«Das Präsidium war eine Ehre»

Lutz Fischer ist an der Einwohnerratssitzung im März zurückgetreten. Persönliche Gründe haben ihn dazu veranlasst.
Zehn Jahre sass Lutz Fischer (58) für die EVP im Einwohnerrat Wettingen. Die Sitzung am 5. März im Wettinger Rathaus war seine letzte im Einwohnerrat. Zu seiner Verabschiedung fand Parteikollegin Margrit Wahrstätter nur lobende Worte: «Verantwortung zu übernehmen, das wurde dir wahrscheinlich in die Wiege gelegt. Dein Reden und Schreiben auf Schweizerdeutsch ist ein Markenzeichen von dir. Wir schätzen dich als geradlinige Persönlichkeit. Du hast das Schiff Wettingen mitgesteuert mit viel Leidenschaft und Herzblut», sagte sie unter anderem und überreichte ihm Blumen.
Lutz Fischer amtete 2021/2021 als Vizepräsident, 2022/2023 als Präsident des Einwohnerrats. Der reformierte Pfarrer ist auch Grossrat. Seit 2019 arbeitet er im Kantonsparlament mit. Doch weshalb nun der Rücktritt gleich zu Beginn einer neuen Legislatur? «Es gab familiär einige Veränderungen. Ich habe geheiratet, die beiden jüngeren Söhne wollen zu uns ziehen im Sommer, das wusste ich. Dass aber mein Vater stirbt, der Betreuungsbedarf meiner Mutter höher sein wird, das wusste ich zum Zeitpunkt der Wahlen nicht. Aber alles in allem sind zehn Jahre eine gute Zeit, um aufzuhören.»
Auch wenn Lutz Fischer aus dem Einwohnerrat zurücktritt, ist er auf anderen Kanälen mit der Gemeinde weiterhin verbunden: «Ich bin immer noch in zwei Stiftungsräten, der Familie-Fluck-Bernhard-Stiftung und der Joseph-und-Franz-Probst-Stiftung. Zudem bin ich in der Fachgruppe Altersfragen. Ausserdem bleibe ich natürlich Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Wettingen-Neuenhof.» Seit 2015 betreibt er zudem mit Co-Chefredaktor Fabian Schmid die «Wettinger Nochrichte». Die Artikel sind alle auf Schweizerdeutsch geschrieben.
«Schöne Erinnerungen»
Rückblickend auf seine Einwohnerratszeit meint er: «Das Präsidium war wirklich eine Ehre. Zwei Jahre den Rat leiten zu dürfen, das war eine besondere Erfahrung. Ich hatte gute Rückmeldungen. Anfangs war die Coronazeit, meine Wahl fand im Tägi statt.» Das sei schon noch speziell gewesen. «Die 50 Leute in diesem riesigen Saal verteilt. Meine Eltern waren noch dabei und meine Partei hatten mich überrascht, die hatten Alphornbläser organisiert, davon wusste ich nichts.»
Weniger erfreut beziehungsweise enttäuscht war er, als sich die Mitte aus der gemeinsamen Fraktion verabschiedete im März 2025. Die Fraktionsgemeinschaft hatte seit 2022 bestanden, also seit Legislaturbeginn. Als Gründe wurden «unterschiedliche politische Ansichten» sowie die anstehenden Gemeindewahlen angegeben. Lutz Fischer sagt dazu: «Ich verstehe es nicht. Wir wussten vorher, dass es unterschiedliche politische Haltungen gibt, sonst müsste man nicht zwei Parteien haben.»
Lutz Fischer erwähnt Heiner Studer – Vater von Gemeinderätin Lilian Studer – als das ewige Wettinger Gedächtnis, der sagte: «Wir hatten schon Fraktionen mit der SVP, da gingen die Meinungen völlig auseinander.»
Gegenseitiger Kampf
Das «Instrument» Einwohnerrat für die Gemeinde Wettingen findet er gut. «Denn in so einer grossen Gemeinde nehmen viele nicht an einer Gemeindeversammlung teil. Man kann dann, wenn etwa dein Verein ein Anliegen hat, die Leute mobilisieren. Die Abstimmung zeigt dann nicht die Stimmung in der Bevölkerung, sondern versucht, Partikularinteressen durchzusetzen. Das finde ich nicht gut.» Es seien teilweise auch sehr komplexe Geschäfte, da sei es wichtig, sich gut vorzubereiten. «Da haben die meisten eine hohe Verantwortung und die Fraktionen sind wichtig. Jede Partei hat zuvor Fraktionssitzungen, da geht man gut vorbereitet an die Sitzung.»
Wie hat sich Wettingen in den letzten zehn Jahren politisch und gesellschaftlich verändert? Die Finanzen seien in den Vordergrund getreten, so Fischer. «Man sagt immer, man soll das Nötige vom Wünschenswerte unterscheiden. Ich finde, für das Wünschenswerte sollte auch noch Platz sein.» Doch mit der dreimaligen Ablehnung der Steuererhöhung sei nur noch das Nötige möglich, sagt er. «Ich merke, dass dies die Bevölkerung teilweise nicht versteht, dass es Konsequenzen hat und es bestimmte Leistungen nicht mehr gibt.» Dann sei da noch der Konflikt zwischen Sport und Kultur. Vizeammann Christian Wassmer sage jeweils, dass Wettingen eine Sportstadt sei, die Kultur sei in Baden. Dann denke ich mir: Es gibt auch Steuerzahler, die Interesse an Kultur haben, ich zähle mich dazu. Die müssen auch irgendwo ihren Platz haben.»
Polarisierung hat zugenommen
Grundsätzlich, doch das ist eine gesamtgesellschaftliche Geschichte, nicht nur in Wettingen, sei die Polarisierung vorangeschritten. «Ich finde es in der Schweiz noch schön. Die meisten sprechen miteinander. Auch Links und Rechts sind privat miteinander befreundet.» Die Richtung gehe zur Polarisierung. «Das finde ich schade, denn die Eidgenossenschaft lebt vom Kompromiss, von Bedürfnisse anhören und miteinander einen guten Weg finden.»
Lutz Fischer hat schon anonyme Briefe erhalten. «Die finden es nicht gut, dass ich als Pfarrer politisch aktiv bin.» Zum möglichen Deal mit Hitachi hat Lutz Fischer eine klare Meinung: «Wenn eine Firma kommt und etwas will und sagt, bis dann muss man parat sein, dann muss man halt aufs Tempo drücken.» Die Gemeinderäte von Würenlos und Neuenhof regen ihn auf. «Sie sagen, Verkehr und Landschaftsspange seien ein Problem.» Er weist auf die Transportkapazität der Limmattalbahn von 3000 Personen pro Stunde hin. Der Bus würde «nur» 1700 Personen transportieren können. Doch Würenlos und Neuenhof wollen die Limmattalbahn nicht. «Das wäre ein Beitrag, um die Verkehrssituation zu entspannen.»
Lutz Fischer hat sich den Landschaftsspange-Vertrag zwischen den vier Gemeinden Wettingen, Würenlos, Neuenhof und Killwangen nochmals angeschaut. «Die Gemeinden hatten sich für einen talquerenden Weg verpflichtet. Das wäre der Limmatsteg ‹Chlosterschür› gewesen. Der Kanton wollte die Brücke bauen, doch Würenlos und Neuenhof wehrten sich dagegen.» Dafür hat Lutz Fischer kein Verständnis. Während des Gesprächs hört man die Bagger auf der Baustelle. Das neue Kirchgemeindehaus ist am Entstehen. Lutz Fischer kann täglich von seinem Haus aus zuschauen.


