Die Historikerin und ihr Kloster

Pünktlich zum 800-Jahr-Jubiläum erzählen vier Historikerinnen und Historiker die Wettinger Klostergeschichte neu. Dabei räumen sie mit einigen Mythen auf. Und sie setzen auf Social Media.
«Wir hocken nicht einfach in einem Kämmerlein und geben dann ein Buch heraus», sagt Ruth Wiederkehr, Mitautorin von «Kloster und Schule an der Limmat», einem der Produkte des Projekts Neue Klostergeschichte Wettingen. Ungewöhnlich ist der Ort, an dem ein Teil des Buchinhalts entstanden ist, trotzdem: Das Büro der Historikerin befindet sich im Portierhäuschen des Merker-Areals in Baden. Während des Interviews sitzt sie an einem knallroten ovalen Tisch. Genauso wenig wie der Ort passt Ruth Wiederkehr zum Klischee einer verstaubten Historikerin. Seit zwei Jahren posten sie und ihr Team auf Instagram und Facebook, was sie Neues über das Kloster Wettingen herausgefunden haben. Die 42-Jährige sprüht vor Freude, als sie davon erzählt, dass sie eben auf eine neue Handschrift gestossen ist.
Zusammen mit den Historikern Hansjörg Frank, Bruno Meier und Annina Sandmeier-Walt will sie neue Erkenntnisse zur Kloster-, Schul- und Ortsgeschichte auf allen möglichen Kanälen in der Öffentlichkeit publik machen. Sowohl zu Wettingen als auch zu Mehrerau, wo die Mönche nach der Klosteraufhebung im Jahr 1841 eine neue Heimat fanden. Das Buch erscheint am 20. November, also kurz vor dem 800-jährigen Geburtstag des Klosters, das die Zisterzienser 1227 gründeten. «Es soll die bisherigen historischen Bücher über das Kloster nicht ersetzen, sondern ergänzen», sagt sie und fügt an: «Es wird sozusagen eine moderne Fassung.»
Gasthof Sternen ist nicht der älteste Gasthof
Das Buch beginnt im Hochmittelalter und endet in der Gegenwart. Seit 1847 werden die Räume als Schule genutzt, erst als Lehrerseminar, dann als Gymnasium. Die Mediathek wurde im Mai verwüstet, Bücher wurden auf dem Dach des Kreuzgangs verstreut, und in der Lernhalle wurde ein Wandgemälde der Künstlerin Klodin Erb mit Graffiti verunstaltet. Werden solche Ereignisse im Buch aufgegriffen? «Nein, Geschichtsschreibung braucht Abstand. Ein Einzelereignis genügt nicht, ausser es verändert einen ganzen Kontext oder eine Gesellschaft.»
Brisantes ist im Buch trotzdem zu lesen. Zum Beispiel, dass die Behauptung nicht stimmt, der Gasthof Sternen sei das älteste Gasthaus der Schweiz. «Mit Blick auf die Quellen lässt sich also der heutige ‹Sternen› nicht als das älteste Gasthaus bezeichnen», schreibt Bruno Meier im Blog des Projekts. Auch sonst erzählen sich die Wettinger einiges, das der historischen Recherche nicht standhält. So lebten die Mönche alles andere als abgeschieden: «Das Kloster auf der Halbinsel lag an einer Verkehrsachse. In der Gründungszeit lag es an der Grenze von Machtsphären», so Ruth Wiederkehr. Die Mönche lebten nicht einsam und allein, sondern waren viel unterwegs. Sie waren als Seelsorger in sieben Frauenklöstern und in diversen Pfarreien tätig und Statthalter eines eigenen Kurbads in Walterswil bei Baar.
Wettingerhäuser als Zeitzeuge
Das Kloster war ein Zentrum von Bildung und Macht, hatte Gewicht im gesamten Limmattal. Namen wie die Wettingerhäuser in der Zürcher Altstadt erinnern noch heute daran. «Es ist erstaunlich, wie wenig stolz die Wettinger darauf sind. Vielleicht ist es eine Restanz, eine Folge der Pflicht der Bevölkerung zur Abgabe an das Kloster. Ich weiss es nicht», sagt Ruth Wiederkehr nachdenklich. «Trotz dem Wachstum ist Wettingen bis heute ein Dorf geblieben. Ob das am mächtigen Kloster liegt?»
Für sie ist das Kloster ein faszinierender Ort. «Es ist im Baubestand ein sehr gut erhaltenes Zisterzienserkloster. Die Struktur entspricht dem zisterziensischen Modell. Mir hat es geholfen, mich in anderen Zisterzienserklöstern in Frankreich oder Spanien zurechtzufinden.» Erneut strahlt Ruth Wiederkehr und sagt lachend, sie sei als Historikerin auch ein bisschen eine Marketingfrau des Klosters geworden. Deshalb ist es ihr wichtig, dass der Inhalt des Buches jene erreicht, die kein 400-seitiges Buch lesen wollen. «Seit zwei Jahren berichten wir auf der Website, den Social-Media-Kanälen, und im Klosterjahr werden wir ausserdem vor Ort vermitteln», sagt sie. Dafür verlässt sie gern das Portierhäuschen. In der «Limmatwelle» wird sie zudem im Klosterjahr regelmässig Fragen beantworten und Mythen aufklären. Zum Beispiel, ob die Gründungslegende mit der dramatischen Rettung des in Seenot geratenen Ritter Heinrichs doch nicht ganz wahr ist.
klostergeschichte-wettingen.ch


