13.05.2020

Älteste Wettingerin: «Ich versuche, stets das Beste aus meinem Leben zu machen.»

In der «Begegnungsstätte», einem Zelt, das  an die Hausmauer des «Sonnenblicks» gebaut wurde, können Altersheimbewohner Besuch ihrer Angehörigen empfangen. Rahel Bühler
Wegen des Coronavirus fand das Interview mit Klara Hunn durch ein offenes Fenster statt. Während des Gesprächs stand auf dem Tisch eine Plexiglasscheibe.

In der «Begegnungsstätte», einem Zelt, das an die Hausmauer des «Sonnenblicks» gebaut wurde, können Altersheimbewohner Besuch ihrer Angehörigen empfangen. Rahel Bühler

In der «Begegnungsstätte», einem Zelt, das  an die Hausmauer des «Sonnenblicks» gebaut wurde, können Altersheimbewohner Besuch ihrer Angehörigen empfangen. Rahel Bühler
Wegen des Coronavirus fand das Interview mit Klara Hunn durch ein offenes Fenster statt. Während des Gesprächs stand auf dem Tisch eine Plexiglasscheibe.

Wegen des Coronavirus fand das Interview mit Klara Hunn durch ein offenes Fenster statt. Während des Gesprächs stand auf dem Tisch eine Plexiglasscheibe.

Mit ihren 105 Jahren ist Klara Hunn die älteste Bewohnerin von Wettingen. «Das ist ein Geburtstag wie jeder andere auch», findet die Jubilarin.

Von: Rahel Bühler

Unter normalen Umständen wäre ein Besuch bei Klara Hunn kein Problem. Die Jubilarin wohnt im Haus Sonnenblick in Wettingen. Es gehört zum Regionalen Pflegezentrum Baden (RPB). Unter normalen Umständen hätte das Gespräch mit ihr im Sonnenblick-Restaurant bei einer Tasse Kaffee stattgefunden. Verstünde sie eine Frage nicht, würde ihr Gegenüber die Frage einfach etwas lauter und mit weniger Distanz wiederholen. Doch normal sind die Umstände schon länger nicht mehr. 

In der gläsernen Eingangstür vom Sonnenblick hängt ein Zettel. Besuche seien derzeit wegen des Coronavirus nicht möglich, erinnert er die Ankömmlinge. Um tatsächlich ins Innere zu gelangen, braucht es eine Bewilligung. Einen Tag zuvor hat die RPB-Leitung diese erteilt. Die Journalistin dieser Zeitung darf rein. Schwester Liliane holt sie ab und führt sie ins Untergeschoss, am Restaurant vorbei, in den Garten. An die Hausmauer gelehnt, steht dort ein graues Zelt mit blauem Dach: die «Begegnungsstätte». Im Inneren des Zelts ein Tisch und zwei Stühle vor einem Fenster. Es ist geöffnet, die Flügeltüren zeigen in einen Raum. Darin ein Tisch, darauf eine Plexiglasscheibe, flankiert von zwei pinkfarbenen Orchideen. Am Tisch sitzt Klara Hunn. 

