Wettingen
17.02.2021

Die nächste Generation des Einwohnerrats

Sie sind die jüngsten Mitglieder des Wettinger Einwohnerrats: Mia Gujer (26, SP), Lara Rüfenacht (25, CVP) und Philipp Bürgler (29, FDP). Die drei sind sich einig: Der Aufwand in der Lokalpolitik ist gross, aber er lohnt sich. (Bild: Rahel Bühler)

Sie sind die jüngsten Mitglieder des Wettinger Einwohnerrats: Mia Gujer (26, SP), Lara Rüfenacht (25, CVP) und Philipp Bürgler (29, FDP). Die drei sind sich einig: Der Aufwand in der Lokalpolitik ist gross, aber er lohnt sich. (Bild: Rahel Bühler)

Was motiviert junge Menschen dazu, in die Lokalpolitik zu gehen? Was gefällt ihnen, was weniger? Die drei jüngsten Parlamentarier von Wettingen im Gespräch.

Von: Rahel Bühler

Man hört immer wieder, die Jungen sind faul, interessieren sich nicht für Politik. Sie sind die drei jüngsten Einwohnerräte. Ist an dieser Aussage etwas dran? Mia Gujer: In jungen Jahren gibt es viele Themen, die einen mehr beschäftigen als Politik. Zum Beispiel die Ausbildung und die eigene Zukunft. Die generelle Aussage, dass sich junge Menschen politisch nicht engagieren, kann ich aber nicht unterstützen. Das sieht man an den Klimaaktivisten.

Philipp Bürgler: Der Zeitaufwand in der Politik ist gross und man verpflichtet sich für Termine. Für solche Dinge ist es immer schwierig, Leute zu finden.

Lara Rüfenacht: Unsere Generation ist sehr engagiert. Die Jungen suchen aber eher nach Themen, die sie bewegen, statt einer Partei beizutreten.

Wieso? Rüfenacht: Viele wollen sich nicht den Stempel einer Partei aufdrücken lassen. Sie denken, man muss dann genau der Parteilinie folgen. Das ist aber ein Missverständnis. Man kann nach wie vor seine eigene Meinung vertreten.

Wieso sind Sie denn Ihrer Partei beigetreten? Bürgler: Die FDP deckt sich am meisten mit meinen Interessen: Wirtschaft, Eigenverantwortung, jedem Menschen seine individuelle Freiheit lassen. Mir ist zum Beispiel wichtig, dass sich jeder, unabhängig von Ideologie, Geschlecht, Glaube, sexueller Orientierung, entwickeln kann und man als Gesellschaft tolerant ist.

Gujer: Ich habe in der Oberstufe gemerkt, dass ich mich gegen Ungerechtigkeiten einsetzen will. So wurde ich mit 16 Jahren Mitglied der Juso.

Rüfenacht: Mir gefällt an der CVP Wettingen, dass sie nicht polarisiert, sondern nach Lösungen sucht, die den meisten passen.

Wie sind Sie in den Einwohnerrat gekommen? Rüfenacht: Mein Vater war lange im Einwohnerrat. Ich bin hier aufgewachsen. Mir ist es wichtig, dass ich mitbestimmen kann und nicht über mich bestimmen lasse. Deshalb habe ich mich bei den letzten Wahlen aufstellen lassen und bin schliesslich nachgerutscht.

Gujer: Ich habe bei der Juso und der SP Kampagnen geleitet. Dann wollte ich nicht immer von aussen versuchen, etwas zu bewegen, sondern selbst aktiv werden. Also habe ich mit 18 Jahren für die SP kandidiert.

Bürgler: Zu Hause war Politik immer ein Thema. Meine Mutter war auch im Einwohnerrat. Mit 18 Jahren habe ich gedacht, ich versuch’s mal. Mit 20 Jahren bin ich nachgerutscht. Mittlerweile wurde ich zweimal wiedergewählt.

