Was genau macht ein Diakon, eine Katechetin, ein Seelsorger?

Um Vorurteile abzubauen und Interessierten die Arbeit in einer Pfarrei zu zeigen, lanciert die römisch-katholische Kirche im Aargau das Projekt «Pfarrei-Praktikum». Ein Augenschein vor Ort in Würenlos.

Austausch in der Küche: Mario Stöckli,                 Theresia Hlavka und Marcel Chopard.Melanie Bär

Austausch in der Küche: Mario Stöckli, Theresia Hlavka und Marcel Chopard.Melanie Bär

Ich will mir als Journalistin ein Bild über das Praktikumsprojekt machen und bekam von den Projektverantwortlichen den Kontakt von Theresia Hlavka. An einem Mittwochmorgen kurz nach acht Uhr stehe ich vor dem Pfarrhaus und werde mit einem «herzlich willkommen» von Hlavka begrüsst. Sie ist nicht etwa Pfarrerin, sondern Katechetin. Der letzte Pfarrer ist vor 28 Jahren und der letzte Gemeindeleiter vor 9 Jahren ausgezogen. Seither ist die Wohnung in der zweiten Etage an eine Privatperson vermietet. Die Räume im ersten Stock dienen seit jeher als Büros. «Kommen Sie, ich zeigen Ihnen, wo wir arbeiten», sagt die gebürtige Österreicherin, steigt fünf Stufen hinauf und betritt das Sekretariat. Dort bereitet Beatrice Hausherr gerade das Vorprotokoll der Kirchenpflegesitzung vor, während ihre Arbeitskollegin Veronika Koch die Beiträge für die Mitgliederzeitung «Pfarrblatt Horizonte» erfasst. «Ich weiss am Morgen nie, was mich erwartet», sagt Hausherr, die seit 10 Jahren als Sekretärin für die katholische Kirche arbeitet und hier ihren «Traumjob» gefunden hat. Sagt es und strahlt übers ganze Gesicht. Aktiv in der katholischen Kirche war Hausherr schon, bevor sie ihre Stelle als Sekretärin antrat. So engagierte sie sich jahrelang ehrenamtlich im Frauenbund für die Rechte von Frauen in der katholischen Kirche und sie ist Mitglied der Synode. «Man muss sich schon mit der Kirche und ihren Werten identifizieren können, sonst ist man hier am falschen Ort.»

Biblische Geschichte für 3.-Klässler

Die Räume stehen unter Denkmalschutz, im Gang steht eine Vitrine mit einer Marienfigur. Hlavka öffnet die Tür zum Sitzungszimmer. Die Sonne scheint auf den rechteckigen Holztisch, auf dem eine Kerze und Blumen stehen, der Parkettboden wird vom Licht erhellt. Monica Angelini betritt das Sitzungszimmer. Sie kommt gerade vom Unterrichten zurück, wo sie den 3.-Klässlern die biblische Geschichte vom Vater erzählte, dessen jüngster Sohn das ganze Erbe verprasste und mit leeren Händen zurückkam. «Stellt euch vor, ihr wärt sein älterer Bruder, hättet ihr am Fest teilgenommen, das sein Vater für den verschwenderischen Sohn organisierte?», fragte sie die Kinder. «Nein, ich wäre hässig», «ich hätte schnell reingeschaut und wäre wieder gegangen», hätten die Kinder unter anderem geantwortet. «Das führte zu einer Diskussion über Neid, Fairness, Gerechtigkeit und die alles verzeihende Gottesliebe», sagt Angelini. Einst war sie Primarlehrerin, vor 29 Jahren hat sie zum Religionsunterricht gewechselt. Zurück möchte sie nicht mehr. «Die Administration an der Volksschule ist zu gross geworden. Hier kann ich den Unterricht viel freier gestalten.» Etwa nach dem gemeinsamen Mittagessen, das sie vor dem Unterricht am Dienstag mit einer Klasse einnimmt. Aus der Not, weil der Religionsunterricht an der Volksschule nicht mehr in den regulären Stundenplan integriert wird, werden solche Rand- und Zwischenzeiten genutzt.

Gemeindeleiter und Diakon Markus Heil betritt den Raum. Sein Büro ist nicht in Würenlos, sondern in Wettingen. Weil die beiden Kirchgemeinden als eine Seelsorgeeinheit gelten, arbeiten sie zusammen, Heil trägt gegenüber dem Bischof die Verantwortung dafür. Der 57-Jährige ist ein kritischer Geist. «Es geht etwas zu Ende in unserer Kirche, wir müssen etwas Neues gebären», sagt er. Was das Neue ist, weiss er nicht. «Wichtig ist, neugierig zu schauen, was die Leute heute wirklich brauchen, und nicht so zu tun, als hätten wir die Lösung bereits.» Trotz Kritik würde er den Beruf wieder wählen, weil ihn die Menschen interessieren. Er schaut aufs Handy, der nächste Termin in Wettingen steht an, wo er als Seelsorger ein Gespräch mit einer Person führt, die sich in einer schwierigen Situation befindet. Bräuchte es dafür nicht eine Fachperson mit psychologischem Hintergrund? «Stehen die Probleme in Zusammenhang mit religiösen Themen, dann nicht. Dann sind wir sogar besser. Etwa wenn jemand erzkatholisch erzogen wurde. Und für viele Fragen schicke ich sie auch zu Therapeuten, wenn sie da nicht schon waren.»

