«Ich fühlte mich fremd»

Psychiatrie-Spitex vor Ort: Sabrina Hug (l.) besucht Isabella Heykal einmal pro Woche – mit dabei Bordeaux-Dogge Molly.Bild: Melanie Bär
Psychiatrie-Spitex vor Ort: Sabrina Hug (l.) besucht Isabella Heykal einmal pro Woche – mit dabei Bordeaux-Dogge Molly.Bild: Melanie Bär

Psychiatrie-Spitex statt Klinik: Ein Unfall warf Isabella Heykal aus ihrem alten Leben. Heute hat die 47-Jährige gelernt, mit ihren Krankheiten und Diagnosen umzugehen. Eine wichtige Stütze dabei ist die Psychiatrie-Spitex. Ein Augenschein vor Ort.

«Molly am besten nicht beachten, am Anfang ist sie scheu», sagt Isabella Heykal, die mit ihrer Bordeaux-Dogge an der Leine vor dem Wohnblock bereits auf die Spitex Wettingen-Neuenhof wartet. Seit zehn Jahren kommt einmal wöchentlich eine auf Psychiatriepflege spezialisierte diplomierte Pflegefachperson bei der 47-Jährigen vorbei. Seit acht Monaten ist es Sabrina Hug. Normalerweise beginnt der Hausbesuch mit einem Spaziergang. Heykal erzählt von den Hochs und Tiefs der vergangenen Woche. «Vielen Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität (ADHS) fällt es beim Gehen leichter, ihre Gedanken zu ordnen und sich zu fokussieren», weiss Hug. Nach dem Spaziergang setzen sich die beiden Frauen in der Wohnung aufs Sofa, Molly schläft daneben ein.

Im Wohnzimmer hängen unzählige Grünpflanzen von der Decke. Daneben stehen noch nicht ausgepackte Zügelkisten. «Ich hatte zu wenig Energie, um alles einzuräumen», sagt Isabella Heykal mit entschuldigendem Blick auf die Kartonkisten. Aufgrund einer Herzinsuffizienz versorgt ihr Herz den Körper nicht mehr ausreichend mit sauerstoffreichem Blut. Deshalb muss Isabella Heykal ihre Kräfte gut einteilen. Hinzu kommen eine chronische Darmentzündung, ADHS und das Asperger-Syndrom. Letzteres wurde erst vor einem Jahr diagnostiziert. «Die Diagnose gab mir ein neues Lebensgefühl. Vorher habe ich mich fremd gefühlt. Alle machten es so und ich anders. Nun lerne ich, mich besser wahrzunehmen», sagt die 47-Jährige.

«Superkräfte» als Ressource

Sabrina Hug kennt Heykals Diagnosen und hilft ihr, Bewältigungsstrategien einzuüben, um im Alltag damit umzugehen. «Wir arbeiten ressourcenorientiert», sagt Hug und erwähnt die «Superkräfte» von Menschen mit ADHS und Asperger. Heykal hat gelernt, ihren Ideenreichtum und die Hyperaktivität zu nutzen, um aktiv zu werden. Im Gegenzug hilft ihr die Struktur des Spektrums, nicht zu überborden.

Und manchmal braucht es einen fachlichen Aussenblick. «Als sie mir kürzlich von Bauchschmerzen und Herzflattern berichtete, vermutete ich hinter den Symptomen nicht Stress, sondern Verliebtheit», erzählt Hug und fragt Isabella Heykal, wann ihr Partner von den Ferien zurückkomme. «Morgen», antwortet Heykal und strahlt. Sie will ihren Freund am Flughafen empfangen und bespricht mit Sabrina Hug den Tagesablauf. Sie hat gelernt, auf Körper und Psyche Rücksicht zu nehmen. Packt sie zu viele Aktivitäten in den Tag, rächt sich das an ihrer Gesundheit.

Ein Unfall, der alles veränderte

Sich die Energie bewusst einzuteilen, musste sie früher nicht. Im Gegenteil. Neben dem Germanistik- und Kunstgeschichtestudium an der Uni Zürich arbeitete sie bei einem Versicherungsbroker und als Yoga- und Fitnesstrainerin. «Ich stemmte mit der Beinpresse locker 140 Kilogramm», erinnert sie sich. Dann kam der Bruch. Kurz vor dem Studienabschluss hatte sie mit 34 Jahren einen unverschuldeten Autounfall. Im Vergleich zum komplett demolierten Auto war sie mit der Gehirnerschütterung und dem Schleudertrauma glimpflich davongekommen – auf den ersten Blick. «Viel schlimmer war das Trauma, das durch den Unfall reaktiviert wurde», sagt die Wettingerin mit ungarisch-polnischen Wurzeln, die in Neuenhof aufgewachsen ist.

