Er setzt sich für Stiefelgeissen ein

Als Kind wollte Sven Wüst Zoowärter werden. Heute präsidiert der Birrharder den Stiefelgeissen-Züchterverein Schweiz und arbeitet in Wettingen und Würenlos mit Menschen mit Beeinträchtigung.
Acht Geissen rennen zum Zaun, als Sven Wüst und Sara Peyer vor der Weide am Waldrand in Scherz Futter und Wasser aus dem Kofferraum ihres Autos nehmen. Die Glocken am Hals der Geissen bimmeln laut durcheinander. Mit den Hörnern stossen sie sich gegenseitig vom Futtertrog weg, den der 28-Jährige mit Maiswürfeln befüllt. «Dieses Jahr sind sie besonders streitlustig», kommentiert der Landwirt. Er vermutet, dass es an der Trockenheit liegt. Sie führt dazu, dass es weniger frisches Gras auf den Weiden gibt. Alle Ziegen sammeln sich um einen einzigen Futtertrog, der andere bleibt unbeachtet. «Das ist typisch. Sie haben das Gefühl, dieses Futter sei besser, obwohl es dasselbe ist.»
Heute gibt er kein zusätzliches Kraftfutter. Sven Wüst will, dass sie die Weide «leer putzen», wie er sagt. Nachdem die 40 Aren grosse Fläche gemäht worden ist, säubern die robusten Bergziegen dort, wo man mit der Maschine nur schwer hinkommt. Stiefelgeissen sind eine extensive Rasse, die mit wenig zufrieden ist und auch Dornen und Studen frisst. Ideal, um Flächen offen zu halten und die Ausbreitung des Waldes einzudämmen.
Auf die Kuh folgen die Geissen
Das Land in Scherz gehört einem Landwirtkollegen von Wüst, der froh über die natürliche Pflege seiner Weide ist. Etwa einen Monat bleibt die Herde dort, dann wechselt sie zur nächsten Fläche, diesmal nach Möriken an die Bünz. Nur etwa vier Monate im Winter verbringen die Geissen im Stall auf dem Bauernbetrieb seines Göttis in Lupfig.
«Das sind Sinja, Elsa und Rosalie», sagt Sven Wüst und zeigt auf drei Ziegen. Sie gehören ihm und seiner Freundin Sara, der Rest einem Kollegen. Vor zwei Jahren haben Wüst und Peyer angefangen, Stiefelgeissen zu züchten. Das besondere Muster mit der Färbung an den Füssen, dem Rücken und der Stirn hat es ihnen angetan. Die ersten zwei Tiere fanden sie über ein Inserat. Vor einigen Jahrzehnten war der Bestand auf unter 20 Tiere gesunken. Die Schweizer Stiftung Pro Specie Rara setzt sich für den Erhalt und die Förderung der kulturhistorischen und genetischen Vielfalt von Pflanzen und Tieren ein und rettete die Stiefelgeissen vor dem Aussterben. Mittlerweile ist der Bestand auf rund 700 Tiere gewachsen. Sven Wüst zeigt auf eine Geiss. «Sie ist unser Sorgenkind.» Tatsächlich ist sie ein bisschen dünner als die anderen und hinkt beim Gehen leicht. Der einstige Landwirt hat alle Tiere im Blick, sie sind seine Leidenschaft. Seit zwei Jahren setzt er sich deshalb als Präsident für die Zucht der Stiefelgeissen ein.
Natur und Tiere als Lehrmeister
Doch nicht nur Tiere liegen ihm am Herzen, sondern auch Menschen. Als Betreuer in der Gartengruppe der Wettinger Arwo-Stiftung kann er seine beiden Leidenschaften seit ein paar Monaten vereinen. Dass der gelernte Landwirt heute Menschen mit IV begleitet, war nicht geplant. Nach seiner Lehre im Bündnerland absolvierte er in einem Altersheim Zivildienst. Das gefiel ihm so gut, dass er eine Weiterbildung zum Fachmann Aktivierung anhängte und in verschiedenen Stiftungen arbeitete. Bei der Arwo fand er schliesslich einen Arbeitsbereich, wo er mit Menschen und in der Natur arbeiten kann.
Vieles, was ihn Tiere und Natur lehrten, hilft ihm dort. «Die Geissen sind wie ein Spiegel. Wenn ich gehetzt bin, reagieren sie unwillig. Sie lehren mich Geduld und dass man nichts erzwingen kann.» Das tun die Menschen mit Beeinträchtigung ebenfalls. Später will sich Sven Wüst zum Agogen ausbilden lassen. Die Landwirtschaft bleibt trotzdem Teil seines Lebens: So wie heute haben seine Stiefelgeissen nach Feierabend Priorität. Die Ziegen scheinen es ihm zu danken und verteilen sich erst wieder auf dem Feld, als er und seine Freundin nach getaner Arbeit ins Auto steigen und davonfahren.


