Wettingen
19.08.2020

Abgetretene Spitex-Präsidentin: «In Zukunft wird die Arbeit entschädigt werden müssen»

Doris Stump hat Germanistik und Anglistik studiert, war Kantonsschullehrerin, von 1990 bis 2005 Gemeinderätin in Wettingen, von 1995 bis 2011 Nationalrätin, von 2010 bis 2015 Präsidentin des Spitexverbands Aargau und engagierte sich 26 Jahre lang im Vorstand der Spitex Wettingen-Neuenhof, 16 Jahre davon als Präsidentin. Im Juni 2020 gab sie das Amt ab. Stump leitet den eFeF-Verlag, der Literatur von Schweizer Autorinnen, Biographien und Sachbücher zu Geschlechterfragen publiziert. Melanie Bär

Doris Stump hat Germanistik und Anglistik studiert, war Kantonsschullehrerin, von 1990 bis 2005 Gemeinderätin in Wettingen, von 1995 bis 2011 Nationalrätin, von 2010 bis 2015 Präsidentin des Spitexverbands Aargau und engagierte sich 26 Jahre lang im Vorstand der Spitex Wettingen-Neuenhof, 16 Jahre davon als Präsidentin. Im Juni 2020 gab sie das Amt ab. Stump leitet den eFeF-Verlag, der Literatur von Schweizer Autorinnen, Biographien und Sachbücher zu Geschlechterfragen publiziert. Melanie Bär

26 Jahre lang hat sich Doris Stump für die Spitex engagiert. Im Interview sagt sie, warum sie einen Zusammenschluss nach wie vor zeitgemäss fände und was sie mit der frei werdenden Zeit macht.

Von: Melanie Bär

Nach 26 Jahren im Vorstand des Spitexvereins Wettingen, die letzten 15 Jahre als Präsidentin, sind Sie an der Generalversammlung im Juni zurückgetreten. Warum haben Sie das Amt an Jürg Keller weitergegeben?

Aufgrund meines Alters (lacht). Ich bin dieses Jahr 70 geworden und möchte keine solchen Verpflichtungen mehr übernehmen. Vorgesehen war sowieso, dass sich der Vorstand nach der Gründung der regionalen Spitex AG im Jahr 2016 neu bestellen würde.

Daraus ist nichts geworden, weil die Stimmberechtigten in Killwangen und Spreitenbach den von den Gemeinderäten vorgeschlagenen Zusammenschluss der Spitex Spreitenbach-Killwangen und der Spitexvereine Wettingen und Neuenhof zur gemeinnützigen Spitex AG vor fünf Jahren abgelehnt haben. Wäre diese Rechtsform für Sie immer noch die richtige?

Ich finde immer noch, dass ein Zusammenschluss zeitgemäss wäre. So wie die Gemeinden das beispielsweise auch bei der Polizei oder den Regionalen Verkehrsbetrieben gemacht haben. Nicht wegen der Rechtsform an sich, sondern wegen der Grösse. Eine Organisation mit mehr Umsatz und Angestellten kann die Fachleute flexibler einsetzen und bessere Arbeitsbedingungen schaffen. Der Nacht- und der Wochenenddienst verteilen sich auf mehr Mitarbeitende. Man ist flexibler und kann alle gesetzlich vorgegebenen Leistungen wie Psychiatrie-Spitex oder Spezialisierte Palliative Care selber erbringen, die sich für eine kleine Organisation nicht rechnen.

Ist das der Grund, weshalb die Spitex Wettingen-Neuenhof nicht mehr selbst eine Spezialisierte Palliative Care (SPC) anbietet?

Das Angebot besteht weiterhin, wird aber aus finanziellen Gründen bei einer anderen Organisation eingekauft. Heute bieten im Kanton Aargau nur noch fünf Spitexvereine Spezialisierte Palliative Care an, für alle Klientinnen und Klienten im Kanton Aargau, ergänzend zur Palliative Care, die in Wettingen und Neuenhof nach wie vor ausgeführt wird.

