«Ich liebe geraffte Stoffe»

Seit ihrem Stage beim Zürcher Label Adam Brody verfolgt Yanie Shi den Traum, Modedesignerin zu werden. Nun startet ihr Studium in Paris.
«Ich wollte für diese Fotosession etwas nähen, dass ich gern im Alltag trage. Da ich geraffte Stoffe total schön finde, entstand diese weite Hose», erzählt die Neuenhoferin Yanie Shi. Die drei Meter Rohbaumwollstoff, welche die 21-Jährige innert drei Stunden verarbeitete, fand sie an ihrem Lieblingsstand auf dem Markt am Maibachufer in Berlin, wo sie ein Jahr lang lebte und bei unterschiedlichen Projekten Erfahrungen als Designerin sammelte. Nebenbei jobbte sie im bekannten Warenhaus «Kaufhaus des Westens», wo sie die arroganten Auftritte von so manchen steinreichen Kundinnen nicht lang aushielt und die Lohneinbusse beim Servieren im unprätentiösen koreanischen Szenerestaurant Yam-Yam in Kauf nahm. «Im Team und mit den Gästen hatten wir es immer gut.»
Yanie Shis Wurzeln liegen in China. Ihre Eltern wollten eigentlich in die USA auswandern, doch die Terroranschläge des 11. September 2001 vergifteten das dortige politische Klima so sehr, dass ihr Vater eine Doktorandenstelle in Biologie an der Universität Zürich vorzog. Seine Frau und die ältere Tochter folgten ihm bald. Die Familie zog nach Neuenhof, wo Yanie 2005 geboren wurde. «Ich habe meine Kindheit sehr genossen, weil ich mich in unserer Klasse wohlfühlte und im Dorf fast alle Menschen kannte.» Das hatte auch damit zu tun, dass ihre Mutter sie animierte, Sport zu treiben und zu musizieren. Sie probierte Gymnastik, Basketball, Badminton, Schwimmen und Eiskunstlauf aus und spielte Klavier, Gitarre und Geige. Nichts begeisterte sie jedoch so anhaltend wie das Thema Mode. «Allerdings konnte ich mir als Teenager noch nicht vorstellen, dass ich Designerin werden könnte.»
Gestärktes Selbstbewusstsein
Das Feuer entfachte die opulente Robe, die Superstar Rihanna bei einer Gala in der New Yorker Met trug. In ihrer Maturaarbeit an der Kanti Baden entwickelte Yanie Shi Ideen, wie man das Qipao, ein enges Kleid mit Stehkragen, das in China seit Jahrhunderten bei festlichen Anlässen getragen wird, neu interpretieren kann, damit sich die Frauen darin freier bewegen können.
Danach absolvierte sie ein einjähriges Praktikum bei Adam Brody, der seit 25 Jahren in Zürich ein namhaftes Label hat. «Mit seiner zeitlosen, nachhaltigen Mode und dem Umgang mit seinem Personal hat er meine Denkweise sehr inspiriert», meint Yanie Shi rückblickend. «Er riet mir, nicht nur neugierig und mutig zu sein, sondern stärkte im Hinblick auf die folgenden Bewerbungen mein Selbstbewusstsein.» Adam Brody sagte zu ihr: «Nicht du willst die Schulen, die Schulen wollen dich.»
Yanie Shi bereiste zunächst alle Modemetropolen. New York gefiel ihr als Stadt, doch wäre es ihr auf Dauer zu hektisch. Die Szene in London fand sie jung und trendy und in Mailand Labels wie Prada, Gucci und Armani cool. Persönlich entspricht ihr der Stilmix an den Berlin Fashion Weeks am meisten, auch mag sie die Mentalität und die Atmosphäre. Ausserdem lernte sie dort vor neun Monaten ihren Freund Matthies kennen. Er ist Skater und Skatechoach, Fotograf und Videograf. «Leider werden wir uns in nächster Zeit wenig sehen, da er sein Nordamerikanistikstudium weiterführen will und ich mich für die Ausbildung in Paris entschieden habe, weil es immer noch das Modemekka ist», bedauert Yanie Shi.
Um ab kommender Woche an der 1841 gegründeten Esmod studieren zu können, musste sie einen anspruchsvollen Aufnahmeprozess überstehen. Die Einreichung einer Mappe mit früheren Arbeiten gehörte ebenso dazu wie Skizzen, Collagen, Moodboards und Kleidungsstücke, die innert nur zehn Tagen passend zu einer Storyline entwickelt werden mussten. Abschliessend entschied ein Gremium, ob sie würdig ist, an der ältesten Modeschule der Welt zu studieren.
Herausforderungen und Träume
«Die ersten Monate werden sicher sehr hart», meint Yanie Shi. «Nicht nur weil der Einstieg inhaltlich anspruchsvoll ist, sondern weil mein Kanti-Französisch eingerostet ist.» Fürs Erste wohnt sie in einem winzigen Studio, das im Herzen der Stadt liegt – unweit von Champs-Élysées, Arc de Triomphe, Galerie Dior und Musée Yves Saint Laurent. Nur zu gern würde sie eines Tages für ein weltbekanntes Label arbeiten. Von den aktuellen Topdesignern favorisiert sie den Georgier Demna, Creative Director bei Gucci. «Er hat eine Vision und provoziert, weil er stets an die Grenze oder darüber hinaus geht.» Wichtig ist ihr nicht das Rampenlicht, sondern die Möglichkeit, ihren eigenen Stil zu entwickeln. Hohe Ziele hat sie dennoch, hat sie doch eine Äusserung von Guo Pei, der Königin der chinesischen Haute Couture, zu ihrem Wahlspruch gemacht: «Mein Traum ist es, das schönste Kleid zu entwerfen, das ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe.»