Gibt es ein Erlebnis, an das Sie sich besonders gut zurückerinnern? Bürgler: An meine allererste Sitzung: Ich dachte, sie beginnt um 19.30 Uhr wie die Fraktionssitzung. Sie beginnt aber um 19 Uhr. Ich kam zu spät an meine eigene Vereidigung. (lacht)

Wie stark ist das Parteiendenken in Wettingen? Bürgler: Nicht so ausgeprägt. In den Diskussionen geht es nicht ums Rütteln an den Grundwerten. Vieles ist Sachpolitik. Das finde ich lässig. Ich habe auch schon mit Vertretern aus anderen Parteien, zum Beispiel mit Alain Burger von der SP, Vorstösse eingereicht. Vor der Coronapandemie sind die Einwohnerräte nach den Sitzungen oft in den «Zwyssighof» gegangen. Dort sind die Tische meist gemischt und man kann das Überparteiliche fördern. Das fehlt jetzt.

Rüfenacht: Mir ist es wichtig, dass man zusammenspannen kann. Und manchmal die eigene Meinung etwas zurücksteckt für Lösungen, die Chancen haben, angenommen zu werden.

Am 28. Januar hat der Einwohnerrat über seinen Lohn debattiert. Dabei haben mehrere Räte gesagt, die Vorbereitung auf die jeweiligen Sitzungen seien sehr aufwendig. Lohnt sich dieser Aufwand? Rüfenacht: In die Politik geht man, weil man es gerne macht. Ohne Leidenschaft nimmt man den ganzen Aufwand nicht auf sich.

Bürgler: Zeitlich lohnt es sich wahrscheinlich nicht, finanziell sicher nicht. Aber ich kann im Einwohnerrat für meine Werte einstehen und versuchen, etwas zu bewegen. Also lohnt es sich doch.

Was gefällt Ihnen konkret am Einwohnerrat? Bürgler: Man lernt viel in Bereichen, in denen man sonst keinen Einblick erhält: Baugesetz, Asyl-, Gesundheitswesen. (Rüfenacht und Gujer nicken)

Was gefällt Ihnen weniger? Gujer: Die Sitzungen sind etwas träge. Oft sind Abläufe mit Traditionen verbunden. Es gäbe viele Möglichkeiten, die Sitzungen einfacher zu machen. Zum Beispiel mit einem elektronischen Abstimmungssystem. Vielleicht ist das unsere Rolle: Frischen Wind in den Rat zu bringen.

Rüfenacht: Ich habe Mühe mit Diskussionen, bei denen am Schluss nur noch zwei Personen debattieren und es darum geht, sich zu profilieren.

Was können Sie von den älteren Generationen im Rat lernen? Gujer: Geduld. Ich bin jemand, die gerne zackig arbeitet. Manche Dinge brauchen ihre Zeit. Das lerne ich jetzt.

Rüfenacht: Vor allem in den Fraktionssitzungen kommt sehr viel Wissen zusammen. Das schätze ich sehr.

Was können die Älteren von Ihnen lernen? Rüfenacht: Menschen, die schon länger in der Politik sind, können betriebsblind werden. Manche haben die Einstellung, was immer gleich war, wird gleich belassen. Und lassen sich nicht auf etwas Neues ein. Wir Jungen können neue Perspektiven einbringen, um gemeinsam mit den erfahrenen Einwohnerräten neue Lösungen zu finden.

Bürgler: Die Digitalisierung. Die FDP macht ihre Fraktionssitzungen mittlerweile virtuell. Am Anfang war das eine Challenge.

Wie motiviert man Junge für die Politik? Rüfenacht: Es ist immer einfacher, alles zu kritisieren, als selbst etwas zu ändern. Ich höre viele Leute in meinem Umfeld schimpfen. Die Politik mache nie das Richtige. Ich probiere, ihnen zu zeigen, dass das nichts bringt. Dass man mitmachen und sich selbst einbringen kann. So kann man Leute motivieren. Auch die Jungen.