Apropos Finanzen: Nach einem Vorstoss der Finanzkommission im Oktober 2017, der unter anderem kritische Fragen zu den Tarifen der Spitex stellte, hat der Gemeinderat die Leistungsvereinbarung mit der Spitex am 20. Dezember 2019 per Ende 2020 gekündigt. Obwohl die Motion im Einwohnerrat bereits abgeschrieben war. Erst nach mehrmonatigen Verhandlungen mit Unterstützung einer externen Firma wurde vergangenen Monat der neue Leistungsvertrag unterzeichnet. Hat Sie das als Spitexpräsidentin getroffen?

Ich empfand die Kündigung des Leistungsvertrags als Schlag ins Genick, weil wir immer wieder Gesprächsbereitschaft signalisiert hatten und bereits im September 2019 eine Aussprache mit dem Gemeinderat gewünscht hatten, was uns leider nicht gewährt wurde.

Die Spitex wurde und wird zu einem immer wichtigeren Teil in der Gesundheitsversorgung, die von allen Seiten unter Druck geraten ist: Die Vorgaben der Versicherer – elektronisches Klientendossier – und des Gesundheitsdepartements – Qualitätssicherung – verursachen Mehrkosten, die Gemeinden müssen sie tragen. Gleichzeitig steigt der Bedarf. Warum?

Einerseits weil die Menschen älter werden und auch im hohen Alter lieber in der eigenen Wohnung leben als im Pflegeheim. Das ist dank der entsprechenden Unterstützung bei der Pflege und im Haushalt möglich. Andererseits weil Patienten heute nach einer Operation früher aus dem Spital entlassen werden, aber zuhause immer noch pflegerische Leistungen, zum Beispiel bei der Wundversorgung, benötigen. Die Spitex muss sich den neuen Anforderungen anpassen. Als der Spitexverein Wettingen vor 25 Jahren gegründet wurde, leistete der Verein in Wettingen 5483 Arbeitsstunden für die Pflege. Im Jahr 2019 wurden in Neuenhof und Wettingen über 29000 Stunden pflegerische Leistungen erbracht.

Die Haushaltshilfe blieb aufwandmässig hingegen etwa gleich und wird seit 2008 von der Pro Senectute ausgeführt. Und Mahlzeiten werden nicht mehr vor Ort gekocht, sondern geliefert. Warum?

Wir haben immer auch für die Gemeinden günstige Lösungen gesucht. Sie werden entlastet, weil die Pro Senectute tiefere Beiträge von den Gemeinden erhält und der Mahlzeitendienst kostendeckend ist beziehungsweise ein Defizit aus dem Vereinsvermögen gedeckt wurde. Die Lieferung von warmen Mahlzeiten entspricht auch einem Bedürfnis der Bevölkerung. Im Jahr 2019 wurden in Wettingen und Neuenhof gegen 16000 Mahlzeiten geliefert.

Trotz Sparbemühungen hat die vom Gemeinderat in Auftrag gegebene Analyse der Kennzahlen vor einem Jahr ergeben, dass Produktivität, Kostendeckung und Vollkosten pro Stunde bei der Spitex Wettingen-Neuenhof über den kantonalen Durchschnittswerten liegen und die Kosten tendenziell steigen. Warum?

Der Bericht wurde ohne genaue Analyse unseres Betriebs erstellt. Die Spitex Wettingen-Neuenhof steht im Vergleich mit Organisationen der gleichen Grösse im Kanton Aargau gut da. Da nicht alle Spitexunternehmen gleich organisiert sind, ist ein Vergleich der Zahlen aus der kantonalen Erhebung mit Vorsicht zu interpretieren. Rund 90 Prozent der Aufwände sind Personalkosten. Da immer höhere Qualifikationen notwendig und vom Departement Gesundheit und Soziales vorgegeben sind, steigen die Kosten unwillkürlich. Der Gerichtsentscheid aus dem Jahr 2017, dass die Versicherungen Materialien, die zur Pflege benötigt werden, nicht mehr bezahlen müssen, hat bei uns auf einen Schlag jährliche Mehrkosten von über 30000 Franken ausgelöst.

