«Das letzte Wort»

Trotz des grossen Wohlstands leben in der Schweiz rund 9 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Es ist also gut, dass es auch in einem reichen Land wie unserem Organisationen und Hilfswerke für die Ärmsten gibt. Dazu gehört der Verein «Tischlein deck dich». Seit zehn Jahren betreibt er dank Helen Suter auch in Wettingen eine Lebensmittelabgabestelle (siehe Artikel auf Seite 17). Schön, dass sie und weitere Helfer sich für die Rettung von Esswaren einsetzen und damit Armutsbetroffene unterstützen. Sie lassen sich vom Klischee der wohlhabenden Schweiz nicht blenden und sehen die Not – selbst im Überfluss.
Dass es gar nicht so leicht ist, abgedroschene Klischees und gängige Narrative zu hinterfragen, statt sich auf Tatsachen einzulassen, habe ich während meiner Ferien in Brasilien gemerkt. «Passt bloss auf, dass ihr nicht beklaut werdet», hörten mein Mann und ich immer wieder von Freunden und Familie. So lange, bis ich es selbst glaubte und meine Handtasche besonders fest umklammerte, als wir zum ersten Mal der Copacabana in Rio de Janeiro entlangspazierten.
Doch der Raub, den uns alle prophezeiten, blieb aus. Selbst bei einem Besuch in einer Favela passierte nichts. Statt auf Kriminelle und bewaffnete Bewohnende trafen wir auf herzliche und offene Menschen. Wir fühlten uns dank unserer Reiseleiterin, die selbst dort zuhause ist, sicher. Wir sind froh, dass wir uns nicht von den Klischees und Vorurteilen haben beirren lassen und uns mit eigenen Augen ein Bild von Rio gemacht haben. Die Stadt ist nicht gefährlicher als irgendeine europäische Metropole. Und seien wir mal ehrlich: In Rom oder Paris lassen wir unsere Wertsachen auch nicht leichtfertig aus den Augen.
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