Wettingen
24.11.2021

Sind Katzendiebe im Dorf unterwegs?

Büsi treiben sich schon mal rum: Junge Stubentiger beim Herumturnen. (Bild: Bruno Kissling/Archiv)
Zeus, der von Regula Siegrist vermisste Kater. (Bild: zVg)

Büsi treiben sich schon mal rum: Junge Stubentiger beim Herumturnen. (Bild: Bruno Kissling/Archiv)

Büsi treiben sich schon mal rum: Junge Stubentiger beim Herumturnen. (Bild: Bruno Kissling/Archiv)
Zeus, der von Regula Siegrist vermisste Kater. (Bild: zVg)

Zeus, der von Regula Siegrist vermisste Kater. (Bild: zVg)

Eine Wettingerin vermisst zum wiederholten Mal eine Katze. Sie befürchtet: Haustierdiebe. Was Polizei und Tierschutz dazu sagen.

Von: Robin Schwarz

Regula Siegrist ist aufgewühlt. Seit drei Wochen ist ihr vierjähriges Perser-Mix-Büsi Hermes spurlos verschwunden – trotz Chip. Stundenlang habe die Wettingerin die Katze bereits gesucht, Kontakt mit der Tierkadaverstelle und mit einer Tiertherapeutin gehabt. Ohne Erfolg. Und es ist nicht das erste Mal, dass das passiert ist. Darum vermutet Siegrist: Hier stimmt etwas nicht.

Ihr Maine-Coone-Kater Zeus ist vor Jahren verschwunden und nicht wieder aufgetaucht und auch ihr Perser-Mix Adonis sei verschwunden – aber wieder aufgetaucht. Allerdings nicht in der Nähe, sondern im Schwarzwald in Deutschland. Der Tierarzt habe damals gesagt, es sehe so aus, als habe die Katze Beruhigungsmittel verabreicht gekriegt. Siegrist befürchtet deshalb, es gehe ein Katzendieb um in Wettingen.

Es gehe nicht nur ihr so, sagt Siegrist. Auch andere Anwohner würden diese Vermutung anstellen, aber gesehen habe bisher niemand etwas. Immer vor Weihnachten und Ostern würden sich die Vermisstenfälle häufen, so die Katzenhalterin. Erst gerade sei wieder eine Katze verschwunden, an der Alberich-Zwyssig-Strasse, erzählt sie. Meistens seien es Rassenkatzen. Darum habe sie sich an die Limmatwelle gewendet. Sie wolle zwar keine Panik schüren, es sei ihr aber wichtig, dass man ein Auge offenhalte. «Das sind Lebewesen, sie gehören zu uns, sie sind manchmal fast wie Kinder», sagt Siegrist.

Weniger Fälle im November

Dass besonders vor Weihnachten und Ostern viele Katzen verschwänden, lässt sich zumindest statistisch nicht belegen. Die meisten Vermisstmeldungen von Katzen gingen zwischen Frühling und Herbst ein, sagt Bernadette Christen von der Schweizerischen Tiermeldezentrale. Während der kalten Jahreszeiten gebe es weniger Vermisstmeldungen. Auch dieses Jahr gebe es keinen statistischen Ausschlag nach oben. Im November seien 2020 im Kanton Aargau 166 Tiere als vermisst gemeldet worden und man rechne auch dieses Jahr etwa mit derselben Zahl. Das heisst: Die Statistik gibt keinen konkreten Hinweis auf die Diebstahlthese. Vollends entkräften lässt sie sich dadurch aber auch nicht, da beispielsweise keine Daten zur Rasse der Katzen erhoben werden.

«Man hört das immer wieder», sagt Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz (STS). Beim STS ist man aber skeptisch, wenn es um die Theorie mit den böswilligen Absichten geht: «Es kommt vor, dass in einem Dorf oder einem Quartier gehäuft Katzen verschwinden», sagt Sandmeier. «Da kommen solche Vermutungen relativ schnell auf.» Üblicherweise gebe es dann Befürchtungen, wonach entweder ein Katzenhasser sein Unwesen treibe oder – gerade bei Rassenkatzen – ein Dieb dahinterstecke. All diese Befürchtungen seien aber kaum zu beweisen, sagt Sandmeier.

«Katzen verschwinden hin und wieder, selbst gut gehaltene Katzen» und auch Fälle wie jener von Kater Adonis, der im Schwarzwald gelandet ist, kämen hin und wieder vor. Manchmal würden Katzen in Autos steigen und dann ganz woanders landen. «Läuft einem eine Katze zu, der es gesundheitlich gut geht, sollte man sie aber auf keinen Fall umsorgen», sagt Sandmeier. Das heisst: Auch Beruhigungsmittel geben ist keine gute Idee. Dass dahinter Profiteure stecken, die etwa Katzen weiterverkaufen, zu Fellen verarbeiten – oder gar essen –, hält Sandmeier indes für «Schauermärchen».

Profit mit Katzen

Der Handel mit Katzenfellen ist in der Schweiz seit etwa einem Jahrzehnt verboten. Die Schweiz zog damit mit der EU gleich, die das Verbot von Import und Export von Katzenfellen per Anfang 2009 in Angriff nahm. Schweizer Parlamentarier befürchteten damals, würde die Schweiz den Handel nicht ebenfalls verbieten, würde sie plötzlich zur internationalen Drehscheibe im Katzenfellhandel. Tatsächlich gelten in alternativmedizinischen Kreisen Katzenfelle als hilfreich bei rheumatischen Erkrankungen, wissenschaftliche Beweise für deren Wirksamkeit gibt es allerdings nicht. Dass seit dem Verbot ein Schwarzmarkt für Katzenfelle floriert, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Zwar liessen gemäss Medienberichten vereinzelt Menschen vergleichsweise günstig Katzenfelle aus China illegal importieren, aber der Binnenhandel lohne sich nicht, so ein ehemaliger Katzenfellhändler vor über zehn Jahren gegenüber der Gratiszeitung «20 Minuten». Auch die Gerüchte, wonach es in der Schweiz lokale Traditionen gebe, wonach Katzen gegessen würden, lässt sich nicht bestätigen.

Polizei erkennt keine Häufung

Auch bei der Regionalpolizei habe man keine Kenntnis von einer Häufung von Meldungen über verschwundene Katzen zu bestimmten Zeiten. «Unsere Repol kann die Variante der Katzendiebstähle nicht bestätigen», so Roland Jenni, Leiter der Repol Wettingen-Limmattal.

Geschichten über angebliche Katzenfänger gehen immer wieder durch Boulevard- und Lokalmedien. Sie beinhalten dabei häufig ähnliche Erzählmotive. So gibt es in Deutschland ganze Gruppierungen, die sich auf die Fahne geschrieben haben, nach Katzenfängern zu fahnden. Dabei tauchen immer wieder dieselben Elemente auf: Oft werden Kleidersammlungen oder ein weisser Kastenwagen genannt. Doch die Internetrecherche bestätigt: Tatsächlich erhärtete Hinweise auf Katzendiebe gibt es nicht.

Ein geliebtes Haustier zu verlieren – insbesondere wiederholt –, ist schmerzhaft und schwer zu akzeptieren. Was am Ende bleibt: eine Suche nach Antworten, die es vielleicht gar nicht gibt.