Wettingen
26.05.2021

Mit Formeln brechen, die nicht mehr zeitgemäss sind

Will einen postmodernen Umgang mit der Bibel finden: Pfarrer Stefan Moll. (Bild: Robin Schwarz)

Will einen postmodernen Umgang mit der Bibel finden: Pfarrer Stefan Moll. (Bild: Robin Schwarz)

Pfarrer Stefan Moll hat progressive Ideen und den Blick fürs Weite. Ein Gespräch über Gott und die Welt.

Von: Robin Schwarz

Hoffentlich ist es nicht auch der metaphysische Himmel, aus dessen Wolken es an diesem Donnerstagnachmittag mit einiger Vehemenz tropft. Das wäre vielleicht ein schlechtes Omen, glaubt man denn an Omen.

Stefan Moll, Pfarrer der evangelisch-methodistischen Kirche Baden-Wettingen, bittet herein. Auf einem etwas zerknautschten ockerfarbenen Sofa, das seine besten Tage hinter sich hat, macht er es sich bequem. Er steigt aus seinen Birkenstocks, um auch die Füsse gleich mit auf die Sitzfläche zu ziehen. Das lässt ihn jugendlicher erscheinen, als er es eigentlich ist. In ein paar Jahren wird er bereits pensioniert.

Dazu passt das verschmitzte Blitzen seiner Augen, wenn er zum Reden ansetzt, den Finger kurz erhoben, nicht, um zu gebieten, sondern mehr für sich selber, um den Punkt zu finden, auf den er kommen möchte. Vielleicht berührt sein Zeigefinger einen Moment lang die Lippen, bevor er mit dem Sprechen loslegen möchte, aber gleichzeitig realisiert er, dass er noch eine Hundertstelsekunde mehr Nachdenkzeit braucht für die richtigen Worte, um dann à point das auszudrücken, was er wirklich will. Wenn es dann aber so weit ist, sprüht Stefan Moll vor Geistreichtum und vermag es, raffinierte Gedankenkonstrukte zu bauen.

«Ich mache manchmal vielleicht kantige Aussagen»

Stefan Moll ist nicht nur in der Region kein unbeschriebenes Blatt, nein, er hält zum Beispiel regelmässig Predigten im Schweizer Radio oder war in der SRF Sternstunde Religion zu Gast. Ebenfalls in die Schlagzeilen gerieten Moll und seine Frau, als sie gelobten, während der Fastenzeit nur 9 Franken pro Tag auszugeben – das Budget einer asylsuchenden Person im Kanton Aargau. Zuletzt hatte er in dieser Zeitung eine Kolumne geschrieben, in der er «Gott» als «G*tt» schrieb, als Allusion auf das Gendersternchen, das in der Debatte um geschlechtergerechte Sprache immer wieder für Aufruhr sorgt. Auf die Frage, wie es komme, dass er so in aller Munde sei, antwortet Moll bescheiden: «Ich mache vielleicht manchmal etwas kantige Aussagen.»

Trotz Kanten spricht und argumentiert Moll weich und differenziert. Und: Er macht auch immer wieder durch progressive politische Aktivitäten und Aussagen auf sich aufmerksam. Etwas, was der Öffentlichkeit, wenn es um kirchliche Angelegenheiten geht, oft fehlt und manchmal gar eher ungern gesehen ist. Zuletzt wurde zum Beispiel die LGBTQ-Community enttäuscht, als der als progressiv verstandene Papst Franziskus homosexuellen Paaren den Segen verwehrte, dies nach vielen positiven Signalen.

Trotzdem schafft es Stefan Moll, in einer Zeit, in der Sexismus, Homophobie und Rassismus zu den drängendsten politischen Angelegenheiten – zumindest der Linken – gehören, eine progressive Formel zu finden. Die Antwort sieht er in der Lehre von John Wesley, dem Vordenker der evangelisch-methodistischen Kirche. «Ich entspreche Wesley sehr gut, weil er einen Wahnsinnshorizont hatte, schon vor 300 Jahren. Er hat Aufklärung, Pietismus und traditionelle Kirche in ein neues Konglomerat zusammengeführt», erklärt Moll. Wesley sei zwar ein erzkonservativer Mensch gewesen, dennoch habe er «mit den Formeln gebrochen, von denen er gemerkt hatte, dass sie nicht mehr zeitgemäss sind».

Das sind also perfekte Voraussetzung für ein modernes Verständnis von Religion: ein Aufbruch, ein Aufbrechen, aber gleichzeitig zu wissen, man habe einen Heimathafen. Aber nicht nur einen in der Religion: «Unsere Zeit überfordert sich sehr stark, weil wir uns ständig selber neu erfinden müssen. Aber wieso nicht einmal sich eingestehen, dass wir ein Produkt unserer Eltern sind, in eine bestimmte Tradition mit bestimmten Werten und Vorlieben reingeboren sind?», fragt Moll. «Und wieso nicht zugeben, dass es verdammt schwierig ist, daraus auszubrechen?»

Die Kirchen hätten sich immer schon durch Opposition von den Rändern her entwickelt, erklärt Moll. Heute gebe es zum Beispiel wieder mehr den Drang, zurück zur Stille zu kehren, oder auch Pilgertourismus spiele eine immer stärkere Rolle. Moll findet das aber komplexer, als es auf eine blosse spirituelle Reaktion auf den gesellschaftlichen Druck des Neoliberalismus zurückzuführen. «Wir sind alle Kinder unserer Zeit und ich sehe den Lauf der Geschichte sehr ambivalent.»

