18.03.2020

Ein ehemaliger Neuenhofer Arzt ist in Indien im Einsatz

Peter Ackle war von 1987 bis 2014 als Hausarzt in Neuenhof tätig. Melanie Bär

Auf dieser Liege wurde ein Patient ins indische Ärzteambulatorium gebracht, wo er auf seine Behandlung wartete. zVg

Peter Ackle war von 1987 bis 2014 als Hausarzt in Neuenhof tätig. Melanie Bär

Peter Ackle war von 1987 bis 2014 als Hausarzt in Neuenhof tätig. Melanie Bär

Auf dieser Liege wurde ein Patient ins indische Ärzteambulatorium gebracht, wo er auf seine Behandlung wartete. zVg

Der pensionierte Neuenhofer Hausarzt Peter Ackle ist nach einem Auslandeinsatz in die Schweiz zurückgekehrt. Im Doktor-Zentrum Baden vertritt er bis im August eine Ärztin. Ruhige und sachliche Information ist für ihn nicht nur bei seinen Auslandeinsätzen, sondern auch in der jetzigen Pandemie-Situation in der Schweiz von Bedeutung.

Von: Melanie Bär

Sie sind Ende Januar aus einem ärztlichen Einsatz im indischen Kalkutta zurückgekehrt, wo Sie «erschütterndes Leid» gesehen haben, wie Sie sagen. Was hat Sie am meisten bewegt?

Peter Ackle: Die Tuberkulose, sie ist eine wahnsinnige Krankheit. Weltweit gibt es deswegen pro Jahr zwei Millionen Tote – vorwiegend in Drittweltländern, davon ein Fünftel in Indien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) möchte sie bis ins Jahr 2050 ausrotten. Das wird wohl nicht gelingen, die Neuansteckungen steigen immer noch. Indien spielt diesbezüglich eine zentrale Rolle, da sie viele resistente Bakterien haben. Die normalen Medikamente nützen nichts oder haben viele Nebenwirkungen. Einen Gehörverlust muss man beispielsweise als Nebenwirkung schon fast in Kauf nehmen. Die engen Verhältnisse sind in Indien auch ein Problem: Ganze Familien schlafen im gleichen Bett und stecken sich gegenseitig an, da ihnen das Wissen über die Krankheit fehlt, aber auch keine alternativen Möglichkeiten bestehen. Es gibt krasse Unterschiede zwischen der vorhandenen Spitzenmedizin und einem völlig überforderten Gesundheitssystem. Dies auch weil viele Betroffene weder lesen noch schreiben können und deshalb nicht zu den nötigen Informationen kommen.

Hatten Sie Angst, sich anzustecken?

Grundsätzlich bin ich nicht ängstlich und halte die üblichen Vorsichtsmassnahmen ein. In der Schweiz kann man Tuberkulose auch gut behandeln, es gibt nicht mehr viele Erkrankungen. Deshalb wurden auch viele der nach dem Weltkrieg eröffneten Lungenambulatorien geschlossen. 

Zurück in der Schweiz erleben Sie die Verunsicherung der Bevölkerung wegen des Coronavirus. Wie empfinden Sie das?

Ich selber bin mit grosser Gelassenheit aus Indien zurückgekehrt. Hier in der Schweiz spüre ich grosse Sensibilität bezüglich des COVID-19. Das nehme ich sehr ernst und gleichzeitig hoffe ich, dass wir uns weiterhin von Fakten und nicht von Emotionen leiten lassen. In der Praxis erlebe ich viele Patienten, die ihre Eigenverantwortung konsequent leben. Zum Beispiel häufig ihre Hände waschen oder Abstand halten.

Wie stufen Sie die Vorgehen in der Schweiz ein?

Ich finde die Information des Bundesamts für Gesundheit (BAG) sachlich und gut. Uns als Doktor-Zentrum hilft das auch, so können wir die Patienten ebenfalls ruhig und sachlich informieren. Die Phase, in der die Infektionskette zurückverfolgt werden kann, ist vorbei. Man hat zu viele Unbekannte. Ich finde es deshalb richtig, alles darauf auszulegen, Ansteckungen zu verhindern. 

Sie stellvertreten eine Ärztin, die im Mutterschaftsurlaub ist. Wie schätzen Sie als Arzt die Lage in der Schweiz ein?

Ich bin kein Hellseher, glaube aber, dass das Vorgehen des BAG früher oder später zum Ziel führt. Möglicherweise lernen wir auch einfach, damit zu leben. 

Haben Sie schon einmal so etwas Ähnliches erlebt?

Die HIV-Epidemie, die zwischen 2002 und 2006 weltweit jährlich 2,3 Millionen Tote pro Jahr forderte. Aufgrund wirksamer Medikamente nahm sie danach stetig ab. Im Jahr 2018 reduzierte sich die Zahl weltweit auf 770000 Todesopfer. Ich war 1999 für einen ärztlichen Hilfseinsatz in Uganda: Ganze Quartiere stellten Särge her. 

Haben Sie in Indien auch etwas vom Coronavirus mitbekommen?

Nein, das war in Indien kein Thema. 

Planen Sie schon den nächsten Hilfseinsatz mit einer Schweizer Hilfsorganisation?

Meine ärztliche Vertretung im Doktor-Zentrum Baden dauert sechs Monate bis Ende August. Es war geplant, dass ich nach Ostern für rund vier Wochen in Laos einheimische Ärzte schule und zwei Landspitäler mit Angestellten von Gesundheitszentren ausbilde. Aufgrund der aktuellen Lage ist dieser Einsatz unwahrscheinlich.

Aber verstehe ich Sie richtig: Sie möchten es sich auch in Zukunft nicht als Pensionär in der Schweiz gemütlich machen, sondern anderen helfen – insbesondere in Drittweltländern?

Es ist nicht so, dass ich nur arbeite, ich geniesse es auch. Die Einsätze geben mir Gelassenheit. Ich darf wählen, was ich will. Fremde Kulturen und Menschen haben mich schon immer interessiert. Schon in der Praxis in Neuenhof durfte ich Patienten aus verschiedenen Kulturen und Ländern behandeln. Das hat mir immer grosse Freude macht. Ich kann dank der Medizin den Menschen etwas geben, im Gegenzug bekomme ich einen viel näheren Bezug zu ihnen, den ich als Tourist nie bekäme. Das ist sehr lehrreich, bereichernd und gratifizierend. Ich ärgere mich beispielsweise nicht mehr so schnell, wenn ich irgendwo anstehen muss. In Indien verbringt man viel Zeit mit Anstehen und Warten. Ein Grossteil der Energie muss in Indien alleine für die Bewältigung des Alltag eingesetzt werden.