«das letzte wort»

Es gibt Menschen, die verzichten auf einen Gewinn im Lebenslotto. So geschehen am vergangenen Wochenende. Ich habe das Gespräch zweier Frauen im Zug mitverfolgt. «Woher stammt eigentlich dein Name?» Die Dame gegenüber ist sichtlich stolz. «Mein Mann ist Türke.» Gutgelaunt unterhalten sich die beiden über die Schönheiten des Landes. «Habt ihr schon mal ans Auswandern gedacht?» «Nicht konkret. Aber Izmir würde mir als Küstenstadt der Ägäis schon gefallen.» «Istanbul ist kein Thema?» «Nein, auf keinen Fall. Da hat es kaum noch Türken, viel zu viele Ausländer.» «Ach, das ist hier doch nicht anders. Bei uns in der Strasse hat es jedenfalls kaum noch Schweizer.» Die Frauen sehen sich an, nicken und seufzen.

Was haben diese Frauen erlebt, dass sie sich so abgrenzen? Macht es sie ängstlich, wenn sie ihre Bedürfnisse, beispielsweise in einem Mietshaus, nicht mitteilen können, weil nicht alle der deutschen Sprache mächtig sind? Wirken grosse Gruppen Männer anderer Hautfarbe bedrohlich? Ich ertappe mich dabei, ihre Meinungen zu bewerten, ohne nachgehakt zu haben. Dabei hätte ich einiges zu erzählen. Ich bin in Spreitenbach aufgewachsen mit einer Handvoll Schweizern in meiner Primarschulklasse. Meine Lieblingssüssigkeit hiess schnell cioccolata. Die Grossmutter einer Mitschülerin war Muslimin. Als ich sie über ihre Religion ausfragte, hat sie mich einfach beim Gebet dabei sein lassen. Der türkische Ladeninhaber trug meiner Mutter die Einkäufe nach Hause. Und sie brachte der jungen Frau aus Ex-Jugoslawien die ersten Sätze für den Alltag bei. An diesem Lebenslotto-Gewinn würde ich andere gerne teilhaben lassen – und damit bin ich sicher nicht alleine. Die nächste Chance werde ich nutzen.

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