Geboren und aufgewachsen ist Klara Hunn in Bremgarten

Neben ihr sitzt Pflegeassistentin Myrtha Moser. Sie wird während des ganzen Gesprächs neben Klara Hunn sitzen bleiben und die Fragen wiederholen. Die Jubilarin ist zwar geistig noch fit, aber teilweise taub. Deswegen braucht es jemanden, der die Fragen der Journalistin, die draussen vor dem Fenster sitzt, drinnen, direkt neben Klara Hunn, wiederholt. Zuallererst entfernt die Jubilarin ihr Hörgerät. «Ich höre besser ohne», erklärt sie und grinst. Dann beginnt sie zu erzählen: Geboren ist Klara Hunn 1915 in Bremgarten. Dort ist sie mit ihren Geschwistern und ihren Eltern aufgewachsen. Wie viele Geschwister sie habe? Da müsse sie kurz studieren, sagt sie und beginnt, mit den Fingern zu zählen. «Vier Schwestern und zwei Brüder.» Der Vater war Maurer. In Bremgarten hat sie auch die Schule besucht. Acht Jahre lang, sagt sie. Nach der Schule habe sie keine Ausbildung gemacht, sondern direkt angefangen, in einer Firma zu arbeiten. «Ich habe kaufmännische Arbeiten erledigt», sagt die Seniorin. Eigentlich habe sie ihr ganzes Leben nur gearbeitet. 
Im Alter von 20 Jahren hat sie angefangen, in einer Wollfabrik zu arbeiten. 1941 hat sie geheiratet. Zehn Jahre war sie verheiratet, sagt sie. Darüber erzählen möchte sie nichts. Sie habe keine guten Erinnerungen an ihre Ehe. Klara Hunn hat zwei Kinder: Ruedi Hunn ist 77 Jahre alt, Erika Kyburger 73 Jahre. Die ersten sieben Jahre hat die junge Familie in Stetten (AG) gewohnt, erzählt Erika Kyburger später am Telefon. Dann seien sie in ein Einfamilienhaus in Fislisbach umgezogen. Nach der Scheidung ist Klara Hunn nach Baden gezogen. Dann begann sie, sich und ihre Familie selbst zu versorgen. «Ich musste mich durchschlängeln», meint sie heute. Sie hat unter anderem in einer Seidenfabrik Seide gewoben. «Das war keine einfache Zeit.» Hobbys hatte sie keine. Dafür sei keine Zeit gewesen. Sie habe Geld verdienen müssen. Noch einmal geheiratet hat sie nie. «Ich habe 50 Jahre alleine in Baden gelebt.» Die Stadt nennt sie denn auch ihre Heimat. «Dort bin ich zuhause. Wettingen hingegen kenne ich kaum.» 

Erst, als sie vor einigen Jahren in ihrer Badener Einzimmerwohnung hinfiel, beschloss sie mit ihrer Tochter Erika, es sei Zeit für den Umzug in den Sonnenblick. «Die Angestellten sind gut und liebenswürdig. Es geht mir gut hier. Aber zuhause bin ich hier nicht.»

Heute verbringt sie ihre Zeit unter anderem mit Zeitunglesen. «Ich habe zum Beispiel gelesen, dass Männer häufiger am Coronavirus sterben sollen als Frauen.» Angst vor dem Virus habe sie keine. Aber man müsse sich halt an die Gegebenheiten anpassen und sich an die Massnahmen halten. 

Die Seniorin kommuniziert ausschliesslich auf Hochdeutsch

Während des ganzen Gesprächs spricht Klara Hunn Hochdeutsch. Sie wisse nicht, warum. Es sei einfach so. Sie beschreibt sich selbst als fröhliche Person, die die Gesellschaft anderer Menschen schätzt. Myrtha Moser, die Pflegerin, bestätigt dies. Das zeigt sich auch während des Gesprächs: Klara Hunn lacht, schmunzelt und winkt immer wieder. Mehrmals bittet sie Moser zudem, die Frage zu wiederholen. «Durch den Mundschutz verstehe ich Sie schlecht», erklärt die Seniorin. 

Am heutigen Donnerstag wird Klara Hunn 105 Jahre alt. Tochter Erika wird ihr einen Besuch abstatten. Wettingens Gemeindeammann Roland Kuster wird die Jubilarin einen Tag später, am Freitagnachmittag, besuchen. Etwas Spezielles sei dieser Geburtstag für sie nicht. «Es ist ein Geburtstag wie jeder andere auch», findet sie. Warum sie so alt wurde, könne sie sich selbst auch nicht erklären. «Ich lebe einfach. Und ich versuche, stets das Beste daraus zu machen.»