Würenlos will in die ältere Bevölkerung investieren

Wechsel an der Spitze: Nach 18 Jahren übergibt Monika Ender die Leitung an Jessica Engeli. Im Interview verraten sie, wie sie damit umgehen, dass die Fälle komplexer werden und das System finanziell an Grenzen stösst.
Der Standort der Spitex Würenlos befindet sich an der Buechstrasse, in einem alten, umfunktionierten Einfamilienhaus. Monika Ender öffnet die Tür und bittet in das ehemalige Wohnzimmer, das zum Sitzungsraum umfunktioniert wurde. Noch bis Ende Juni amtet die 64-Jährige als Geschäftsleiterin, dann geht sie in Pension. Die sechsfache Mutter kam 2005 nach 20 Jahren Familienpause zur Spitex Würenlos. Als diplomierte Pflegefachfrau übernahm sie 2008 die Geschäftsleitung, bildete sich berufsbegleitend weiter. Ende Juni übergibt sie an Jessica Engeli, die mittlerweile auch am grossen Holztisch Platz genommen hat. Seit zwei Jahren ist sie Leiterin Pflege in der Spitex und Enders Stellvertreterin. Die 32-Jährige hat ebenfalls eine Ausbildung als diplomierte Pflegefachfrau sowie mehrere Weiterbildungen absolviert. Am Interview dabei ist auch Ruth Niggli, seit 5 Jahren Präsidentin der Spitex Würenlos.
Wie gross war der Betrieb, als sie ihn nach drei Jahren übernahmen? Monika Ender: Wir waren 12 Mitarbeiterinnen. Heute sind es 35 Personen, davon auch drei Männer. Gesamthaft haben wir 18,7 Stellenprozente. Wir sind also eher eine kleine Spitexorganisation, auch wenn sich das Personal verdreifacht hat.
Warum ist der Bedarf gestiegen? Ender: Einerseits, weil die Leute früher aus dem Spital entlassen werden. Die Kliniken erhalten Fallpauschalen und entlassen ihre Patienten deshalb früher. Andererseits hat es damit zu tun, dass Würenlos ein Dorf ist. Viele Einwohner wollen so lange wie möglich daheim bleiben– auch weil wir in Würenlos kein Pflegeheim haben. Viele wohnen günstig in ihren Einfamilienhäusern und können bei gesundheitlichen Beschwerden dank der Spitex länger dort bleiben.
Jessica Engeli: Das Gesundheitssystem ist im Wandel. Heute gilt ambulant vor stationär. Das hat auch Folgen für unsere Arbeit. Die medizinischen Ansprüche steigen, die Fälle sind komplexer. Wir betreuen heute auch Klienten mit Vakuumverbänden oder Infusionen. Fachlich müssen wir immer auf dem aktuellsten Stand bleiben und uns weiterbilden. Die Spitex Würenlos ist zudem ein Ausbildungsbetrieb. Deshalb müssen wir uns nach den neusten Standards richten.
Werden die Patienten zu früh entlassen im Spital? Engeli: Kommt es zu Rehospitalisationen, fragt man sich schon, wäre es nicht sinnvoller gewesen, ein, zwei Nächte länger im Spital zu bleiben.
Ender: Es hängt oft von den Angehörigen ab. Es funktioniert, wenn jemand zu Hause ist, der den Grundbedarf der Patienten abdecken kann und beispielsweise das Kochen übernimmt oder bei Bedarf Hilfe holt.
Ist es eine gute Entwicklung? Ender: Ja. Das Personal im Spital ist oft überlastet und kann nur die medizinische Versorgung gewährleisten. Die Körperpflege oder der Kontakt mit den Patienten kommt im Spital oft zu kurz. Wir machen die Erfahrung, dass Klienten froh sind, mit unserer Unterstützung nach Hause zu dürfen.
Können Sie ein Beispiel nennen? Ender: Eine alte Frau verbrachte ein halbes Jahr im Spital. Sie war bettlägerig, sprach und ass nicht mehr. Vater und Sohn wollten sie heimholen. Das Spitalpersonal riet davon ab. Ich willigte trotzdem ein. Die Pflege war komplex, wir gingen drei- bis viermal pro Tag bei ihr vorbei. Zu Hause blühte die Frau wieder auf und lebte noch einige Monate. Sie sprach und ass wieder und bewegte sich mit dem Rollator fort. Ihr Mann war so dankbar, dass er seither an Weihnachten allen Spitex-Mitarbeitenden ein Geschenk vorbeibringt.
