11500 Fische auf einen Streich

Hechte waren nur wenige dabei.

Hechte waren nur wenige dabei.

Aus diesen Becken wurden die Fische abgefischt.

Aus diesen Becken wurden die Fische abgefischt.

Nach dem Elektroimpuls werden die Fische mit dem Kerscher eingefangen.

Nach dem Elektroimpuls werden die Fische mit dem Kerscher eingefangen.

Abriss des alten Aufstiegsastes.Bild: zVG

Abriss des alten Aufstiegsastes.Bild: zVG

Patrick Frey (rechts) bestimmt und zählt die Fische; Walter Nossa macht Striche.

Patrick Frey (rechts) bestimmt und zählt die Fische; Walter Nossa macht Striche.

Die Baupiste führt zur Baustelle – zum Einstieg der FAH Bilder: Gaby Kost

Die Baupiste führt zur Baustelle – zum Einstieg der FAH Bilder: Gaby Kost

Für die Sanierung der Fischaufstiegshilfe beim Kraftwerk Wettingen müssen ihre Bewohner ausziehen. Zwei Tage lang haben Fischer und Fachleute Becken für Becken abgefischt.

«Zwei Barben, ein Alet, zwei Barben, ein Rotauge» – bei der Fischtreppe kurz nach der historischen Holzbrücke beim Kloster Wettingen geht die Zählung zügig voran. Die Stimme gehört Patrick Frey, Präsident der Pachtvereinigung Stausee Wettingen (PSW). Vorsichtig nimmt er die Fische aus einem Eimer und setzt sie in einen 700-Liter-Behälter auf einem Transportwagen. Daneben macht Fischer Walter Nossa vom Bootsclub Neuenhof Strich um Strich auf einem Formular. Kaum ist der Eimer leer, bringen Helfer den nächsten vollen Behälter. Die Zählung geht weiter.

Warum der Fischpass saniert wird

«Die Fischaufstiegshilfe (FAH) wird aufgrund der Bauarbeiten abgefischt», erklärt die Biologin Ute Karaus, Fachspezialistin für Gewässerökologie bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EWZ). Sie leitet das Projekt «Sanierung FAH am Kraftwerk Wettingen», das im Juni 2026 begonnen hat und bis Juli 2027 dauern soll. Beim rund 20 Jahre alten Fischpass wird ein bestehender Aufstiegsast abgerissen – die Arbeiten sind bereits zur Hälfte abgeschlossen – und durch einen neuen ersetzt. Ein umfassendes Monitoring hatte zuvor verschiedene Defizite aufgezeigt.

Eines davon betrifft die Leitströmung. Über ein Rohr wird zusätzliches Wasser in den unteren Abschnitt der Fischaufstiegshilfe eingeleitet, um die Leitströmung zu verstärken. Diese Strömung soll den Fischen den Weg vom Unterwasser des Kraftwerks zur Aufstiegsanlage weisen. Das zusätzlich eingeleitete Wasser erzeugte jedoch Turbulenzen und steht im Verdacht, die Leitströmung zu stören.

Eine weitere Schwachstelle ist beim Einstieg in die Anlage, von dem es zwei Äste gibt. Einer ist für Fische ausgelegt, die in der Wassersäule aufsteigen, der andere für Arten, die sich beim Aufstieg am Gewässerboden orientieren – etwa die Barbe. Dieser zweite Aufstiegsast ist zu klein dimensioniert und nur ungenügend an die Hauptströmung der Limmat angebunden. Dadurch ist nicht gewährleistet, dass die Fische den Einstieg überhaupt finden.

Becken für Becken

«Der Bau bestimmter Bereiche muss unter trockenen Bedingungen stattfinden», sagt Karaus. Damit die nun anstehenden Bauarbeiten ausgeführt werden können, müsse der 600 m lange Fischpass abgefischt und vorübergehend geschlossen werden. Die Ausfischung erfolgt schrittweise. Zunächst wird der Abfluss langsam reduziert, bis nur noch wenig Wasser durch die Anlage fliesst. In den einzelnen Becken bleibt jedoch genügend Wasser für die Fische. Anschliessend arbeiten sich die Fachleute Becken für Becken von unten nach oben vor. Durch die Elektrobefischung werden die Tiere kurzzeitig betäubt, mit Keschern entnommen, bestimmt und vermessen. Anschliessend werden sie in Behältern zurück zur Limmat transportiert und dort wieder freigelassen.

Viele Hände, viele Fische

Helfer Daniel Kost vom Fischerclub Wettingen ist beeindruckt: «Es ist unglaublich, so viele Fische auf einmal habe ich noch nie gesehen». Er ist einer von insgesamt 15 Personen, die im Einsatz sind – darunter lokale Fischer, Vertreter des Kantons, Mitarbeiter des EWZ sowie Spezialisten für Elektrobefischungen. Die Stimmung untereinander ist entsprechend gut. Alle packen mit an, reichen Behälter weiter, tragen Eimer und führen Listen. «Die Anzahl Fische ist meist sehr schwer abschätzbar», sagt Karaus. «Hat es viele, dauert es lange; hat es wenig, ist man schneller fertig.» Letzte Woche dauerte die Abfischung zwei Tage lang. Das Ergebnis: Rund 11500 Fische wurden gezählt. Darunter befand sich auch eine Nase, eine stark gefährdete Fischart. Daneben gingen einzelne Forellen, Eglis und Hechte ins Netz. Besonders zahlreich waren die Barben. Auch einige grosse Welse wurden aus den Becken geborgen.

Eine Momentaufnahme

Für Frey ist die Zählung mehr als eine logistische Begleitmassnahme der Bauarbeiten. «Die letzte Zählung wurde vor über 20 Jahren durchgeführt», sagt er. Er hofft deshalb, dass die aktuellen Zahlen Hinweise darauf geben, wie sich der Fischbestand und die Artenvielfalt verändert haben. Die Dokumentation hat für ihn zudem einen praktischen Nutzen. Sollte es beispielsweise infolge eines Unfalls zu einem akuten Fischsterben kommen, könnten die erhobenen Daten als Grundlage für eine allfällige Schadenersatzforderung die nen. «Die dokumentierten Fische dienen nur dem ungefähren Nachweis des Fischbestandes», sagt Karaus. Nach Abschluss der Sanierung plant das EWZ ein umfassenderes und kraftwerksübergreifendes Monitoring im ganzen Fluss.

Bis dahin aber steht fest: Die Limmat ist voller Leben – allein im Fischpass beim Kraftwerk Wettingen wurden davon 11500 Exemplare sichtbar.

Gewinner und Verlierer des Klimawandels

Gemäss Bundesamt für Umwelt (Bafu) zeigt die erstmalige Analyse umfassender Elektrofischereidaten aus den Jahren 1981 bis 2024 einen fortlaufenden Wandel: Kälteliebende und auf menschliche Einflüsse empfindliche Arten werden seltener, während wärmeliebende und tolerante Arten zunehmen. Der Alet gehört zu den Profiteuren des Wandels unter Wasser. Während die Art sich häufiger in der Schweizer Flüssen und Bächen ausbreitet, verschwinden kälteliebende Forellen oder Äschen.

Auch der Wels breitet sich infolge des Klimawandels und steigender Wassertemperaturen rasant aus. Sein Temperaturoptimum liegt bei 25 bis 27 Grad Celsius. Er hat zudem einen geringen Sauerstoffbedarf und kaum natürliche Fressfeinde. Er selbst hingegen frisst alles leer. Durch die Masse an grossen Welsen geraten einheimische Beutefischarten, aber auch Krebse und Wasservögel unter massiven Druck. (GK)

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