Mit Kamera, KI und klaren Ideen in die Zukunft

Zwischen Filmset und Schreibtisch: Ab 2027     ist Flavio Alraun gemeinsam mit seinem Bruder für die operative Führung von Maybaum Film zuständig.Philippe Neidhart
Zwischen Filmset und Schreibtisch: Ab 2027 ist Flavio Alraun gemeinsam mit seinem Bruder für die operative Führung von Maybaum Film zuständig.Philippe Neidhart

Flavio Alraun übernimmt ab 2027 gemeinsam mit seinem Bruder die Leitung von Maybaum Film. Der Wettinger spricht über den rasanten Wandel der Filmbranche, die Chancen künstlicher Intelligenz und seine Faszination für Geschichten, die Menschen berühren.

Durch die verwinkelten Gänge des Merker-Areals führt Flavio Alraun vorbei an Schnittplätzen, einem Tonstudio und einem Greenscreen. Auf zwei Stockwerken entstehen hier jedes Jahr über 200 Videoproduktionen. Bald wird der 34-Jährige nicht mehr nur Produktionen begleiten, Budgets definieren und Kunden beraten – im kommenden Jahr übernimmt er gemeinsam mit seinem Bruder Michel Alraun die operative Führung von Maybaum Film, einer der führenden Schweizer Content Agenturen im Bereich Bewegtbild.

Von der Zahnarztpraxis ins Marketing

Dass sein Weg einmal hierhin führen würde, war alles andere als vorgezeichnet. «Ich habe ursprünglich eine Lehre als Dentalassistent gemacht», erzählt Alraun. Doch wirklich glücklich wurde er dabei nicht: «Niemand hat gesehen, was ich eigentlich mache.» Ein Praktikum bei Maybaum Film brachte die Wende. Dort entdeckte er die Welt von Marketing, Werbung und Bewegtbild. Er absolvierte eine Ausbildung zum Kommunikationsplaner und betreute anschliessend bei Publicis während fünf Jahren die Fluggesellschaft Swiss und arbeitete dafür an internationalen Kampagnen – sein Beruf führte ihn nach New York, Peking und São Paulo.

Trotzdem blieb Alraun der Region verbunden – aufgewachsen im Surbtal, lebt er seit rund 15 Jahren in Wettingen: «Das ist meine Hood», sagt er und lacht. So kehrte er im Jahr 2019 zu Maybaum Film zurück. Das Unternehmen wollte sein Geschäftsmodell weiterentwickeln und setzte auf einen neuen Ansatz namens «Always On». Gemeinsam mit den Kunden werden Inhalte dabei langfristig geplant und laufend produziert. «Wenn du einen Film drehst, entstehen Stunden von Material. Im fertigen Video landen oft nur wenige Sekunden», erklärt Alraun. Durch die kontinuierliche Zusammenarbeit könne dieses Material mehrfach genutzt und effizienter eingesetzt werden. Gleichzeitig entstehe mehr Planungssicherheit – sowohl für die Kunden als auch für das Unternehmen. Und die Strategie ging auf. Maybaum Film wuchs kontinuierlich, heute beschäftigen sie 25 Mitarbeitende am Hauptsitz in Baden und verfügen über Niederlassungen in Zürich und Bern. Und vor wenigen Tagen feierten sie ihr 20-Jahr-Jubiläum.

Anstehende Veränderungen

Baseball Cap statt Anzug, Trainerjacke statt Krawatte: Flavio Alraun entspricht nicht unbedingt dem klassischen Bild eines CEOs. Das überrascht wenig, schliesslich verbringt er auch heute als «Head of Producer» noch einen beträchtlichen Teil seiner Arbeitszeit auf Filmsets – daneben führt er vier Produzenten, verteilt Aufträge und begleitet Kunden. Gerade diese Doppelrolle fordert ihn heraus: «Wenn du am Abend nach einem Dreh zurück ins Büro kommst und gefühlt noch einen ganzen Tag Arbeit vor dir hast, ist das schon heavy», sagt er. Mit dem Schritt in die Geschäftsleitung wird sich das ändern müssen. Die grösste Herausforderung sieht er darin, sich schrittweise aus dem operativen Tagesgeschäft zurückzuziehen: «Ich bin momentan noch sehr intensiv in einzelne Projekte involviert. Das loszulassen, wird sicher nicht einfach.»

Doch mit Veränderungen kennt sich Flavio Alraun bestens aus, schliesslich hat sich seine Branche in den vergangenen Jahren stetig gewandelt. Als er seine Karriere begann, wurden fertige Filme noch auf DVDs ausgeliefert, heute läuft praktisch alles digital. Gleichzeitig sind die Ansprüche gestiegen: «Früher machte man einen Hauptfilm und passte ihn für verschiedene Kanäle an. Das funktioniert heute nicht mehr.» Jede Plattform habe ihre eigene Sprache – während auf Instagram die perfekte Selbstdarstellung gefragt sei, Facebook auf Emotionen setze und LinkedIn Professionalität verlange, bezeichnet Alraun TikTok lachend als «den Wilden Westen».

KI als Hilfsmittel

Die grössten und rasantesten Veränderungen kamen mit der künstlichen Intelligenz – allerdings müsse auch sie richtig eingesetzt werden, betont Alraun. «Viele glauben, man könne nur einen Knopf drücken und das fertige Produkt erscheint. So funktioniert es nicht.» Gute Ergebnisse entstünden erst durch Menschen mit Erfahrung, kreativer Vision und dem nötigen Fachwissen. Gleichzeitig ist KI längst Teil des Arbeitsalltags geworden. Sie hilft beim Zusammenfassen von Texten, unterstützt Übersetzungen und beschleunigt interne Prozesse. «Es gibt komplett neue Möglichkeiten, was sich filmisch durch KI umsetzen lässt – und das mit vergleichsweise kleinem Budget.» Dieses Wissen soll künftig auch ausserhalb der Agentur zugänglich werden: Mit der geplanten mayAcademy entsteht im Merker-Areal ein Weiterbildungsangebot auf über 500 Quadratmetern, in dem sich alles um Content Creation, Marketing und künstliche Intelligenz drehen soll.

Trotz dieser technologischen Entwicklung ist Alraun überzeugt, dass ein zentraler Teil nicht ersetzbar ist: unsere Kreativität: «Für das Emotionale braucht es weiterhin den Menschen.» Diese Haltung prägt auch seinen Blick auf dasMedium Film. Obwohl er seit Jahren Werbeproduktionen realisiert, schlägt sein Herz für Dokumentarfilme: «Mich interessieren die Menschen und ihre Geschichten», sagt er. Ein guter Film müsse etwas auslösen, etwas spürbar machen. Gerade dort habe künstliche Intelligenz nach wie vor ihre Grenzen: «In einem Bergdorf funktionieren andere Stories als in einer Grossstadt. Das herauszufinden, finde ich spannend.» Ob im Studio, auf dem Set oder bald in der Geschäftsleitung: Am Ende geht es Flavio Alraun immer um dasselbe – den Moment, in dem aus Bildern eine Geschichte wird, die hängen bleibt.

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