«Einsam muss hier niemand sein»

Vor dem Stammbaum der Bewohnenden: Lisa   Huber (l.) und Hildi Mohn.Ursula Burgherr
Vor dem Stammbaum der Bewohnenden: Lisa Huber (l.) und Hildi Mohn.Ursula Burgherr

In den Alterswohnungen an der unteren Dorfstrasse in Spreitenbach wird die Gemeinschaft gross geschrieben. Das ist vor allem den Bewohnerinnen Lisa Huber und Hildi Mohn zu verdanken.

Schon im Eingang des Blocks an der unteren Dorfstrasse in Spreitenbach wird ersichtlich: Hier herrscht ein guter und kreativer Geist: Der wunderschön geschmückte, ganz in Rot gehaltene Christbaum begrüsst die Ankömmlinge. Wer einen Blick auf die Gemeinschaftsterrasse im Parterre wirft, freut sich am grossen Weihnachtsstern aus Flaschenkorken und Tannästen. Lisa Huber und Hildi Mohn sorgen dafür, dass zu jeder Jahreszeit hübsch dekoriert ist. «Wenn es wieder wärmer wird, pflücke ich auf meinen Spaziergängen frische Blumen oder bringe Gladiolen vom Feld des benachbarten Bauern mit und mache daraus einen Strauss. Der kommt dann auf den Tisch, wo wir alle zusammensitzen.»

Kreative Köchin

Hildi Mohn zeigt auf ihrem Handy den selbst gemachten Osterbaum vom letzten Jahr und Lisa Huber erzählt vom Hula-Hopp-Reifen, den sie mit Maschendraht bespannt und Papierrosen befüllt hat. Die Fantasie geht den beiden Seniorinnen niemals aus. Die 75-jährige Huber, der man ihr Alter niemals geben würde, ist zudem eine hervorragende Köchin und bekocht die Hausbewohnerinnen und -bewohner regelmässig. Zurzeit plant sie das Dreigang-Überraschungsmenü fürs Weihnachtsfest. Dieses Jahr haben sich rund 25 Gäste angemeldet. Gegessen wird im Gemeinschaftsraum im Keller, der intern liebevoll «unsere Stube» genannt wird. Die Köchin bereitet gemeinsam mit Mohn alles in der kleinen Küche ihrer Dreieinhalbzimmer-Wohnung zu. «Das bedarf einer genauen Planung», sagt sie und lacht. Sie liebt Herausforderungen, probiert gerne neue Rezepte und lässt sich auch von Kochsendungen inspirieren.

Die Wahl-Spreitenbacherinnen

Der Bau mit 23 altersgerechten Wohnungen in Spreitenbach war im November 2021 bezugsbereit. Die Initiative für eine vermehrte Pflege des Gemeinschaftslebens im Haus ging anfänglich von Bewohnerin Ursula Ammann aus. Lisa Huber dazu: «Sie schlug vor, dass wir im Sommer alle draussen zusammen picknicken. Aber 2022 war es so heiss, dass wir das niemandem zumuten konnten. So verlagerte sich der erste gemeinsame Anlass auf das darauffolgende Weihnachtsfest.» Seither wird mindestens viermal im Jahr zünftig gefeiert; mit einem Essen in geselliger Runde der Frühling willkommen geheissen, der 1. August und der Herbst zelebriert. Jeden Donnerstagabend gibt es zudem einen Apéro, der allen offen steht. Wer Lust hat, schliesst sich spontan an. «Einsam muss in diesem Haus niemand sein», sagt Huber und findet es traurig, wenn Alleinstehende den ganzen Tag zuhause sitzen und kaum noch Kontakt zur Aussenwelt haben. Sie selber stammt aus einer Grossfamilie und hat sechs Geschwister. Vor 53 Jahren zog sie mit ihrem Mann nach Spreitenbach. «Ich finde diesen Ort super. Man hat das Angebot einer Grossstadt und eine ländliche Naherholungszone direkt vor der Haustür», schwärmt sie.

Hildi Mohn, die nächstes Jahr 80 wird, lebt sogar schon 54 Jahre in der Gemeinde und beteiligte sich immer aktiv am gesellschaftlichen Leben vor Ort. Beide Frauen waren unter anderem im Verkauf tätig und haben erwachsene Kinder. Vor allem sind sie auch im fortgeschrittenen Alter noch ungeheuer gesellig und agil. Von Ruhestand wollen sie nichts wissen. «Neben dem Kochen backe, stricke, nähe und male ich gerne», berichtet Huber. Langeweile ist für sie ein Fremdwort. Die Aktivitäten der beiden Frauen haben sich mittlerweile herumgesprochen. «Lisa ist einfach ein Engel», schrieb eine Dame aus der entfernten Nachbarschaft begeistert an die Redaktion der Limmatwelle.

Persönlich statt anonym

«Wir haben für unsere gemeinschaftlichen Aktivitäten grosszügige Spenden von Bewohnern bekommen», zeigen sich Huber und Mohn dankbar. Im Gemeinschaftsraum sticht der Stammbaum an der Wand ins Auge, auf dem alle Bewohnenden mit Foto, Namen und ein paar persönlichen Angaben aufgeführt sind. Keine Spur von der Spreitenbach so oft zugeschriebenen Hochhaus-Anonymität. Zumindest wenn es im Haus so gute Seelen wie Hildi Mohn und Lisa Huber gibt.

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