Würenlos
29.05.2019

Silvia und Gianna Ferrari: «Der Frauenstreik ist für alle da.»

Silvia (l.) und Gianna Ferrari im Garten ihres Einfamilienhauses in Würenlos. Eine solche violette Fahne hängt auch an der Fassade. Rahel Bühler

Silvia (l.) und Gianna Ferrari im Garten ihres Einfamilienhauses in Würenlos. Eine solche violette Fahne hängt auch an der Fassade. Rahel Bühler

Mutter und Tochter aus Würenlos engagieren sich für den Streik vom 14. Juni im Aargau.

Rahel Bühler

An der Fassade des Einfamilienhauses hängt eine violette Fahne. Darauf ein Logo, kreiert aus dem Symbol für das weibliche Geschlecht und einer Faust mit lackiertem Daumennagel. Hier engagiert sich jemand für den Frauenstreik. Es sind Silvia Ferrari, 55 Jahre, blonde Haare, Berufsschullehrerin, und ihre Tochter Gianna, 24 Jahre, rote Haare, Studentin an der ETH Zürich.

«Zum ersten Mal vom Frauenstreik habe ich vor einem Jahr gehört», erzählt Gianna am Wohnzimmertisch. Damals habe sie am Deutschschweizer Vernetzungstreffen in Zürich teilgenommen. Dort haben sich 100 Frauen über Gleichberechtigung und Frauenrechte unterhalten. Darunter auch eine Handvoll aus dem Aargau. Daraus entstand das Organisationskomitee für den Frauenstreik im Aargau. Silvia Ferrari, ihre Mutter, hat durch die Tochter von den Aktivitäten am 14. Juni erfahren.

Mittlerweile zählt das OK im Aargau über 50 Mitglieder. Gianna ist bei der Mobilisierung aktiv: Sie verteilt Flyer, Pins und Sticker. Die Reaktionen darauf seien unterschiedlich: «Einige kennen das Thema, andere reagieren interessiert, andere wollen nichts davon wissen», sagt die Würenloserin. Das sei gut so: «Jedes Gespräch über den Streik ist ein Schritt nach vorne.» Mutter Silvia nickt: «Wichtig ist, dass wir darauf aufmerksam machen und sich die Frauen damit auseinandersetzen.» Sie unterhält sich jeweils mit ihren Schülerinnen darüber. Oder verteilt Flyer nach Tennisspielen. Gianna half auch beim Verfassen des Aargauer Manifests. Am Streiktag selbst wird Gianna an Anlässen in Baden und am Abend an der Demonstration in Aarau teilnehmen. Silvia wird bis 15.30 Uhr Prüfungen an der Berufsmaturitätsschule abnehmen und im Anschluss ebenfalls der Demonstration in der Kantonshauptstadt beiwohnen.

Den beiden Frauen ist Gleichberechtigung wichtig: «Alle sollen die gleichen Rechte und Chancen haben.» In diesem Punkt sind sie sich einig. «Viele Menschen denken gar nicht, dass es in der Schweiz einen Frauenstreik braucht», erklärt Silvia und ergänzt: «Dabei erhalten viele Frauen für die gleiche Arbeit tiefere Löhne als Männer.» Denn, auch in diesem Punkt sind sie gleicher Meinung, klischeebehaftete Rollenbilder seien in der Schweiz noch immer weit verbreitet. Dadurch könne die Gesellschaft ihr wahres Potenzial nicht richtig ausschöpfen. Der Frauenstreik soll solche Stereotype aufbrechen.

Aber dennoch gibt es Unterschiede in ihren Meinungen – Mutter und Tochter trennen 31 Jahre: «Ich habe gemässigtere Ansichten», sagt Silvia. Was heisst das konkret? «Ich spüre die Ungerechtigkeit weniger, weder beruflich noch privat.» Gianna: «Es kann nicht sein, dass Mädchen schon im Teenageralter gesagt wird, dass sie keine zu kurzen Röcke anziehen und sich in bestimmten Gegenden nicht rumtreiben sollten, weil sie so Übergriffe provozieren. An Übergriffen sind nämlich allein die Täter schuld.» Wichtig sind für sie auch Themen aus dem LGBTQ-Umfeld. Diese Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und queere Bevölkerungsgruppen. Gianna beschreibt sich selbst auch als bi- und asexuell. In dieser Umgebung engagiert sich die Studentin. Politisch sind weder Mutter noch Tochter aktiv. Mit dem Frauenstreik möchten sie auf feministische Anliegen aufmerksam machen. «Die Schweizer Gesellschaft soll checken, dass nicht alles in Ordnung ist», fordert Gianna.

Besonders relevant erscheinen beiden folgende Ansichten: «Jede Frau soll so streiken, wie es für sie stimmt», sagt Gianna. Der Streik sei für alle da. «Wir Frauen sollten uns auch untereinander solidarisch verhalten», ergänzt Silvia. «Ganz egal, ob eine Frau bezahlter oder unbezahlter Arbeit nachgeht.» Sie hat seit ihrer Jugend eine Verbesserung der Gleichstellung von Frau und Mann festgestellt. Man sei sich der Thematik zwar bewusster, «am Ende sind wir jedoch noch lange nicht».