Neuenhof
20.10.2021

«Eigentlich hatten wir keine Jugend»

Findet, es fehle vielen an Perspektive: Lodowicus Deltenre. (Bild: rsz)

Findet, es fehle vielen an Perspektive: Lodowicus Deltenre. (Bild: rsz)

Der Neuenhofer Lodowicus Deltenre hat das Kriegsende in Holland erlebt und sieht darin Parallelen zur Pandemie. Er wird nun 90 Jahre alt.

Von: Robin Schwarz

Lodowicus Deltenre sitzt am Esstisch im Wohnzimmer seiner Wohnung im Zentrum von Neuenhof. Er sei der allererste Mieter in diesem Block gewesen, damals, vor Jahrzehnten, zusammen mit seiner Frau Ella, erzählt er. Es könne aber sein, dass sie bald ausziehen müssen. Das Haus soll abgerissen werden, zusammen mit mehreren anderen Blöcken im Quartier. Seine Kinder hätten zwar bezüglich neuer Wohnung schon die Fühler ausgestreckt, dass die nächste Wohnung aber nochmals so günstig werden würde, ist unwahrscheinlich.

Eines seiner Kinder ist Ingrid Deltenre, ehemalige Direktorin des Schweizer Fernsehens und Leiterin der Generaldirektion der Europäischen Rundfunkunion in Genf. Er, Lodowicus Deltenre, arbeitete bei der BBC als Instandsetzungsingenieur. Sein Job führte ihn über die ganze Welt, durch alle Herren Länder, «ausser in die kommunistischen, wegen des Eisernen Vorhangs». Der Job mit lärmenden Maschinen kostete ihn über die Jahre das Gehör.

Meistens spricht Deltenre darüber, was ihn heute stört, was ihn irritiert. Es ist keine blinde, ziellose Beschwerde, sondern eine, die sich gegen ganz bestimmte Dinge richtet. Egoistisch seien sie geworden, die Leute, respektlos, selbstverliebt und von sich selbst über alle Massen überzeugt. Dabei würden sie nicht mal mehr richtig miteinander reden. Im Bus schauen alle nur noch in ihr Handy. Nur, um dann am Ende das zu glauben, was sie glauben möchten.

Als Beispiel kommt Deltenre auf Sputim zu sprechen. Dem Youtuber gelang es mit absichtlich abstrusen Falschmeldungen über die Coronapandemie, Impfskeptiker aufs Glatteis zu führen, die besagte Falschmeldungen fleissig geteilt hatten. «Darunter hatte es sogar Ärzte, die diesen Quatsch geglaubt haben», echauffiert sich Deltenre. Als Kontext: Sputim erfand für sein Video Impfschäden, zum Beispiel würden bei Kindern nach der Impfung Körperteile explodieren.

«Kürzlich haben meine Frau und ich gesagt, zum Glück sind wir schon so alt. In 10 Jahren wissen wir von alledem nichts mehr.» Dem Tod blickt er gelassen entgegen. «Dinge, die man nicht ändern kann, muss man akzeptieren», sagt Deltenre. Manche würden das nie lernen, aber nur so könne man zufrieden bleiben. Aber er hofft, er sterbe erst nach seiner Frau. Damit er sie nicht alleine lasse, weil er ihr so viel hilft im Haushalt, Dinge tut, die sie nicht mehr kann.

Vom Eingriff in die Freiheit

Vielen Menschen fehle es schlicht an Perspektive heutzutage, sagt Deltenre. Lodowicus Deltenre, der 1931 in Holland geboren wurde, hat das Ende des Zweiten Weltkriegs miterlebt. «Es ist ganz klar: Eigentlich hatten wir keine Jugend.» Die Deutschen sind 1940 nach Holland einmarschiert und vier Jahre geblieben. Das sei ein bisschen wie mit der Pandemie. «Wir durften nach acht Uhr abends nicht auf die Strasse. Hat man es doch getan, gab es das Risiko, erschossen zu werden», schildert Deltenre. «So einfach ist das. Tja.» «Während des Kriegs haben wir das geschluckt», erzählt Deltenre weiter, «aber heute wertet man die Massnahmen als Eingriff in die persönliche Freiheit. Aber: Obwohl ich persönliche Freiheit habe, habe ich trotzdem auch Pflichten. Eine Pflicht ist, dass man sich impfen lässt.» Warum sich viele Menschen trotzdem nicht impfen lassen wollen, weiss Deltenre nicht. «Das ist eine Frage, worauf es keine Antwort gibt.»

Hunger und Diebstahl

Fest steht aber: Das Kriegsende war hart. «Wir hatten es extrem schlecht in Rotterdam», erzählt er. «Es gab nichts zu essen.» Mit Lebensmittelmarken seien die Leute Schlange gestanden, um ein Brot zu kriegen, 400 Gramm schwer, «vermutlich 350 Gramm davon Wasser». Oft war das Brot ausverkauft, «und dann war fertig», sagt Deltenre resigniert, verwirft leicht die Hände. «Stand man noch in der Schlange, hat man nichts gekriegt.»

«Wir hatten Hunger», sagt Deltenre mit Nachdruck. «Wenn einer heute sagt, er habe es schlecht» – Deltenre pausiert, sammelt Energie, sucht Worte – «Wir haben Tulpenzwiebeln gegessen, rohe Tulpenzwiebeln. Und Futterrüben, die man sonst den Schweinen gibt.» Aber: «Wie kochen? Man konnte nicht heizen, Gas gab es keines. Licht auch nicht. Alles war abgestellt.» Kerzen habe es vielleicht noch gegeben, oder Petrollampen. «Doch woher Petroleum nehmen, wenn nicht stehlen?»

Mit Gravität: «Man konnte nur klauen. Damit man überlebt.»

Danach, mit Verachtung: «Und hier leben sie in Saus und Braus».

Einer seiner Arbeitskollegen bei der BBC habe einmal gesagt, er habe die Deutschen gehasst. Deltenre: «Wieso?» Der Kollege: «Wir konnten nur eine Tafel Schokolade im Monat kaufen.» Deltenre, rhetorisch ungläubig: «Schoggi?» So was gab es bei ihnen gar nicht. Deltenre muss lachen. «Ich habe ihm einmal gesagt, bei uns war es einfach. Wenn man drei leere Bananenschalen hatte, kriegte man eine neue Banane. Aber es gab weder leere Schalen noch Bananen. Nichts gab es. Nichts.»

Hin und wieder seien sie mit dem Zug zu einem Bauern aufs Land gefahren, um dort Waren gegen Essen einzutauschen. «Der Bauer dort hatte zwanzig Uhren, weil es ja kein Geld mehr gab», schildert Deltenre.

«Nicht schon wieder eine Uhr», habe der Bauer darauf missmutig gesagt. Danach sei man mit dem Zug wieder nach Hause gefahren. «Dort sind dann die guten Holländer gestanden», sagt Deltenre mit Sarkasmus in der Stimme. Er meint die Kollaborateure. Am Bahnhof hätten die Nazis sämtliche Waren konfisziert, da es verboten gewesen sei, mit dem Zug Tauschwaren zu transportieren. Sein Vater habe es einmal geschafft, auf der Einstiegsseite des Zuges auszusteigen, um so dem konfiszierenden Nazi-Empfangskomitee zu entwischen.

«Darum sage ich: Das haben wir erlebt. Und jetzt haben wir Pandemie. Diese Leute haben keinen blassen Dunst.»