Mit 18 Jahren stieg Tim Voser (FDP) in die Neuenhofer Politik ein, neun Jahre lang prägte er die Finanzkommission mit. Nun zieht er nach Baden und gibt sein Amt ab. Im Interview sagt er, wie er die Konflikte im Gemeinderat erlebte, was im Dorf misslang und wieso er glaubt, dass es aufwärts geht.
Tim Voser wurde 18-jährig Mitglied der Finanzkommission (Fiko) und fünf Jahre später als Fiko-Präsident gewählt. Die Wahl in den Nationalrat (2019) und den Gemeinderat (2020) verpasste er, stattdessen wurde er im Oktober 2024 in den Grossen Rat gewählt. Letztes Jahr schloss er sein Rechts- und Wirtschaftswissenschaftsstudium an der Universität St. Gallen ab. Zurzeit bereitet er sich auf die Anwaltsprüfung vor. Im Frühjahr zieht der 28-Jährige von Neuenhof nach Baden und tritt deshalb aus der Fiko zurück. Im Interview sagt er, warum er kein Berufspolitiker werden will, wieso er glaubt, dass der Neuenhofer Gemeinderat auf dem richtigen Weg ist, und dass er bei den Nationalratswahlen im Jahr 2027 antreten will.
Tim Voser, wieso ziehen Sie von Neuenhof weg? Bevor ich 30 Jahre alt werde, will ich richtig in den Kuchen hinein. In Baden habe ich eine coole Mietwohnung gefunden.
Sie sind in Neuenhof aufgewachsen. Ist es Ihr erster Wegzug? Während des Studiums war ich Wochenaufenthalter in St. Gallen, und ich habe ein Auslandssemester in Brasilien verbracht. Ich war also nie richtig weg.
Sie waren 18 Jahre alt, als Sie sich in die Finanzkommission (Fiko) wählen liessen. Ziemlich jung für ein solches Amt. Was hat Sie dazu bewogen? Es hat mich fasziniert, als junge Person politischen Einfluss in meiner Wohngemeinde zu erhalten. Man sieht direkt, was man bewirkt, es ist nicht abstrakt. Das ist das Spannende an der kommunalen Politik.
War Ihr Alter ein Vor- oder ein Nachteil? Am Anfang wurde ich von gewissen Gemeinderäten und der Verwaltung etwas beäugt. Stellte ich kritische Fragen, bekam ich zu spüren, dass man sich von einem 18-Jährigen nichts erklären lassen will. Hingegen gab man mir als Jungem einen gewissen Bonus. Es wird schneller verziehen, wenn man nicht alles weiss.
Was glauben Sie, warum sich nicht mehr junge Leute politisch engagieren? Junge trauen sich das wahrscheinlich nicht zu. Ich würde aber nicht pauschal sagen, dass sich Junge nicht politisch engagieren. Es ist richtig, sie stimmen teilweise nur punktuell ab, je nach Thema. Doch gerade der Klimastreik hat bei den linken Jungparteien einen politischen Ruck verursacht, worauf die bürgerlichen Jungen mit einer Gegenbewegung reagierten. Es ist bei uns angekommen, dass ein sicherer Arbeitsplatz nicht garantiert ist. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man eine bessere Ausgangslage hat als die Eltern. Viele Junge machen sich Sorgen, weil sie merken, dass der jetzige Wohlstand, die Art, wie wir jetzt leben, nicht ohne politischen Einsatz garantiert ist.
Sie gehören ja mit 28 Jahren nicht mehr zu den ganz Jungen, wann wechseln Sie zur Hauptpartei? Die Altersbeschränkung bei der Jungpartei ist 35 Jahre. Das Coole ist, dass man als Jungparteimitglied automatisch Mitglied der Mutterpartei ist.
Zurück zur Fiko. Sie haben mit 20 Jahren als Gemeinderat kandidiert. War das Fiko-Amt als Sprungbrett gedacht? Ein Sprungbrett ist die Fiko nicht, als Mitglied steht man im Hintergrund. Mich hat das Amt als Gemeinderat inhaltlich interessiert. Damals haben sieben Personen kandidiert, ich wurde nicht gewählt. Später hatte ich dann beruflich andere Pläne und machte ein Auslandssemester in Brasilien.
Wie gross ist der Einfluss der Fiko auf die Politik im Dorf? Nicht sehr gross, weil wir ja kein Weisungsrecht gegenüber dem Gemeinderat haben. Trotzdem haben wir in den letzten Jahren bewiesen, dass wir kein «Abnick»-Gremium sind.
Die Fiko hat bewirkt, dass die Jahresrechnung 2023 zurückgewiesen, ein internes Finanzkontrollsystem eingeführt und Ende des Jahres 2024 die Steuerfusserhöhung abgelehnt wurde. Sind das die grössten Erfolge? Das Wichtigste war, dass wir die politischen Diskussionen ankurbeln konnten. Die Leute trauen sich wieder, sich zur Wehr zu setzen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Die Fiko ist vorausgegangen, wir haben der Bevölkerung nichts verheimlicht und sind uns treu geblieben.
