Killwangen
05.02.2020

Der Nordfisch AG steht die Liquidation bevor

Die Türen der Nordfisch AG an der Würenloserstrasse 2 in Killwangen sind seit Anfang Jahr geschlossen. Melanie Borter

Die Türen der Nordfisch AG an der Würenloserstrasse 2 in Killwangen sind seit Anfang Jahr geschlossen. Melanie Borter

Die fünf Mitarbeitenden der Nordfisch AG haben seit September keinen Lohn, seit Oktober keinen Chef und seit Januar keinen Job mehr.

Von: Melanie Borter

Seit Anfang Jahr sind die Türen der Nordfisch AG geschlossen. Die Spezialitäten-Räucherei an der Würenloserstrasse 2 in Killwangen war seit langem für ihren Lachs bekannt. «Wir waren etwa Hauptlieferant von geräuchertem Lachs für die Confiserie Sprüngli», sagt Peter Zurbuchen stolz. Er war die vergangenen zweieinhalb Jahre Leiter Innendienst der Nordfisch AG und in dieser Funktion für administrative Arbeiten, den Versand und den Verkauf zuständig. Kurz vor seinem Einstand war der Gründer der Nordfisch AG, Hughes Armbruster, in Pension gegangen und hatte nach fast 30 Jahren als Geschäftsführer die Spezialitäten-Räucherei an Claude Kaiser übergeben. Er amtete auch als Präsident des Verwaltungsrats.

«Ich hatte eigentlich einen sehr guten Eindruck von Herrn Kaiser», sagt Zurbuchen. «Schliesslich hat er mich eingestellt, obwohl ich als schwer vermittelbar galt.» Zurbuchen ist heute 52 Jahre alt, seit einem Unfall ist sein linker Arm nicht mehr voll funktionsfähig. Der diplomierte Kaufmann war elf Jahre lang auf Sozialhilfe angewiesen, bevor er bei der Nordfisch AG zu arbeiten begann.

Und nun dies Seit Oktober 2019 steht die Firma ohne Führung und, wie sich später herausstellen wird, auch mit finanziellen Problemen da. Für Zurbuchen und seine vier Kollegen war das unerwartet: «Ich hatte keinen Verdacht, dass es so schlecht um die Firma steht. Immerhin haben wir einen jährlichen Umsatz von 600000 bis 700000 Franken erzielt.» Er vermutet, dass sein ehemaliger Chef mit der Nordfisch AG seine Hotels querfinanzierte. Der Verwaltungsratspräsident der Nordfisch AG, Claude Kaiser, besass gemäss Handelsregister des Kantons Zürich weitere Firmen, unter deren Namen er auch zwei Hotels in Davos betrieb. Diese gerieten im Januar in negative Schlagzeilen, weil während der WEF-Tage die Zimmer doppelt vermietet wurden: Einmal durch Kaiser, der sich die Mieten von den Gästen alle im Voraus hatte auszahlen lassen, und später durch die neuen Pächter. Kaiser habe den Ruf des Hotels ruiniert, lässt sich der Eigentümer des Hotels Bünda im «Blick» zitieren. Schon lange sei deshalb klar gewesen, dass er den fünfjährigen Pachtvertrag mit Kaiser nicht verlängere. Dieser lief Mitte November 2019 aus.

Zu diesem Zeitpunkt war Kaiser schon tot, er verstarb am 21. Oktober 2019. «Er wurde auf einem öffentlichen Parkplatz in seinem Auto aufgefunden. Ich war gerade in den Ferien, als ich von seinem unerwarteten Tod erfuhr», erinnert sich Zurbuchen. Die Nordfisch AG stand plötzlich ohne Führung und ein paar Wochen später gar ohne Verwaltungsrat da. Denn einer der drei Verwaltungsräte hatte sich bereits im August 2019 verabschiedet. Die Witwe von Kaiser, die eigentlich als letzte Verwaltungsrätin übrig geblieben wäre, trat laut Handelsregisteramt des Kantons Aargau am 7. November 2019 aus der Aktiengesellschaft aus. Claude Kaisers Name wurde vom Amt erst ein paar Tage später gestrichen. «Das Handelsregisteramt wusste wohl nicht, dass der Verwaltungsratspräsident tot war, als sich die Witwe austragen lies», sagt Zurbuchen.

Weil der Nordfisch AG ab November 2019 der Verwaltungsrat fehlte, stellte das Handelsregisteramt des Kantons Aargau einen sogenannten «Organisationsmangel» fest. Erst als dieser Mangel kommuniziert und nach einer bestimmten Frist nicht behoben wurde, überwies das Handelsregisteramt das Geschäft ans Bezirksgericht Baden. Dieses werde nun eine «Liquidation von Amtes wegen» vornehmen. Das Gericht gibt auf Anfrage der «Limmatwelle» keine Auskunft darüber, wann das Konkursverfahren eröffnet wird: Amtsgeheimnis.

Diesem bürokratischen Vorgang stehen die akuten Probleme der fünf ehemaligen Angestellten gegenüber: Sie erhielten im September 2019 zum letzten Mal ihren Lohn. Besonders für jene drei Angestellten, die nur vom Lohn bei der Nordfisch AG lebten, ist die Situation belastend: «Wenn das Konkursverfahren eröffnet wird, geht es nochmals ein paar Monate, bis ich Geld erhalte», sagt Zurbuchen, der auf keinen Fall wieder zum Sozialamt gehen möchte.

Nicht allein die Geldsorgen belasteten ihn: Da die Angestellten erst auf Ende Dezember künden konnten, mussten sie so lange noch arbeiten. Zurbuchen war in dieser Zeit die einzige Anlaufstelle all jener, die von der Nordfisch AG Geld forderten. «Ich erhielt Anrufe von sehr wütenden Gläubigern», erzählt Zurbuchen und gibt zu: «Ich war mit der Situation völlig überfordert.» Trotz allem liegt dem 52-Jährigen die Nordfisch AG am Herzen. Noch heute sieht er an der Würenloserstrasse 2 nach dem Rechten: Briefkasten leeren, Schmierereien von erbosten Gläubigern entfernen. Lachs habe es nur noch wenig da, sagt er. Zum Glück, denn die komplette Kühleranlage sei mittlerweile kaputt. «Die hätte man bereits vor fünf Monaten reparieren sollen. Heute weiss ich, warum Claude Kaiser das damals nicht gemacht hat».