Abschied von Beruf und Berufung

Nach 41 Jahren Selbst­ständigkeit ist Schluss: Luigi und Maria Teresa Bitonti übergeben ihr Coiffeurgeschäft in neue Hände. Mit ihrer Kundschaft wollen sie jedoch verbunden bleiben.

Luigi und Maria Teresa Bitonti, bevor sie ihr Coiffeursalon an ihre Nachfolgerin Adelina Qerkinaj übergaben. Melanie Bär

«Coiffeur Luigi» steht auf den roten Blechtafeln, die an der Wand hinter dem Eingang hängen. Darunter ein goldener Rahmen mit einem Schleifgerät. «Damit habe ich früher dieses Messer geschärft», sagt Luigi Bitonti am Dienstagabend nach Ladenschluss und zeigt auf ein Rasiermesser, das neben anderen alten Coiffure-Werkzeugen am nostalgisch eingerichteten Frisierplatz liegt. Er setzt sich auf den Stuhl, der davorsteht, und sagt: «Darauf sassen meine ersten Kunden.»

Fast fünfzig Jahre ist es her, dass er zum ersten Mal Männern den Bart rasierte und ihnen die Haare schnitt. Anstatt nach der Schule spielen zu gehen, half er im Coiffeursalon eines Bekannten mit. «Ich war noch so klein, dass ich einen Schemel brauchte, um genug hoch zu stehen.»

Von der BBC zum eigenen Geschäft

Mit 17 zog er von Kalabrien in die Schweiz zu seinem Vater, der in Wettingen als Gastarbeiter lebte. Er realisierte schnell: «Das grosse Geld verdient man als Coiffeur nicht» – und begann in der damaligen Brown Boveri (BBC) in Baden zu arbeiten. Seine Leidenschaft jedoch blieb: «Abends und am Wochenende half ich in einem Salon eines Italieners in Neuenhof aus.» Als ihm 1984 der Vorbesitzer des Neuenhofer Coiffeursalons Faro sein Geschäft zur Übernahme anbot, musste er nicht lange überlegen. «Luigi, Zischtigmorgen, 8 Uhr bist du dort», habe sein Arbeitskollege zu ihm gesagt und wurde zum ersten Kunden, der bis heute blieb. Luigi Bitonti holt ein Fotoalbum hervor, seine Frau Maria Teresa Bitonti zeigt auf ein Bild. «Das ist er», sagt die 62-Jährige und fügt an: «Mehr als 80 Prozent sind wie er zu Stammkunden geworden.»

Luigi Bitonti hat das Geschäft nur ein Jahr lang alleine geführt, danach erhielt er Unterstützung von seiner Frau. Sie ist ebenfalls Italienerin mit Wurzeln in Kalabrien, ist jedoch im Luzernischen aufgewachsen und hat ihren Mann in den Ferien in Kalabrien kennengelernt. Nach der Kunstgewerbeschule hat sie eine Ausbildung zur Coiffeuse angehängt, um ihren Mann im Geschäft unterstützen zu können. «Trotz Geschäft und Familie habe ich mich bis zur eidgenössischen Meisterschule hinaufgearbeitet.» Die Leidenschaft für ihren Beruf hat ihr die Energie gegeben: «Ich habe schon als Kind meine Freundinnen frisiert und meinem Bruder die Haare geschnitten.»

Fussball und Schrebergarten

Die beiden sitzen im Wartebereich ihres Coiffeurgeschäfts, acht Tage, bevor sie es ihrer Nachfolgerin überlassen. Sind sie wehmütig? «Wir realisieren es gar noch nicht, unser Terminkalender ist bis zum letzten Tag gefüllt, alle wollten noch einmal vorbeikommen», sagt Maria Teresa Bitonti. Deshalb hatten sie am vergangenen Montag ausnahmsweise auch geöffnet.

Ihr Mann nickt und sagt: «Wir werden herausfinden müssen, wie ein Leben ohne Arbeit funktioniert», schmunzelt der 65-Jährige. Das Geschäft sei an erster Stelle gestanden, auch ihre beiden mittlerweile erwachsenen Söhne hätten viel Zeit im Salon und an Coiffeurmessen verbracht. Übernehmen wollte keiner; ein Sohn arbeitet als Automechaniker, der andere als Logistiker. «Meine Schwiegertochter meinte, die Grosskinder werden Mühe haben, wenn sie auf dem Spaziergang nicht mehr kurz Halt machen können hier, um Nonna und Nonno zu besuchen.»

Trotzdem: Die beiden freuen sich darauf, ab dem 1. Mai mehr Zeit für sich und die Kollegen zu haben. Bis vor zehn Jahren war Luigi aktiver Fussballer beim FC Juventina in Wettingen und seit einem Jahr ist er stolzer Schrebergartenbesitzer. «Und ich freue mich, endlich mal Zeit zu haben, um das Haus zu geniessen», sagt Maria Teresa. Sie ist sicher: Die Beziehung mit einigen Stammkundinnen und -kunden bleibe weiter bestehen. Etwa mit jener Kundin, die ihr vor Freude über die neue Frisur ein Geschenk vorbeibrachte. «Weisch, wir haben mit den Leuten geredet», sagt Luigi mit sympathischem Italienerakzent und zeigt auf ein Bild, das bei der Kasse steht. «Lieber Luigi, vielen Dank für die schönen Frisuren. Geniesse deine Pension», steht hinter dem Bild mit dem Schriftzug «Swiss Heroes, Luigi Bitonti, der beste Coiffeur». «Unsere Kunden sind uns wichtig, wir werden sie sicher weiterhin sehen, da wir in Neuenhof wohnen», fügt seine Frau an.

Kartenbaum als Erinnerung

«Was machen wir eigentlich mit dem Kartenbaum?», fragt Maria Teresa Bitonti ihren Mann und blickt zum Baumstamm, an dem bunte Ferienkarten ihrer Kunden hängen. «Den Baum lassen wir hier, die Karten nehmen wir mit», antwortet er. Ebenso wie den alten Stuhl und die nostalgischen Werkzeuge. Sie werden die beiden in ihrem nächsten Lebensabschnitt an die Anfänge ihrer Berufskarriere erinnern und an die vielen schönen Begegnungen mit ihrer Kundschaft.

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