Ein Herz für Nachbarschaftshilfe

«Small and simple – klein und einfach»: So lautet das Motto der KISS-Genossenschaften, die Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften koordinieren. Wer hilft, verdient kein Geld, aber kann ebenfalls gratis Hilfe in Anspruch nehmen.

Christine Kaser schenkt gerne Zeit.zVg

Christine Kaser schenkt gerne Zeit.zVg

Wolfgang Hein gibt gerne

Wolfgang Hein gibt gerne

Die KISS Region Baden ist eine von rund 20 Schweizer KISS-Genossenschaften und wurde vor drei Jahren als erste KISS-Vereinigung der Region gegründet. Präsidiert wird sie von Margrit Wahrstätter (67). «Einander helfen, wo es nötig ist, das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Ich lebe in einem Wohnumfeld, wo wir uns tagtäglich begegnen und nach Bedarf austauschen können. Viele Menschen haben das nicht, deshalb sind Nachbarschaftshilfen wie die KISS so wichtig», sagt sie.

Zeit ist die Währung

Zeit erarbeiten und beziehen – so funktioniert das System der Zeitgutschrift. Wer zum Beispiel für jemanden einkaufen geht, bekommt die Zeit gutgeschrieben. Diese kann vom Hilfeleistenden zu einem späteren Zeitpunkt eingelöst werden, um selbst Hilfe zu erhalten. Damit Hilfesuchende und Helfende zueinander finden, braucht es einen Vermittler. Hier kommt die KISS ins Spiel: «Wir wickeln alles Administrative ab und führen Hilfesuchende und Hilfeleistende zueinander», erklärt die Wettingerin. Dabei seien, so die Präsidentin, besonders zwischenmenschliche Tätigkeiten wie Gespräche, vorlesen, Karten spielen und gemeinsames Kochen, aber auch kleinere Dienstleistungen wie Unterstützung bei Computer- oder Handyproblemen, einkaufen oder leichte Gartenarbeiten gefragt. «Für medizinische oder pflegerische Bedürfnisse gibt es die Spitex. Für praktische Unterstützung, einen Ratschlag oder einen Zuhörer im Alltag die Nachbarschaftshilfe», sagt sie und ergänzt: «Nachbarschaftshilfe ist schnell und unkompliziert und führt Jung und Alt zusammen.

Es hilft älteren Menschen, möglichst lange in ihrem Zuhause leben zu können. Vereinsamung ist dabei ein wichtiges Thema, denn sie kann schleichend krank machen und ist noch immer für viele ein Tabuthema. Das wollen wir ändern.»

Helfer mit Herz

Obwohl es einen grossen Bedarf nach Nachbarschaftshilfe gibt, zählt die KISS Region Baden erst knapp 100 Mitglieder. Der Grund dafür ist einfach: Der Beitritt zur Genossenschaft kostet einmalig 100 Franken: «Die Hilfe selbst ist für Nehmende und Gebende gratis. Einzig die Mitgliedschaft muss einmalig abgegolten werden. Die Mitgliedschaft ist notwendig. Das schreckt viele ab», erklärt Wahrstätter. Dennoch fänden sich immer mehr Menschen, die vom Prinzip der Nachbarschaftshilfe überzeugt seien und sich melden, verrät die ehemalige Leiterin der Heilpädagogischen Schule Wettingen.

Zwei von ihnen sind Christine Kaser und Wolfgang Hein. «Ich bin per Zufall auf die KISS aufmerksam geworden und war sofort von der Idee angetan. Es macht mir Freude, mich zu engagieren und Menschen ein Stück ihres Weges zu begleiten», sagt die 59-Jährige Christine Kaser und fügt hinzu: «Mittlerweile bin ich seit zwei Jahren dabei und besuche regelmässig eine ältere Dame im Altersheim. Wir philosophieren, gehen spazieren und sprechen über Gott und die Welt», sagt sie.

Als freiwillige Lesementorin begleitet die KISS-Genossenschafterin in der Dorfbibliothek Obersiggenthal zudem ein Kind mit Migrationshintergrund. In diesem regelmässigen Einsatz gilt es auch hier, eine Beziehung aufzubauen und Vertrauen zu schaffen. Auch sie selbst habe bereits Zeitgutschriften bezogen, etwa für Arbeiten im Garten oder zur Katzenbetreuung während den Ferien. Ebenfalls seit zwei Jahren dabei ist KISS-Genossenschafter Wolfgang Hein aus Baden. Der 78-Jährige erzählt: «Die Möglichkeit, Zeitgutschriften für geleistete Einsätze zu sammeln, finde ich toll. Ich übernehme Fahrdienste und Krankenbesuche, führe kleinere Arbeiten im Haushalt aus und betreue eine betagte, alleinstehende Hausmitbewohnerin.»

Er selbst sei zwar noch keine 90, so Hein, aber auch er komme einmal in ein Alter, wo er Hilfe in irgendeiner Form brauchen könnte. «Bei KISS weiss ich, dass ich sie finde», sagt er. Angst, dass er seine gesammelten Stunden später einmal nicht mehr einlösen könnte, hat er nicht.

«Zeit ist die beste Währung, die es gibt. Eine Stunde wird auch in fünf Jahren noch eine Stunde sein», schmunzelt er.

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