«das letzte wort»

Melanie Bär, Redaktionsleiterin

«Mit dem Geburtsdatum 14. Februar 1924 vollende ich am 14. Februar 2024 mein hundertstes Lebensjahr. Dann bin ich nahe am Tod – zu diesem Ereignis, um das niemand herumkommt, habe ich ein kleines Gedicht verfasst», schrieb Walter Neukom aus Spreitenbach an die Redaktion. Dem mit einer Schreibmaschine adressierten Couvert lag das Gedicht bei.

Post von einem 100-Jährigen haben wir auf der Redaktion noch nie erhalten. Ich war neugierig, wer der Mann ist, der uns mit 100 Jahren schreibt, und rief bei ihm an. Er nahm das Telefon nicht beim ersten Anruf ab. «Ich höre nicht mehr so gut», entschuldigt er sich. Eine Stunde später bittet mich ein alter, freundlich lächelnder Mann in seine Stube. Erzählt, wie er mit neun Geschwister aufwuchs und bei der Mobilmachung des Zweiten Weltkriegs auf einem Hof aushalf, weil der «Meister» ins Militär einrücken musste.

«Wir waren in den Augen der Welt in der Jugendzeit arm, aber nicht elend. Verglichen mit unmenschlichen Kriegsschicksalen rund um unser Vaterland ging es uns gut», resümiert der 100-Jährige im Buch, in dem er seine Lebensgeschichte niederschrieb. Mir wurde bewusst, wie viel sich in den hundert Jahren verändert hat. Wir Menschen haben uns weiterentwickelt und trotzdem nicht aus allen Fehlern gelernt.

Auch wenn ich mir nicht anmasse, im zweistündigen Gespräch seine Lebensgeschichte erfasst zu haben (Artikel Seite 12/13), so nehme ich für mich trotzdem etwas aus dem Interview mit: dass der Glaube und eine gewisse Demut vor Überheblichkeit schützt und Dankbarkeit zu Zufriedenheit führt. Welch Glück, ins Leben dieses alten Mannes geblickt zu haben. Der zum 100. Geburtstag ein Buch herausgab und uns in seinem Gedicht wünscht: «Lebt wohl, die ihr auf der Erde noch bleibt.»

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