Die Welt wird nicht einfach automatisch besser

Es sei in der Weltgeschichte noch nie so viel Geld im Umlauf gewesen wie heute. Aber er glaube auch nicht, dass die Welt automatisch besser würde. Im Gegenteil, er sehe das im Moment sogar etwas pessimistisch. Das Asylgesetz etwa wertet Moll als «unbarmherzig bis zum Abwinken». «In den unteren Einkommensschichten werden die Leute gedrückt.» Er spricht über den erschwerten Zugang zur IV oder zur Sozialhilfe. «Was mich beelendet, ist, dass man dem Armen sogar den Hunger noch vergönnt», erzählt Moll und spricht das Paradox an, dass es zwar Sozialdetektive gebe, aber keine Steuerdetektive für Grossverdiener.

«Gegenüber Leuten in Not hat eine unfassbare Verhärtung stattgefunden, die salonfähig geworden ist», etwas, was Moll als «direkten Angriff auf das Christentum» empfindet. In seiner Gemeinde gebe es Menschen, die einen Wegweisungsentscheid hätten und daran verzweifelten. Das löse eine unfassbare Angst aus. «Ich kenne Teenager, die deswegen suizidal sind, und das nur, weil jemand Angst hat, dass hier bald jemand aus dem Ausland lebt», sagt Moll, die sonst engagierte Stimme bebt ein wenig.

Wir befänden uns in einer Welt, die gleichzeitig die Krise der Wissenschaft sei, sagt Moll. «Gerade während der Coronapandemie sehen wir jeden Tag mehr Zahlen und Statistiken, die niemandem mehr wirklich etwas sagen», sagt Moll. Damit zweifelt Moll keineswegs die Naturwissenschaft an sich an, aber sie alleine könne keinen Sinn stiften. Der berühmte Regisseur und Filmemacher Werner Herzog sagt mal über Fakten: «Das Telefon von Manhattan enthält Fakten, Millionen davon, aber sie erleuchten uns nicht.»

Räume der Resonanz und die Begegnung mit dem «Anderen»

Sinn stiften, das könnten die Religion am besten, dicht gefolgt von Musik, Literatur und Kunst, die alle eine gewisse «Wohnlichkeit» böten. In einer soziologischen Abhandlung fühle sich niemand zuhause, sagt Moll. Doch genau darum gehe es: sich an einem Ort oder in einer Sache zu beheimaten. «Haben Sie Hartmut Rosa gelesen?», fragt Moll. Der Sozialphilosoph Hartmut Rosa führte den Begriff «Resonanz» mit seinem gleichnamigen Werk ein. Damit versucht er, die Qualität der Beziehungen zwischen Menschen oder zwischen Menschen und Weltausschnitten zu betrachten. Ausgehend von der Feststellung, dass sich die Gesellschaft in den allermeisten Bereichen ständig beschleunigen muss, sich steigern muss, sich übertreffen muss, sind aber Rosa zufolge die Möglichkeiten dazu, «resonant» in Beziehung zu treten, zusehends untergraben. Moll sieht die Möglichkeit zu eben dieser Resonanz besonders in der Stille, darin, den «Anderen» zu hören, wie er sagt. Religion – oder etwa der Gottesdienst – sei ein Ort, an dem Resonanz möglich werde, etwa beim Singen. «Ein Gottesdienst darf auch einmal langweilig sein. Why not?», fragt Moll, denn in der Langeweile aus Zwischenraum könnten Resonanzen, Begegnungen entstehen. Und weil eben Religion so stark mit ihren Ritualen verbunden sei, sei es einfacher, sich in ihnen zu beheimaten, selbst wenn einmal nichts passiert. Auch das habe seinen Wert. Diese religiösen Rituale seien der Katalysator, in dem Wissen und Weisheit zusammenkämen.

Die Begegnung mit dem stets Anderen steht für Moll im Zentrum. Er zitiert den Religionsphilosophen Martin Buber und dessen berühmten Ausspruch: «Das Ich wird am Du zum Ich.» Moll weiter «Wir haben viele Migranten in unserer Kirche und sie sind ein unschätzbares Geschenk», denn sie würden Fragen aufwerfen, weltliche und religiöse, an denen man merke, wo die eigenen blinden Flecken seien. Moll, fast schon sokratisch: «Wir alle haben blinde Flecken, das ist in Ordnung. Aber noch besser ist es, zu wissen, dass man blinde Flecken hat.» Statt das Andere also ausklammern oder ausschliessen sei es eben gerade die beste Möglichkeit zu lernen. Dasselbe gelte für das Lesen der Bibel. Moll liest die Bibel nicht als ein unantastbares Wort, sondern als etwas, womit man, wieder gemäss Rosa, in Resonanz dazu treten müsse. Sie immer wieder neu lesen, sich versichern, aber auch, wie Vordenker Wesley, sehen, wo Dinge nicht mehr zeitgemäss seien. Es geht Moll also in der Religion nicht um ein unumstössliches Dogma, das nicht verhandelbar sei, sondern eben um eines, das ständig neu verhandelt werden muss. Trotzdem gehöre eine gewisse Verbindlichkeit dazu, sagt Moll und meint, gerade bei reformierten Kirchen eine gewisse Unverbindlichkeit zu sehen, bei der alle ein bisschen machen dürfen, was sie wollen. Gottes Wort ist verbindlich, was es aber heisst, bedarf ständiger Neuinterpretation. «Das Projekt ist, einen postmodernen Umgang mit der Bibel zu schaffen, ohne dabei zu vergessen, woher sie kommt.»