Haben Spitex-Mitarbeitende genug Zeit für ihre Klienten? Ender: Es gibt für jede Pflegeleistung eine Zeitvorgabe. Wir können nur diesen Betrag abrechnen, auch wenn wir mehr Zeit aufwenden. Als Non-Profit-Organisation mit öffentlichem Auftrag der Gemeinde Würenlos müssen wir alle Aufträge annehmen. Auch solche, die nicht rentieren. Wir fahren beispielsweise zu einem Klienten, um ihm zu helfen, die Strümpfe anzuziehen. Das rentiert nicht. Die Stundenansätze der Krankenkasse sind katastrophal tief.
Engeli: Jeder Handwerker kostet mehr pro Stunde als das, was wir verrechnen können.
Also haben auch Sie nicht genug Zeit für Ihre Klienten? Ender: Theoretisch könnten wir manche Leute nicht fragen, wie es ihnen geht. Die Antwort dauert zu lange und diese Zeit kann nicht verrechnet werden. Doch wenn wir das nicht mehr können, dann bin ich am falschen Ort.
Engeli: Vor Ort frage ich mich: Was braucht dieser Klient im Moment am meisten? Was steht auf dem Plan? Und oft kombinieren wir die geplanten Interventionen mit einem einfühlsamen Gespräch.
Ruth Niggli: Unser Credo ist es, eine gute Beziehung aufzubauen, damit die Klienten Vertrauen in uns haben. Speziell ist sicher auch der Morgenrapport, wo alle anwesend sind und man sich gegenseitig informiert. So haben alle den gleichen Informationsstand. Das macht es auch für die Angehörigen einfacher. Und es ist viel persönlicher, als sich übers elektronische Dossier über den Zustand der Klienten zu informieren.
Ender: Wir arbeiten sehr kostenbewusst und sparen. Doch am Schluss gibt es zwischen den Vollkosten und dem, was die Krankenkasse übernimmt, Restkosten. Im Jahr 2024 betrug der Defizitbetrag 979601 Franken. Er wird von der Gemeinde übernommen. Der Gemeinderat steht hinter uns. Es gab nie Probleme deswegen. In Würenlos will man in die ältere Bevölkerung investieren.
Wie alt sind Ihre Klienten? Niggli: 64 % sind zwischen 70 und 90 Jahre alt, 10 % älter als 90, das Durchschnittsalter ist 82,32 Jahre. Offiziell betreuen wir Einwohner ab 18 Jahren, Wundverbände machen wir auch bei jüngeren.
Frau Engeli, Sie übernehmen Anfang Juli die Hauptleitung. Was wird anders? Ich bin kein Fan von Neuen, die alles umstellen. Die Fussstapfen von Monika Ender sind genug gross, obwohl ich die grösseren Füsse habe (blickt lachend auf die Füsse). Bevor wir uns über neue Projekte Gedanken machen, will ich für ein weiterhin stabiles Team sorgen. Ich will die Mitarbeitenden nicht überfordern. Mein Fokus ist, das bestehende Team zu festigen unter der neuen Leitung Pflege. In der Hauswirtschaft konnte ich bereits intern jemanden für die Leitung gewinnen.
Wie sind Sie in die Pflegebranche gekommen? Ich war schon als Kind sehr sozial. Es war mir immer wichtig, dass es anderen gut geht. Meine Grossmutter ist früh erkrankt. So lernte ich den Pflegeberuf kennen. Noch heute macht es mir Freude, wenn ich Leuten helfen kann, ihre Autonomie und Lebensqualität zu erhalten. Ich komme aus Winterthur und bin der Liebe wegen in den Aargau gezogen. Nach der Ausbildung zur Pflegefachfrau und Weiterbildungen habe ich im Spital und verschiedenen Altersheimen gearbeitet und hier erstmals Spitexluft geschnuppert. Als ich Monika Ender sah, wusste ich, dass es passt. Mir gefällt das Persönliche hier. Man ist keine Nummer, sondern ein wertvoller Teil eines Teams.
Wie schwierig fällt Ihnen der Abschied, Frau Ender? Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Menschen werden mir sicher sehr fehlen. Ich habe sechs Enkelkinder und freue mich, mehr Zeit für sie zu haben. Ich singe in einem Chor, spiele Hackbrett, wandere, handarbeite und lese gerne. Diese Hobbys sind immer zu kurz gekommen. Ich freue mich auf all die aufgeschobenen Projekte. Ich weiss die Spitex Würenlos in guten Händen und wünsche der neuen Leitung einen erfolgreichen Start.
Am Freitag, 8. Mai, um 19 Uhr findet in der Alten Kirche die 30. Mitgliederversammlung statt. Im Anschluss an die Versammlung wird ein Znacht serviert, das vom Vorstand gekocht und serviert wird. Es wird ein Fahrdienst angeboten.


