«Schule ist an Belastungsgrenze»

Um dem Lehrermangel entgegenzuwirken, arbeiten an der Schule in Neuenhof 20 Personen, die kein ­Lehrerdiplom besitzen. Gesamtschulleiterin Renate Baschek über Chancen und Risiken und woran das Schulsystem krankt.

Renate Baschek, Gesamtschulleiterin an der Schule Neuenhof.Melanie Bär

Fachkräfte- und Lehrermangel sind in aller Munde. Wie ist die Situation an der Schule Neuenhof? Renate Baschek, Gesamtschulleiterin: Im Schulwesen gab es immer wieder Wellenbewegungen, aber jetzt ist es mehr als eine Welle. Im vergangenen Schuljahr konnten wir die Stellen nur mit Ach und Krach besetzen. Immer mehr Lehrpersonen fallen aufgrund von Krankheit aus. Die Suche nach Stellvertretungen und der damit verbundene Administrativaufwand – für jede einzelne Stellvertretung braucht es einen Vertrag und eine Lohnverfügung – ist riesig.

Macht Ihnen das Sorgen? Sehr. Von den rund 130 Lehrpersonen an unserer Schule verlassen jährlich rund 10 bis 20 die Schule aufgrund von Pensionierungen und Wechsel. Pro ausgeschriebene Stelle bekamen wir jeweils nur sehr wenige Bewerbungen. Von den Bewerberinnen und Bewerbern hatte kaum jemand eine Ausbildung. Wir haben keine wirkliche Auswahl mehr und müssen gottenfroh sein, wenn wir überhaupt alle Stellen besetzen können.

Setzen Sie deshalb auch Personen ohne Lehrerdiplom ein? Der Lehrermangel zwingt uns, Lehrpersonen ohne Ausbildung anzustellen. Im Fachbereich ist das kein Problem. Wir haben beispielsweise zwei Werklehrer mit handwerklichem Hintergrund ohne pädagogische Grundausbild. Oder eine ausgebildete Opernsängerin, die das Fach Chor unterrichtet. Ich bin unglaublich dankbar um diese Personen.

Wie viele Lehrpersonen arbeiten an der Schule Neuenhof ohne Lehrerdiplom? Aktuell arbeiten rund 130 Lehrpersonen an der Schule Neuenhof. Davon haben 7 Lehrpersonen keine pädagogische Ausbildung und sind nicht im Studium. 13 Lehrpersonen sind in Ausbildung, haben jedoch zurzeit noch keinen Abschluss.

Was sind Ihre Erfahrungen? Wir stellen nur Personen an, die wir als geeignet einstufen. Es gibt Quereinsteiger mit viel Lebenserfahrung, die tolle Arbeit leisten. Ich stelle lieber eine solche Person an als eine Lehrperson mit Diplom, die sich nicht eignet. Doch die Lehrpersonen ohne Ausbildung brauchen Unterstützung, das belastet das System.

Inwiefern? Sie brauchen eine erfahrene Lehrperson oder die Schulleitung, die sie bei Unsicherheiten um Rat fragen können. Das ist schwierig in einem Schulsystem, das aufgrund des Lehrermangels und der immer höheren Ansprüche von Eltern und Gesellschaft sowieso schon an seiner Belastungsgrenze ist.

Führt das auch zu Unstimmigkeiten innerhalb des Lehrerkollegiums? Ja, vor allem der unentgeltlich geleistete Zusatzaufwand macht Mühe und es kommt auch zu Neid. Verständlich, denn Lehrpersonen ohne Diplom haben lediglich einen Lohnabzug von 5 Prozent, der nach 5 Jahren aufgehoben wird. Die Ausbildung müsste sich auch im Lohn ästimieren. Deshalb unterstütze ich auch den politischen Vorstoss von Grossrätin Simona Brizzi, die 10 Prozent Lohnabzug fordert.

Neben dem klassischen Vollzeitstudium gibt es an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz auch berufsbegleitende Studiengänge. Hilft das gegen Lehrermangel? Ich begrüsse die neuen Berufsaubildungsmodelle mit Praxisbezug sehr. Die Schule Neuenhof bietet diverse Praxisplätze an und wir machen sehr gute Erfahrungen mit den Studierenden, welche nach Abschluss ihrer Ausbildung manchmal in Neuenhof bleiben. Die Herausforderung am Lehrersein sind nicht die Methodik und der Schulstoff. Das kann man lernen. Es ist vielmehr der Umgang mit den Kindern im Schulzimmer. Als ich meine erste Klasse als Lehrerin unterrichtete, hatte ich super Schulstunden vorbereitet – und konnte anfangs keine einzige wie geplant durchführen, weil die Kinder sich nicht wie erwartet verhielten. Als Lehrperson lernt man vieles erst, wenn man vor der Klasse steht. Deshalb ist die Berufseignung so wichtig.

Steigen die Ansprüche von Eltern und Gesellschaft an die Lehrpersonen? Mir kommt es so vor, als wäre die Schule eine soziale Institution, die nebenbei auch noch einen Bildungsauftrag erfüllen muss. Das funktioniert nicht. Die Schule muss den Mut haben, sich gegenüber gewissen Erwartungen abzugrenzen.

Welche Erwartungen sprechen Sie an? Themen, die nicht zum Bildungsauftrag gehören, sondern Aufgabe der Eltern sind. Viele Kinder spüren sich nicht mehr, also bieten wir als Schule beispielsweise Achtsamkeitstraining an. Oder auf dem Heimweg von der Schule streiten sich Kinder und stören deshalb den Unterricht, also muss die Lehrperson den Konflikt klären, die Schulsozialarbeit involvieren und eine Triage organisieren. Doch eigentlich gehören solche Themen nicht zum Kernauftrag der Schule. Die Schulen müssten sich wieder auf den Bildungsauftrag konzentrieren können.

Kann sich die Schule so vom Lehrermangel erholen? Ich habe kein Geheimrezept, aber das Rückbesinnen auf den Kernauftrag, nämlich die Umsetzung des Lehrplans, hilft beim Abgrenzen. Wenn es zu wenig Buschauffeure hat, werden gewisse Strecken nicht mehr bedient. Im Notfall müssten wir adäquat einzelne Dienstleistungen der Schule zurückschrauben und allenfalls auf Zusatzförderungen wie etwa die Begabtenförderung, den Chor oder das Lernatelier verzichten, damit es genügend Lehrperson hat, welche im Notfall die obligatorischen Lektionen übernehmen könnten. Und vielen Lehrpersonen würde es helfen, wenn sie mehr Verständnis von Seiten der Gesellschaft bekämen, dass sie nicht alles abdecken können und beispielsweise einem Kind auch einmal eine scharfe Grenze setzen müssen.

Arbeiten in Neuenhof auch Klassenassistenzen und können sie das Problem mindern? In Neuenhof arbeiten zirka 20 Klassenassistenzen, sie benötigen keine Ausbildung, sie werden nach ihrer Eignung und Verfügbarkeit ausgewählt. Für diese Stellen haben wir viele gute Bewerbungen. Die Klassenassistenzen unterstützen die Lehrpersonen, lösen das Problem aber nicht grundlegend, da sie nicht selber unterrichten.

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