«Das letzte Wort»

Melanie Bär, Redaktionsleiterin
Melanie Bär, Redaktionsleiterin

Haben Sie schon mal von «Longevity» gehört? Dem Begriff für Langlebigkeit. Tech-CEOs aus Silicon Valley investieren viel Geld in die Forschung, Alterung zu verlangsamen, zu stoppen oder sich gar verjüngen zu können. Wissenschaft und Technologie sollen das Potenzial haben, dies zu kreieren. Unternehmen erhoffen sich hohe Profite und investieren mit.

Doch ist ewiges Leben wirklich erstrebenswert? Macht nicht die Endlichkeit das Leben aus? Führt uns dazu, den Moment bewusst zu geniessen, nicht alles auf morgen zu verschieben? Ewige Gesundheit tönt verlockend. Doch ist nicht eine überstandene Krankheit, ein durchschrittener Tiefpunkt das, was einen das Leben schätzen lässt? Wenn gesundes ewiges Leben selbstverständlich ist, nehmen wir es dann noch wahr?

Darüber habe ich mit Gertrud Huser gesprochen (Artikel S. 4/5). Sie wird am Sonntag 100 Jahre alt und sagt: «Ich habe kein Problem mit dem Tod, es kommt, wie es kommt.» Sie lebt noch immer selbstständig in ihrer eigenen Wohnung. Zwar würde sie gerne noch ein bisschen leben, «doch nicht ewig». Dann hätte es keinen Platz für die jungen Leute, meint sie pragmatisch: «Die Welt wird ja schliesslich nicht grösser.»

Letzte Woche habe ich mit einer weiteren Person gesprochen, die sich der Endlichkeit bewusst ist. Sie bereitet gerade ihre Beerdigung vor. Gemäss Arztprognose ist es ein Wunder, dass die 58-Jährige noch lebt. Ich wünsche mir so sehr, dass das Wunder anhält und sie gesund wird. Sie hingegen ist schon zufrieden, wenn sie die Geburt ihrer ersten Enkelin im Sommer noch erlebt. Die Krankheit habe das Bewusstsein für die Endlichkeit geschärft, sagt sie. Auf die Frage, welche Botschaft sie an uns hat, antwortet sie: «Lebe deine Träume!» Vielleicht hilft das Wissen, dass wir nicht ewig leben, genau das zu tun und es nicht hinauszuschieben.

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