06.05.2020

Statt im Flieger zu sitzen, ackern sie auf dem Erdbeerfeld

Flugbegleiterin Rachel Bösch und Produktentwicklerin Constanze Schneider (v.l.) ackerten auf dem Erdbeerfeld. Sibylle Egloff

Flugbegleiterin Rachel Bösch und Produktentwicklerin Constanze Schneider (v.l.) ackerten auf dem Erdbeerfeld. Sibylle Egloff

Der Coronavirus stellte das Leben von Constanze Schneider und Rachel Bösch auf den Kopf. Weil die beiden ihre freie Zeit sinnvoll nutzen wollten, unterstützten sie den ­Lüscherhof in Wettingen.

Von: Sibylle Egloff

Unter den kräftig grünen Blättern blitzen rote und weisse Erdbeeren hervor. «Die Mühe hat sich gelohnt, die Früchte kommen», sagt Constanze Schneider zu Rachel Bösch. Die beiden Frauen schreiten durch das Erdbeerfeld der Lüschers in Wettingen. Die Erdbeersaison startet Mitte Mai, ab dann können Kunden die Früchte wieder selber pflücken. 

Schneider und Bösch leisteten einen Beitrag, damit das möglich ist. Sie unterstützten die Bauernfamilie mit ihrem Einsatz und bestellten das Feld mit weiteren Helfern. Und das, obwohl beide mit der Landwirtschaft sonst nichts am Hut haben. Bösch ist Flight Attendant und Schneider arbeitet in der Produktentwicklung. Was die Frauen auf dem Feld vereinte, war der Umstand, dass der Coronavirus ihr gewohntes Leben auf den Kopf stellte. Bösch kann seit Ausbruch der Krise nicht mehr arbeiten und Schneiders Ferienpläne wurden durchkreuzt. 

«Ich wollte mit meinem Partner John eine vierwöchige Australienreise unternehmen. Er ist Brite und kam bereits Mitte März in die Schweiz, damit wir zusammen nach Australien hätten fliegen können», erzählt Schneider. Die Pläne mussten sie begraben. «John ist nun hier gestrandet und weiss nicht, wann er wieder zurück nach England kann.» Auch die Idee, ihren Eltern in Berlin bei der Gartenarbeit zu helfen, scheiterte wegen der geschlossenen Grenzen. 

Dank Facebook-Gruppe auf den Bauernhof aufmerksam geworden

Die 47-Jährige erkundigte sich deshalb, was sie Sinnvolles mit ihrer freien Zeit anstellen könnte. Fündig wurde sie auf Facebook. «In der Gruppe ‹Gern gscheh – Wettige hilft› fragte ich, ob jemand einen Tipp hat, wo ich mich in der Landwirtschaft einbringen kann. Eine mir unbekannte Person machte mich auf den Lüscherhof aufmerksam.» Schneider wohnt nur wenige Meter entfernt von der Geisswies. Auf ihre E-Mail-Anfrage erhielt sie prompt Antwort und wurde am Dienstag vor Ostern aufs Erdbeerfeld bestellt.
Auch Bösch suchte aufgrund der Arbeitspause nach einer sinnvollen Tätigkeit. «Ich hörte in den Medien, dass vielen Bauern wegen der geschlossenen Grenzen Erntehelfer fehlen. Ein Kollege von mir ist mit den Lüschers verwandt und klärte ab, ob sie Hilfe brauchen», sagt die 32-jährige Würenloserin. 

Eine willkommene Abwechslung zum Bürojob

Und so standen Schneider, ihr Partner John Poole und Bösch bald gemeinsam auf dem Feld. Zwei Wochen lang befreiten sie es während zweier bis dreier Stunden am Tag von Unkraut. Zum Ende halfen sie, das Stroh auszulegen. Die Lüschers verpflegten die Freiwilligen mit Getränken und Kuchen. «Wir wurden wirklich gut umsorgt», sagt Schneider. Für sie war es eine gute Erfahrung. «Die Arbeit ist körperlich anstrengend und eine Abwechslung zu meinem Bürojob. Ich ging stets mit Muskelkater und einem zufriedenen Gefühl nach Hause.» Ihr Partner John feierte auf dem Feld sogar Geburtstag. «Rachel brachte extra eine Bündner Nusstorte mit», erzählt sie. Auch Bösch sieht den Einsatz als Bereicherung. «Ich habe eine schöne Zeit gehabt, Neues dazugelernt und vor allem tolle Leute kennengelernt.» 
Die Lüschers ziehen ebenso ein positives Fazit. «Wir haben das Experiment gewagt und es hat geklappt», sagt Ueli Lüscher. Man hätte die Arbeit ohne die ungewöhnlichen Helfer nicht stemmen können, ist er sich sicher.