Was waren die schwierigsten Entscheidungen? Wenn man weiss, dass man damit für Aufruhr sorgt. Wir wollten die Gemeinde nicht unnötig destabilisieren. Für die Zusammenarbeit braucht es eine Vertrauensbasis. Jedes Mal, wenn man eine gemeinderätliche Vorlage ablehnt, führt das dazu, dass der Gemeinderat Vertrauen einbüsst. Der Rückweisungsantrag der Jahresrechnung ist ein Beispiel dafür. Wir wussten, das Geld ist ausgegeben, materiell bringt die Ablehnung nichts. Doch wir hatten den Revisionsbericht nicht rechtzeitig bekommen, der Gemeinderat hat die Spielregeln nicht eingehalten. Wir wollten transparent sein, auch wenn es für den Gemeinderat relativ unangenehm war und es einen Wirbel gab.
Inwiefern beeinflusste die Zerstrittenheit im Gemeinderat die Arbeit der Fiko? Das war schwierig, wir wollten nicht unnötig Öl ins Feuer giessen. Doch es ist nicht unsere Aufgabe, für einen glaubwürdigen Auftritt des Gemeinderats gegenüber der Bevölkerung zu sorgen. Unsere Aufgabe ist es, Transparenz herzustellen. Der Gemeinderat hat uns nicht leidgetan, als Politiker muss man mit harter Kritik leben.
Die Stimmung an Gemeindeversammlungen war teilweise sehr aufgeheizt. Aufgeheizt, aber sachlich. Es war emotional, aber das gehört an Gemeindeversammlungen dazu. Die Leute regen sich auf und drücken das an der Gemeindeversammlung aus. Dazu trifft man sich. Wirkliche Beleidigungen gab es meines Erachtens keine.
Mit der neuen Amtsperiode änderte sich die Zusammensetzung im Gemeinderat. Wie erleben Sie das Gremium heute? Ich habe den Eindruck, dass Ruhe eingekehrt ist. Es läuft nicht alles perfekt. Fiko und Gemeinderat haben weiterhin Differenzen. Doch wir sehen, dass der Gemeinderat agiert. Wenn wir mit ihnen zusammenarbeiten, haben wir das Gefühl, das Team ist eingespielt. Ende der letzten Legislaturperiode fehlte die Strategie, es war ein kopfloses Herumlaufen. Zeitpläne und Versprechen wurden nicht mehr eingehalten. Das hat sich verbessert. Auch dank dem eingeführten Kontrollsystem werden wir früher informiert. In Sachen Härdli geht es endlich vorwärts. Es finden jetzt Sitzungen statt. Man trifft Abklärungen, prüft Alternativen. Der Gemeinderat hält nicht verkrampft an Lösungen fest, sondern bezieht die Leute ein. Neuenhof hat noch immer die gleichen Baustellen wie vor einem Jahr, doch jetzt werden endlich Leute auf die Baustellen geschickt, die das Problem lösen.
Zu diesen Baustellen gehören die Finanzen. Das Budget 2026 weist ein Defizit von 1,6 Millionen Franken auf. Wie schätzen Sie als Fiko-Präsident die finanzielle Lage von Neuenhof ein? Die finanzielle Problemaktik hat sich nicht entschärft. Wir hatten in den letzten Jahren glücklicherweise einen Rettungsschirm. Der Verkauf der Villa Hermitage und Sondersteuereffekte haben uns über die Runden gebracht. Neuenhof hat eine unterdurchschnittliche Steuerkraft pro Kopf. Die Badener Einwohnenden verdienen im Schnitt pro Monat 10000 Franken mehr als die Neuenhoferinnen und Neuenhofer. Das wirkt sich auf die Steuerkraft der Einwohnenden aus. Wir müssen anfangen, überregional zu denken. Auch eine Fusion mit Baden könnte helfen.
Sie haben im Grossrat einen Vorstoss eingereicht und fordern eine Abwälzung von gebundenen Ausgaben an den Kanton. Ist das Ihr Lösungsansatz? Ja, einer davon. Der Kanton hat knapp 1,5 Milliarden Franken in der Ausgleichsreserve, er sitzt auf einem Berg voller Geld, während der Schuldenberg der Gemeinden wächst.
Setzen Sie sich weiterhin politisch für diese Anliegen ein? Ich werde mich weiterhin in Aarau dafür einsetzen und wurde von den Jungfreisinnigen Aargau für die Nationalratswahlen nominiert. Sofern die FDP Aargau zustimmt, darf ich im Oktober 2027 als Nationalrat kandidieren.
Überlegen Sie sich, irgendwann Berufspolitiker zu werden? Nein, ich sehe mich als Rechtsanwalt im Wirtschafts- und Gesellschaftsrecht oder im öffentlichen Recht. Politik bleibt ein Hobby.
Streben Sie nach dem Umzug ein politisches Amt in Baden an? Nein, im Moment habe ich das nicht vor. Ich fokussiere mich nun auf das Amt als Grossrat. Auch wenn ich nach neun Jahren in der Fiko etwas wehmütig bin, das Amt abzugeben, gibt es mir Freiraum. Ich kann mich wieder auf andere Dinge fokussieren. In Aarau gibt es ebenfalls viel zu tun.