Killwangen
19.08.2020

Sein Ziel: Einmal als Profi fahren

Der Killwangener Mountainbiker Fadri Bernet (Mitte) an den diesjährigen U17-Schweizer Meisterschaften. zVg

Der Killwangener Mountainbiker Fadri Bernet (Mitte) an den diesjährigen U17-Schweizer Meisterschaften. zVg

Seit Kindheitstagen fährt der 16-jährige Killwangener Fadri Bernet Mountainbike. Er trainiert sechsmal pro Woche. Für die Realisierung seines Traums brauche es aber noch einiges, sagt er.

Von: Rahel Bühler

Mittwochnachmittag in Killwangen: Fadri Bernet, graue Shorts, hellblaues T-Shirt, öffnet die Tür. Die Unterarme und Beine braun gebrannt. Die Oberarme sind deutlich heller. Das komme von der Trainingskleidung, wird er später bestätigen.

Bernet ist 16 Jahre alt und wohnt mit seinen Eltern und dem älteren Bruder in Killwangen. Seit er sieben Jahre alt ist, fährt er Mountainbike. Zuerst nur zum Spass: «Mich hat schon damals fasziniert, was man auf einem Velo im Gelände alles machen kann.» Kurven fahren, Wurzeln passieren, Steilhänge meistern. Das sei heute noch so. Ursprünglich wollte Bernet Profifussballer werden. Spielte bis im Alter von zwölf Jahren beim SV Würenlos und beim Team Limmattal. Mit zwölf Jahren habe er angefangen, professioneller Mountainbike zu fahren. «Seither habe ich einen Trainingsplan, den mir mein Trainer jeden Monat zusammenstellt.» Das Training habe primär aus spielerischem Lernen bestanden: «Man lernt spielend, wie man das Bike unter Kontrolle hält.» Die Oberstufe hat er an der Sportschule in Buchs absolviert. Dort musste er nur die promotionsrelevanten Fächer besuchen. Von anderen Fächern, wie etwa Hauswirtschaft, war er dispensiert und konnte die Zeit für Trainings nutzen. Schon damals war er Mitglied des Regionalkaders Aargau. Später gehörte er der U15-Nationalmannschaft an. «Dort haben wir dann schon mehr Ausdauer trainiert.»

Bernet trainiert sechsmal pro Woche. Am Montag ist Ruhetag

Mittlerweile ist Bernet Mitglied der U17-Nati. Dort trainieren alle Athleten der Disziplinen Mountainbike, Strasse, Radquer und Bahn zusammen. Mit ihr unterwegs ist er an drei bis vier Zusammenzügen pro Jahr. Im September findet etwa der Talenttreff von Swiss Olympic in Tenero, im Tessin, statt. «Zweimal pro Woche, im Sommer diens tags und donnerstags, trainiere ich im Trainingsstützpunkt Aargau. Viermal pro Woche allein.» Montag ist sein Ruhetag. Der Trainingsplan ist auf vier Wochen ausgelegt: «In den Wochen eins bis drei steigert sich die Intensität des Trainings kontinuierlich. Woche vier ist dann lockeres Training angesagt.» Zum Zeitpunkt des Interviews ist der Nachwuchssportler in Woche zwei. Oft fahre er von zuhause los. «Ich kenne fast jeden Weg hier.» Wenn Bernet «locker» sagt, meint er zum Beispiel eine zweistündige Tour Richtung Üetliberg. Das ist eine Strecke von etwa 40 Kilometern. In intensiven Trainings fahre er viermal während vier Minuten «Vollgas einen Hang» hinauf. «Dabei geht man voll ans Limit. Wie bei einem Rennen», so der 16-Jährige. Diese Intervalltrainings seien intensiver, dafür kürzer. Er trainiert jede Woche 13 bis 14 Stunden. Ein Müssen sei das für ihn nicht: «Ich habe grossen Spass daran. Viele Trainings sehe ich gar nicht als solche an.» Das sei das Wichtigste. Der Plan gebe ihm zwar vor, welche Trainingseinheiten er absolvieren soll, er teile sie sich aber selbst ein: «Wenn ich an einem Morgen nicht fit genug bin, mache ich sie nicht.» An heissen Tagen, so wie vergangene Woche, schraube er die Intensität runter. Oder er trainiere dann, wenn die Temperaturen erträglich sind: frühmorgens.