«Wenn Menschen durch ein Ereignis aus ihrem gewohnten Leben katapultiert werden, kann ein Trauma wieder aufbrechen», ordnet Fachfrau Sabrina Hug ein. Das Studium konnte Heykal nicht beenden, es folgten Aufenthalte in der Psychiatrie und eine berufliche Wiederintegration. Schliesslich wurde ihr aufgrund der Herzerkrankung eine IV-Rente zugesprochen. Auch dank der Unterstützung der Psychiatrie-Spitex waren in den vergangenen zehn Jahren keine weiteren Klinikaufenthalte nötig. «Das ist unser Ziel», so Hug.

Zufriedenheit statt Selbstzweifel

«Ich habe mir mein Leben anders vorgestellt», sagt Isabella Heykal und streichelt ihren Hund, der mittlerweile aufgewacht ist. Als junge Frau habe sie von einer Familie mit Kindern geträumt. «Schade», sagt sie und fügt einen Moment später an: «Trotzdem bin ich zufrieden und stehe jeden Tag gern auf. Wäre alles linear verlaufen in meinem Leben, hätte ich meine Traumata wahrscheinlich nicht aufgearbeitet.» Sie habe sich neu kennen- und akzeptieren gelernt. «So wie ich bin. Früher habe ich funktioniert, litt unter schweren Selbstzweifeln und war innerlich gestresst.» Sie umarmt Molly, die als Assistenzhund anerkannt wurde und ihr offensichtlich guttut. «Und ich hätte dich nicht.»

Gelernt, Widerständen zu trotzen

Vieles sei ihr durch die Gespräche mit der Spitex-Fachfrau bewusst geworden. «Du hast gelernt, mit deinen Widerständen umzugehen, statt sie zu bekämpfen. Das war dein Gamechanger», resümiert Sabrina Hug. Im Gegensatz zu Therapeuten und Ärzten stellt sie keine Diagnose, sondern unterstützt ihre Klienten dabei, den Alltag mit der Einschränkung zu bewältigen. «Ich helfe, das in der Therapie Gelernte im Alltag anzuwenden und die eigenen Ressourcen zu stärken.» So nutze sie zum Beispiel Heykals gute Selbstreflexion und habe mit ihr einen Krisenplan erarbeitet. Sie habe angeregt, dass sich Heykal beim Umzug Hilfe hole und ihre beiden «Superkräfte» als Bewältigungsstrategie im Alltag einsetze.

Die Stunde ist um. Die beiden Frauen stehen auf. Nicht ohne vorher eine Aufgabe definiert zu haben. Einmal mehr heisst sie «Selfcare». Auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und sich nicht zu überfordern, heisst für Heykal, ihre Häkelsachen mitzunehmen, wenn sie ihren Freund vom Flughafen abholt. Die Handarbeit hilft ihr, sich zu beruhigen, wenn sie nervös ist. Ebenso, ihren Vierbeiner zu streicheln. Molly ist ebenfalls aufgestanden. Der Assistenzhund begleitet sein Frauchen, das Sabrina Hug zum Auto zurückbegleitet und ihr beim Abschied winkt. «Ich freue mich, wenn sie in einer Woche wiederkommt, weil mir ihr Besuch guttut», sagt Isabella Heykal beim Abschied.

Psychiatrie-Pflege als Spitex-dienstleistung

Spitex-Organisationen mit öffentlichem Leistungsauftrag – wie die Spitex Wettingen-Neuenhof – stellen die pflegerische Grundversorgung daheim sicher. Die Spitex ist verpflichtet, neben pflegerischen Aufgaben, Wundpflege und Palliative Care auch psychiatrische Pflege anzubieten. Kleinere Organisationen arbeiten dafür oftmals mit grösseren Organisationen zusammen. Für eine Kostenübernahme braucht es eine ärztliche Verordnung.

Die Spitex Wettingen-Neuenhof AG ist eine gemeinnützige Aktiengesellschaft (AG) die zu 100 Prozent dem Spitex-Verein Wettingen-Neuenhof gehört. Die Geschäftstätigkeit läuft über die AG. Der Jahresumsatz der Spitex Wettingen-Neuenhof betrug im Jahr 2025 5,7 Mio. Franken. 50,3 % (2,9 Mio. Franken) wurde von der Grundversicherung der Krankenkasse übernommen. 46,3 % der Kosten trugen die Gemeinden (Wettingen: 2,1 Mio. Franken, Neuenhof: 0,5 Mio. Franken). 3,4 % (200 000 Franken) zahlten die Klienten selbst. Die Gehälter machen rund 87% der Kosten der Spitex aus.

Die Psychiatrie-Spitex ersetzt keine Therapie und keinen Arzt, sondern arbeitet ergänzend aufgrund von Diagnosen. Zurzeit betreuen 5 Pflegefachfrauen mit Zusatzausbildung Psychiatrie rund 70 Klientinnen und Klienten in Wettingen und Neuenhof ein- bis zweimal pro Woche. (bär)

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