte Naturaufnahmen, gab die Bilder im Chatbot ein und bat um ein Gedicht. Später lieferte sie Stichworte nach und bat um ein weiteres. Am Schluss dichtete sie selbst und brauchte KI nur noch zum Austauschen. «Mit KI ist es zwar einfacher, aber es macht nicht gleich viel Spass», resümiert Gashi und liest stolz vor: «Die Blätter fallen auf das Gras. Der Herbst macht draussen richtig Spass. Der Baum ist braun, die Wiese grün, bald werden neue blühn.»
Vernissage am Freitagabend
Spannend wurde es, als die Schulklasse Besuch von den Porträtierten bekam. Der Mann heisst in Wirklichkeit weder Müller noch Haller, sondern Kurt Benz, ist 69 Jahre alt und spielt Faustball. Während die Schüler bei der Beschreibung ihrer Fantasie freien Lauf liessen, berechnet KI Wahrscheinlichkeiten, folgt Mustern und prüft Daten. Was häufig vorkommt, wird von ihr als wahrscheinlich eingestuft. «Für mich war es interessant zu erfahren, wie man mich sieht», sagte der Neuenhofer. Nesil Desteci hingegen hat dank Benz eine neue Sportart kennengelernt: «Ich kannte Faustball nicht.»
An der Vernissage am Freitag werden einige Steckbriefe zu sehen sein. Ebenso wie eine Fotomaschine mit malenden Schülern statt eines Fotoapparats. Designer Urs Dätwiler dazu: «Statt Fotos malen die Jugendlichen spannende Bilder.» Mit Schauspielerin Simona Hofmann lernten die Schüler, mit Blick und Gesichtsausdruck zu spielen. Erfahrungen, die man nur real erleben kann. Oder wie Schülerin Yaeimi Henriquez Martinez sagt: «Diese Emotionen kann uns KI nicht geben.»










