Wettingen
01.09.2021

Bova will Veränderung

Andrea Bova (Bild: Chris Iseli/Archiv)

Andrea Bova (Bild: Chris Iseli/Archiv)

Der parteilose Andrea Bova will Strukturen durchbrechen und Wettingen verändern. Als Einziger macht er dem bisherigen Gemeindeammann Konkurrenz und kandidiert als Gemeinderat und Ammann.

Von: Melanie Bär

Andrea Bovas Büro liegt in einem Gewerbehaus an der Hardstrasse, wo mehrere Unternehmen ihren Sitz haben. Der eidgenössisch diplomierte Buchhalter hat zwei eigene Firmen gegründet. Er berät Unternehmungen und Privatpersonen bei Steuer-, Finanz- und Personalfragen und unterstützt sie bei Sanierungen und Umstrukturierungen. Auch wenn er als Finanzexperte weiss, wo es Steuerparadiese gibt, ist für ihn klar: «Ich habe meinen Firmensitz bewusst in Wettingen, auch wenn ich anderorts weniger Steuern zahlen müsste.»

Andrea Bova kandidiert als Parteiloser für das Amt als Gemeindeammann und Gemeinderat. Das hätte er sich Anfang 2020 noch nicht vorstellen können. Damals gründete er mit zwei aktiven und einem ehemaligen Einwohnerrat die Interessengemeinschaft (IG) Attraktives Wettingen. Die IG setzte sich gegen eine Steuerfusserhöhung ein, die von der Bevölkerung schliesslich abgelehnt wurde. Ausschlaggebend für seine Meinungsänderung und die Kandidatur war jedoch nicht die IG, sondern ein Treffen mit einem Gemeinderatsmitglied. Bova habe ihm Sparvorschläge gemacht und sei danach von ihm ermutigt worden, sich politisch zu engagieren. «Wahrscheinlich meinte er das Amt als Einwohnerrat», sagt Bova. Nach einigen Überlegungen sei er jedoch zum Schluss gekommen, dass er als Gemeindeammann und als Gemeinderat kandidieren wolle, um die aus seiner Sicht festgefahrenen Strukturen zu lösen und so eine Veränderung in die Wege zu leiten. «Ein einzelner Gemeinderat kann nicht extrem viel verändern. Hierarchisch ist es sinnvoll, eine Veränderung von oben nach unten in die Wege zu leiten. Deshalb kandidiere ich gleichzeitig als Gemeindeammann.»

Er sei der erste Kandidat mit Migrationshintergrund. Für ihn ist das ein Indiz dafür, «dass man sich ständig in den gleichen Gedankengängen festfährt und keine Vogelperspektive der Themen hat».

Bova will Veränderung

Veränderung für Wettingen, das ist das Hauptanliegen des gebürtigen Italieners, der mit sechs Jahren nach Wettingen zog und seither in der Gemeinde lebt. Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte er in Ehrendingen eine Banklehre. Der 41-Jährige lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im Eigi, war aktiv in Wettinger Fussballvereinen, der Jungwacht und der Jugendmusik und hat einen Grossteil seines Freundeskreises in der Gemeinde. Sie hätten ihn bestärkt, sich für den Wandel einzusetzen: «In Wettingen gibt es kaum innovative Lösungsansätze. Gibt es ein Problem, wird als Erstes etwas Neues gebaut oder besser gesagt ‹verbaut›. Man versucht nicht, die vorhandene Infrastruktur zu nutzen und zu optimieren.» Sein Hauptanliegen sei, die Ressourcen Mensch, Natur und Umwelt nicht unnötig zu verbrauchen. Als parteiloser Aussenstehender wolle er im Gemeinderat eine andere Optik einbringen und so zu neuen Lösungsansätzen anregen. «Ich bin erstaunt, dass bei politischen Debatten gewisse Ansätze gar nicht miteinbezogen werden», sagt er und führt als Beispiel den Minikreisel beim Volg an. «Es wurde ein aufwändiges Verkehrskonzept gemacht und die Kosten mit der Sicherheit begründet. Wenn es aber wirklich nur um Sicherheit gegangen wäre, hätte man auch mit zwei Stoppschildern die Hauptverkehrsachse beruhigen und so für Sicherheit sorgen können, es hätte keinen teuren Kreisel dafür gebraucht.» Temperamentvoll und gestenreich fügt er an, dass er diese These auch mit Verkehrsexperten diskutiert habe.

Immer wieder betont Bova, dass er sich nicht als Politiker sehe, sondern sich in seiner Rolle als Parteiloser für neue Lösungsansätze einsetzen könne. «Als Gemeindeammann würde ich mich als Geschäftsleitungsmitglied sehen.» Er würde im Gremium vor allem Sachpolitik vorantreiben wollen. «Die besten Lösungen kommen zusammen, wenn man auch untereinander streitet – ansonsten verliert man an Innovationskraft.» Die vergangenen anderthalb Jahre, in denen er als IG-Mitglied und mittlerweile als deren Präsident Einblick in die Gemeindepolitik erhielt, haben ihn bestärkt, parteilos zu bleiben. «Ich kann unterstützen, was für die Mehrheit für Wettingen und nicht für eine einzelne Partei gut ist.» Bei Schul- oder Umweltthemen denke er eher linkslastig, bei Familien- und Vereinsthemen in der Mitte und bei den Finanzen eher liberal.

10-Punkte-Programm

Seine Familie ist das Wichtigste in seinem Leben. Sie kommt vor dem Job. Seit der Familiengründung hat er deshalb auch seine Arbeitszeiten der Familie angepasst: «Früher war es für mich normal, von 5 bis 20 Uhr zu arbeiten, jetzt ist es mir wichtig, dass ich die Töchter am Morgen und am Abend vor und nach der Arbeit noch sehe. Auch die Mittagspause mache ich wenn möglich zu Hause.»

Würde er als Gemeindeammann gewählt, möchte er das beibehalten. Seine beiden Unternehmen würde er hingegen aufgeben. «Als Erstes würde ich den Antrag stellen, meinen eigenen Lohn als Gemeindeammann zu kürzen», sagt Bova. Mit der IG hatte er sich für die Reduktion der Gemeinderats- und des Gemeindeammannlohns eingesetzt. Die erfolgte Senkung ist ihm jedoch zu wenig. Überhaupt will er die Ausgaben senken. In seinem 10-Punkte-Programm, das er auf seiner Website aufgeschaltet hat, zeigt er auf, wie er das ohne Leistungskürzungen und Steuererhöhungen erreichen will: kreative und innovative Problemlösungen, Qualität vor Quantität, bodenständiges Investieren und Wachstum des Gewerbes vor der Bevölkerung sind einige der aufgeführten Schlagwörter. Viele gebundene Ausgaben seien die Folge von Entscheidungen. Als Beispiel nennt er das Tägi. Es sei versprochen worden, dass das Tägi nach dem Neubau die Bevölkerung nichts mehr kosten würde. «Doch aktuell zahlen wir pro Jahr über drei Millionen Franken Defizit im Tägi, was etwa sechs bis sieben Steuerprozent ausmacht.»

Wie hoch schätzt er seine Wahlchancen selbst ein? «60:40 als Gemeinderat und bei der Gemeindeammannwahl umgekehrt. Es ist schwieriger, als ‹Aussenseiter› gegen Bisherige anzutreten.»