Sie wird 100 und lebt noch zu Hause

100 Jahre alt wird Gertrud Huser am Sonntag. Sie lebt selbstständig in ihrer 3,5-Zimmer-Wohnung. Sie verwöhnt ihre Familie nicht nur am Geburtstag mit selbst gebackenen Chräbeli.
«Sie können sitzen, wo Sie wollen», sagt Gertrud Huser und macht eine Handbewegung Richtung Wohnzimmer. Darin stehen ein grosser ovaler Tisch mit sechs Stühlen, ein Holzsekretär, auf der Fensterbank ein paar Orchideen, an denen neue Knospen wachsen. Kaum hat die 99-Jährige selbst Platz genommen, betritt Elias die Stube, setzt sich neben sie. Der 11-Jährige ist der Urenkel und wohnt in der Wohnung einen Stock höher. «Wenn ich keine Schule habe, bin ich jeden Tag hier, gäll Grosi», sagt der 5.-Klässler. Grosi, wie Gertrud von ihren Familienmitgliedern genannt wird, nickt und will von ihrem Urenkel wissen, wie es seinem Arm geht. Sie weiss, dass er am Tag zuvor zwei Impfungen bekam.
Mittlerweile haben sich auch Gertrud Husers zwei Söhne an den Tisch gesetzt. Elias Schwester Laura und Mutter Rebecca schauen ebenfalls kurz in die Stube. Doch die beiden haben keine Zeit, am Interview dabei zu sein. Sie bereiten gerade die Dekoration für die Geburtstagskuchen vor. Denn nicht nur Gertrud Huser hat bald Geburtstag, sondern auch Laura und das dritte Urgrosskind feiern kurz vorher. «Du musst dann noch Chräbeli backen», sagt Elias und schaut zu seiner Urgrossmutter. Er hat mitgeholfen, Namenskärtli für die Geburtstagsfeier zu bekleben, nun müssen sie noch befüllt werden. «Sie macht die besten Chräbeli, aussen knusprig und innen weich», begründet er, seine Urgrossmutter lächelt.
Mit 100 Jahren noch selbstständig
Backen, kochen, lisme gehören auch heute noch zu Gertrud Husers Lieblingsbeschäftigungen. Auch mit bald hundert Jahren steht sie noch jeden Tag in der Küche, macht ihren Haushalt weitgehend selbst. Ihre Nichte bringt Einkäufe vorbei, eine Spitexmitarbeiterin hilft alle zwei Wochen beim Putzen. «Arbeiten, immer etwas machen ist das Rezept für ein langes Leben», sagt die alte Dame. Das hält sie auch heute fit.
Nach der Schule und einem Haushaltslehrjahr im Welschland absolvierte sie im Badener Schuhladen Dosenbach eine Lehre als Verkäuferin. «Ein gutes Paar Schuhe hat damals rund 40 Franken gekostet», erinnert sie sich zurück. Im Verhältnis zu ihrem monatlichen Verdienst von 300 Franken war das eine teure Anschaffung. Man besass nur wenige Schuhe. Gertrud Huser hat auch während des Zweiten Weltkrieges als Verkäuferin gearbeitet. Nicht nur Lebensmittel waren damals rationiert, sondern auch alle anderen Waren. «Bevor man ein Paar Schuhe kaufen konnte, musste man eine Marke abgeben. Diese konnten bei der Gemeinde bezogen werden. «Wir mussten die Marken danach nach Aarau schicken und erhielten dadurch die Erlaubnis, wieder neue Ware zu bestellen. Ab und zu mal Hunger zu haben, war damals normal. So kam es schon mal vor, dass sie Haferflocken aus dem Kaninchenfutter stibitzte und ass. Fleisch gab es selten und meistens nur für den Vater, der sein Leben lang in der gleichen Firma als Maurer arbeitete.
Angst im Krieg
Auch an den Krieg erinnert sie sich. «Es war beängstigend, wenn die Flieger über die Dächer flogen.» Um von den Piloten der Flieger nicht entdeckt zu werden, verdunkelten sie die Fenster. Die alliierten Bomberbesatzungen warfen Streifen aus Stanniol ab, dem Vorgänger der Aluminiumfolie. Diese sogenannten «Düppel» verursachen auf den Bildschirmen der Funkmessgeräte unerwünschte Signale. Ziel der Alliierten war es, die Ortung zu erschweren oder gar zu verunmöglichen. «Wir haben diese ‹Düppel› später eingesammelt», erinnert sich Getrud Huser.
Auch Eduard Huser musste in den Krieg einrücken. Die Liebesbriefe, die sie damals erhielt, hat sie noch immer. Sie erinnern sie an ihren verstorbenen Mann, den sie ein Jahr vor Kriegsende kennengelernt hatte. Obwohl beide in Wettingen aufwuchsen und lebten, begegnete sie ihm erstmals während einer Vereinsreise auf der Klewenalp. Nach vier Jahren heirateten sie. Als elf Jahre später ihr erster, sieben Jahre später der zweite Sohn zur Welt kam, gab sie ihren Job im Schuhladen auf und unterstützte ihren Mann. An der Dorfstrasse hatte er ein Bauernhaus gekauft, liess Schopf und Stall abreissen und baute auf den Grundmauern ein neues Mehrfamilienhaus auf. Das Gelände diente als Materiallager für die Getränke- und Transportfirma, die er selbstständig betrieb.
«Tatze» als Bestrafung
«Hattet ihr in der Schule die gleichen Fächer wie wir heute?», will Elias wissen und erfährt, dass sie keine Fremdsprachen lernten. Auch die Erziehung unterscheidet sich –wer nicht gehorchte, wurde mit einer «Tatze» bestraft, einem Schlag auf die Hand. Sie selbst hätte sich an die Regeln gehalten und sei vor Schlägen verschont gewesen, sagt Gertrud Huser. Überhaupt hat sie die Schulzeit in bester Erinnerung, sagt die rüstige Rentnerin, die ausser einer Brille und einem Hörgerät keine Hilfsmittel benötigt. «Auch wenn ich nicht viel herumgekommen bin, hatte ich ein gutes Leben. Es ist schön hier», sagt sie und schaut zu ihren Söhnen und ihrem Urenkel. Einsamkeit kennt sie dank dem Mehrgenerationenhaus und der Unterstützung der ganzen Familie nicht. Auch heute muss sie nicht selbst kochen, «Rebecca hat für mich mitgekocht», sagt sie dankbar.
Chräbeli am 100. Geburtstag
Es ist kurz vor elf Uhr. Elias geht die Treppe hoch, fragt seine Schwester, ob sie auch auf dem Bild posieren will. Kurze Zeit später rückt Gertrud Huser mit ihren beiden Urenkeln und Söhnen am grossen Wohnzimmertisch zusammen und blickt zufrieden in die Kamera.
Schon bald ist Mittagszeit. Während sich Gertrud Huser bei der Enkelin und den Urenkeln einen Stock höher mit Minestrone und frischem Brot verpflegt, essen die Söhne Eduard (74) und Marin (67) in der «Blume» in Baden. Sie wollen dort das Menü fürs Geburtstagsfest ihrer Mutter festlegen. Was es gibt, verraten sie nicht. «Das ist eine Überraschung», sagt die rüstige Rentnerin. Nur eins ist klar: Für jeden Gast gibt es ein selbst gebackenes Chräbeli – sehr zur Freude von Elias.