Bernet hat vor einem Jahr eine Lehre zum Detailhandelsfachmann im Ochsner Sport in Spreitenbach begonnen. Eine gewöhnliche Lehre ist es nicht: «Ich bin zu 80 Prozent angestellt und werde von meinem Lehrbetrieb in der Planung unterstützt. So kann ich unter der Woche oft früher los und ins Training gehen oder erhalte am Wochenende frei, damit ich Rennen fahren kann.» Am Beruf möge er den Kundenkontakt und das Team. Daneben besucht er die Berufsschule. Wenn keine Wettkämpfe sind, arbeitet er, wie im Detailhandel üblich, an Samstagen. Dafür hat er am Mittwoch frei. Das störe ihn nicht: «Mittwochs kann ich mehr für die Schule machen oder trainieren.»

Im Normalfall fährt er 15 Rennen pro Jahr, 2020 sind es bisher zwei

Die Mountainbikesaison dauert normalerweise von Frühling bis Herbst. «Im Winter trainiert man auf die neue Saison hin.» Pro Saison fahre er um die 15 Rennen. Heuer war alles anders: Wegen des Coronavirus fiel der Saisonstart ins Wasser. «Zu Beginn des Lockdowns war das hart. Ich hatte zwar frei und konnte viel trainieren. Doch planen konnte ich nicht. Ich wusste ja nicht, wann es weitergehen würde.» Mitte Juni nahm er am ersten Rennen der Saison, dem Swiss Bike Cup in Leukerbad VS, teil. «Die Strecke lag mir nicht. Sie ging zuerst lange hinauf, dann lange hinunter. Ich mag Kurven und schwierige Wurzelpassagen eher als lange Anstiege.» Der sechste Rang von 130 Teilnehmern sei aber okay gewesen. Eine Woche später nahm er an den Schweizer Meisterschaften in Gränichen teil. Er sei zwar zufrieden mit seiner Leistung, aber nicht mit dem Rang. Er wurde Fünfter und Zweitbester seiner Alterskategorie. Teilgenommen haben 85 Athleten. Fazit: «Die Konkurrenz war stark.»

Schwer verletzt habe er sich beim Biken noch nie. Er sagt: «Stürze gehören dazu.» Verletzungsfrei blieb er in der Vergangenheit aber nicht: «Einmal habe ich mir in der Freizeit in einem Bikepark das Handgelenk gebrochen. Ein anderes Mal auf dem Arbeitsweg den linken kleinen Finger.»

Bernet trainiert sechsmal pro Woche, fährt Rennen, arbeitet 80 Prozent, geht zur Schule. «Ich verzichte schon auf vieles. Meine Kollegen sehe ich zum Beispiel nicht so oft, ausser wir trainieren zusammen. Aber für mich gibt es nichts anderes, als den Sport auszuleben.» Wenn etwas Freizeit bleibt, mache er gerne Langlauf oder gehe joggen. Sein grosses Ziel: als Profi seinen Lebensunterhalt verdienen. Wie Olympiasieger und Weltmeister Nino Schurter. Dafür brauche es aber noch einiges: «Einen starken Willen, seriöse und effiziente Trainings und natürlich Unterstützung durch das Umfeld.» Und die habe er. Ohne die Familie, das Verständnis von Lehrbetrieb und Berufsschule sowie die Betreuung durch ein professionelles Mountainbike-Team würde es nicht gehen. «Ach ja, und etwas Talent braucht es auch.»