Zwischen Aufbau und Zukunftsfragen

Vor einem Jahr hat Spreitenbach seine Energieversorgung neu organisiert: Aus dem bisherigen Gemeindebetrieb entstand die Netze Spreitenbach AG. Verwaltungsratspräsident Markus Mötteli und Geschäftsführer Marco Giger ziehen nun eine erste Bilanz – und sprechen über Chancen, Herausforderungen und die Zukunft des lokalen Energieversorgers.
Der 7. Januar 2025 war für die Gemeinde ein historischer Tag: Mit der Gründung der Netze Spreitenbach AG wurde der Grundstein für eine zukunftsorientierte Energie- und Kommunikationsversorgung gelegt. Die grösste Herausforderung im ersten Jahr bestand nun darin, den Übergang möglichst reibungslos zu gestalten. «Unser Ziel war es, den laufenden Betrieb jederzeit sicherzustellen – also dass Strom- und Kommunikationsversorgung ohne Unterbruch funktionieren», sagt Markus Mötteli, der neben seinem Amt als Gemeindepräsident auch den Verwaltungsrat der Netze Spreitenbach AG präsidiert. Eng begleitet wurde der Prozess durch die BDO AG, welche mitunter Finanzpläne, Budgets und Reglemente erarbeitete. «Die BDO hat uns geholfen, die Grundlagen zu schaffen und den Übergang sauber zu regeln», so Mötteli. Nun gehe es darum, die Zusammenarbeit schrittweise zu beenden und in den Regelbetrieb überzugehen.
Ein neuer Geschäftsführer
Eine wichtige Rolle übernimmt dabei Marco Giger, der seit dem 1. Januar 2026 Geschäftsführer ist. Zuvor leitete er während acht Jahren die Genossenschaft Elektra Ehrendingen (GEE) und bringt entsprechend Erfahrung aus der Energiebranche mit. In den ersten Wochen habe er sich intensiv mit den Abläufen und Strukturen beschäftigt: «Ich habe das Gefühl, ich bin schon länger hier als nur zwei Monate.» Das kleine Team, das von der Gemeinde in die neue Organisation überführt wurde, habe ihn überaus positiv aufgenommen. Auch im Verwaltungsrat ist man mit dem Start zufrieden. «Wir haben von Marco Giger bereits sehr gute Analysen zum Betrieb und Impulse erhalten, wo man etwas verändern könnte», sagt Mötteli. Gleichzeitig betont Giger, dass Veränderungen Zeit brauchen: «Jetzt geht es darum, Ideen zu konkretisieren und dem Verwaltungsrat beschlussfähige Vorschläge vorzulegen.»
Ein Strommarkt im Wandel
Ein wichtiger Grund für die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft waren die steigenden Anforderungen im Energiesektor. Besonders der sogenannte Mantelerlass – ein Bundesgesetz zur Sicherstellung der Stromversorgung auf Basis erneuerbarer Energien – wird den Markt verändern. Hinzu kommen mögliche Entwicklungen im Verhältnis zur Europäischen Union. «Früher oder später dürfte es zu einer stärkeren Liberalisierung des Strommarktes kommen», sagt Giger. Ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen könne in einem solchen Umfeld flexibler reagieren.
Dass die Netze Spreitenbach bereits heute konkurrenzfähig sind, zeigt sich bei den Stromtarifen: Im regionalen Vergleich gehört das Unternehmen zu den günstigsten Anbietern. Giger führt dies auch auf die Struktur des lokalen Netzes zurück. In Spreitenbach betreibt das Unternehmen rund 45 Trafostationen, über die im Verhältnis viele Kilowattstunden transportiert werden. «Das liegt vor allem an der starken Industrie und grossen Betrieben wie dem Shoppingcenter, der Ikea oder Zweifel», dadurch verfüge das Netz über ein beträchtliches Potenzial.
Kompetitiver Markt
Derzeit bieten die Netze Spreitenbach ausschliesslich Strom aus erneuerbaren Quellen an. Ob dies langfristig so bleibt, wird geprüft: «Grundsätzlich würde man eine gewisse Wahlfreiheit erwarten», sagt Giger. Heute funktioniert das System über Herkunftsnachweise (HKN): Strom wird am europäischen Markt eingekauft und mit Zertifikaten versehen, die etwa Wasser- oder Solarenergie bestätigen. «Der eigentliche Preistreiber ist aber der Börsenpreis für Strom – die Zertifikate machen nur einen kleinen Teil der Kosten aus», erklärt Giger. Allerdings könne sich dies auch ändern, denn der Mantelerlass bringe ohnehin Veränderungen: In der Grundversorgung gelten künftig Mindestanteile an inländischem erneuerbarem Strom. Mindestens 20 Prozent der Energie müssen aus erneuerbaren Anlagen in der Schweiz stammen, ab 2028 muss das Standardprodukt zu mindestens zwei Dritteln mit HKN aus inländischer erneuerbarer Produktion gekennzeichnet sein. «Importierte ‹grüne Zertifikate› alleine werden dann nicht mehr ausreichen», sagt Giger.
Neben dem Stromnetz betreiben die Netze Spreitenbach auch ein Kommunikationsnetz. Dieser Markt sei deutlich kompetitiver, sagt Giger mit einem Schmunzeln. Entsprechend müsse man strategisch prüfen, welche Rolle das Unternehmen künftig einnehmen wolle und ob Kooperationen sinnvoll sein könnten. Auch Markus Mötteli sieht hier grundsätzliche Fragen: «Sind wir gross genug, um langfristig als eigenständiger Anbieter aufzutreten?» Gleichzeitig wolle man ein Angebot erhalten, das wirtschaftlich tragfähig ist und politisch Rückhalt geniesst.
Politik und Betrieb klarer trennen
Und das zeigt: Für Mötteli bringt die aktuelle Situation eine besondere Herausforderung mit sich. Als Gemeindepräsident vertritt er die Eigentümerschaft, gleichzeitig steht er als Verwaltungsratspräsident an der Spitze des Unternehmens. «Ich muss immer ein bisschen aufpassen: Spreche ich jetzt als Eigentümer oder als Verwaltungsrat?» Langfristig müsse die Trennung zwischen Politik und Betrieb klarer werden, etwa über definierte Leistungsverträge zwischen Gemeinde und Unternehmen. «Die politischen Ziele müssen klar vorgegeben sein – aber wie sie umgesetzt werden, sollte das Unternehmen möglichst eigenständig entscheiden können.»
Trotz der positiven Bilanz sehen beide noch viel Arbeit vor sich. Die Strukturen der neuen Organisation müssen weiter gefestigt werden, und auch strategische Fragen stehen an. «Das kommende Jahr wird nochmals intensiv», sagt Mötteli. Doch die Richtung stimmt: Nach dem ersten Jahr scheint die Netze Spreitenbach AG auf gutem Kurs zu sein.