Was waren neben den Finanzen die grössten Herausforderungen, mit denen Sie als Spitexpräsidentin konfrontiert waren?

Es war und ist extrem schwierig, genügend gut qualifiziertes Personal zu finden. Das liegt unter anderem an der hohen Belastung, der grossen Verantwortung und den Arbeitsbedingungen, wie beispielsweise Arbeit am Abend, an Wochenenden, Feiertagen oder Pikettdienst. Auch der Lohn wird oft als zu tief kritisiert.

Der Vorstand arbeitet ehrenamtlich, Branchenkenntnisse sind keine Bedingung für die Tätigkeit. Ist das bei einer Unternehmung wie der Spitex mit über 60 Angestellten noch zeitgemäss?

Die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, sind aber durchaus qualifiziert. In Zukunft wird diese Arbeit entschädigt werden müssen, da die Verantwortung gross ist und es immer schwieriger wird, ehrenamtlich arbeitende Vorstandsmitglieder zu finden. Die Spitex ist ein Unternehmen geworden, das zwar gemeinnützig, daher nicht zuerst gewinnorientiert, arbeitet, aber auf einer gesetzlichen Grundlage Dienstleistungen für die Bevölkerung erbringt.

Sie selbst haben sich mehr als ein Vierteljahrhundert in der Spitex engagiert, fünf Jahre sogar als Präsidentin des kantonalen Spitexvereins. Was war Ihre Motivation?

Ich wollte dazu beitragen, dass die Spitex als professionelle Organisation wahrgenommen wird und auf Augenhöhe gegenüber Spitälern und Ärzten auftreten kann. Ich habe mich für einen fairen Lohn und gute Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden eingesetzt.

Was war Ihr Lohn?

Zufriedenheit, etwas bewegt zu haben. Und die Rückmeldungen zufriedener Klienten und Klientinnen.

Was waren die Höhepunkte?

Jeder Schritt in eine Optimierung des Angebots, beispielsweise die Zusammenarbeit mit Pro Senectute, die Einführung der Psychiatriepflege und des Mahlzeitendienstes.

Wie werden Sie die neugewonnene freie Zeit verbringen?

Ich unterstütze seit einigen Jahren meinen 99-jährigen Vater, der noch selbstständig in seinem Haus wohnt, und freue mich, dass ich mehr Zeit für den eFeF-Verlag habe und mich wieder vermehrt mit Literatur auseinandersetzen kann.

Zahlen und Fakten

Der Spitexverein Wettingen wurde 1995 gegründet, als Fusion der katholischen und reformierten Pflegevereine. 2013 wurden die Leistungen in der Gemeinde Neuenhof an die Spitex Wettingen übertragen. Die beiden Vereine schlossen sich 2016 zusammen zum Spitexverein Wettingen-Neuenhof. Die Kosten für die ärztlich verschriebenen Spitexleistungen werden von den Versicherungen, den Gemeinden und den Klientinnen und Klienten getragen. Die Spitex
Wettingen-Neuenhof hat 2019 in Wettingen und Neuenhof rund 29000 Stunden pflegerische Leistungen erbracht, was gegenüber dem Vorjahr eine Zunahme von über 800 Stunden ist. Die Spitex Wettingen-Neuenhof beschäftigt rund 60 Personen bei 38,3 Vollzeitstellen. Im Leistungsvertrag werden Pflichten und Rechte zwischen Verein und Gemeinde geregelt. 2019 erzielte der Spitexverein Wettingen-Neuenhof einen Umsatz von über 3,9 Millionen Franken. An diesen Kosten hat sich Wettingen mit 1,3 Mio. Franken und Neuenhof mit 355 980 Franken beteiligt.