Seelsorger müssen weiterziehen

«Wollen Sie einen Tee?», fragt Hlavka und führt mich in die Küche. Dort sitzt bereits Ruth Marchesi. Sie arbeitete einst im Sekretariat, ist mittlerweile pensioniert, vertritt den Sakristan stundenweise und hilft bei der Reinigung mit. Mario Stöckli gesellt sich zu ihr. Der 35-Jährige hat an der Universität Luzern Theologie studiert und wurde vor sieben Jahren zu seiner ersten Stelle nach Würenlos beordert. «Freiwillig, aber auf Vorschlag des Bistums Basel», sagt er. Er zog nach Wettingen, ist mittlerweile verheiratet und im Oktober Vater geworden. Als Seelsorger sei es üblich, in die Nähe des Arbeitsortes zu ziehen. Ebenso, spätestens nach zehn Jahren den Arbeitsplatz und somit auch den Wohnort wieder zu verlassen. Hat er keine Mühe damit? «Nein, jedenfalls nicht, wenn der neue Ort auch für meine Familie stimmt.»

Marcel Chopard betritt die Küche. Er ist das Pendant von Stöckli in Wettingen und hält ab und zu auch in Würenlos Gottesdienst. 15 Personen hörten seiner Predigt heute zu. «Ist es kein Frust, vor so wenigen Leuten zu sprechen?», will ich wissen. «Für einen Mittwochmorgen sind das nicht so wenig», antwortet Stöckli. Früher sei die Kirche zwar voll gewesen. Viele seien aber wohl eher wegen des sozialen und geschäftlichen Austauschs gekommen, der früher nach dem Gottesdienst stattfand. «Heute sind es weniger Kirchengänger, dafür kommen sie aus Überzeugung.» Ebenso wenig stört es ihn, dass sie als Verheiratete keine Priesterweihe empfangen und deshalb beispielsweise nur Wortgottesdienste und keine Eucharistiefeier abhalten dürfen. «Solange wir keine Frauen als Priester zulassen, würde ich mich sowieso nicht weihen lassen. Zudem schätze ich die Unabhängigkeit, die ich behalte, wenn ich dem Bischof kein Weihversprechen abgebe.» Wortgottesdienste dürfen sie trotzdem halten. Heute predigte Chopard über Liebe und las aus dem Römerbrief. Die biblischen Texte jeden Tages sind im «Direktorium» vorgegeben, aus welchem jeder Seelsorger sein Gottesdienstthema und Anleitungen für die Gestaltung der liturgischen Feiern entnimmt. «Wenn wir Liebe leben, verändert sich viel», sagt der 34-Jährige. «Das heisst aber nicht, dass wir Kirchenleute das immer besser können als andere», fügt Hlavka schmunzelnd an und Chopard erwidert lachend: «Wir könnten das nächste Mal zusammen eine Dialogpredigt halten.»

Hlavka winkt ab. Sie will nicht vorne stehen, jedenfalls nicht vor der Kanzel. Wenn schon, dann vor ihren Schülerinnen und Schülern. Zum Theologiestudium ist sie über Umwege gekommen, hat vorher im Gastgewerbe und als Musikschullehrerin gearbeitet. «Mir gefallen die Vielfalt, der Kontakt mit Menschen und die Möglichkeit, immer wieder Neues auszuprobieren», begründet sie den Berufswechsel. Vor drei Jahren hat sie die Leitung des Katecheseteams übernommen.

Philosophieren mit Kindern

Mario Stöckli steht auf und empfängt im Sitzungszimmer das Pfarreiteam mit Haupt- und Aushilfssakristanen. Zusammen mit den Sekretärinnen gehen sie anstehende Termine durch und verteilen Aufgaben. Indessen verlässt Hlavka ihr Büro, um die Katechetin Veronika Huber zum Unterricht zu verabschieden und um im Gang einen Schwatz mit Barbara De Angelis zu halten. Die Katechetin hat Sprachwissenschaft und Germanistik studiert und auch als Kindererzieherin, Übersetzerin und Lehrerin gearbeitet. «Ich geniesse das Philosophieren mit den Kindern und Jugendlichen. Sie stellen Fragen, die mich zum Nachdenken bringen.» «Welche denn?», will ich wissen. «Welche Farbe hat Gott? Ist er ein Mann oder eine Frau?» Hlavka und De Angelis schätzen an ihrem Beruf, dass sie der nächsten Generation im Religionsunterricht Werte vermitteln können, die in der Volksschule keinen Platz mehr haben. «Viele wissen nicht mal mehr, warum wir Weihnachten feiern. Das gehört doch zur Bildung», bedauert De Angelis.

Priester amtet auch in Wettingen

Es ist Mittag geworden. Beatrice Hausherr ist auf dem Sprung. Sie hat eine Sitzung in der Synode, die anderen machen Mittagspause. Nicht angetroffen habe ich den Priester Joseph Kalamba. Aufgrund des Priestermangels amtet er sowohl in Würenlos als auch in Wettingen. An diesem Mittwochmorgen leitete er einen Gottesdienst in der Gemeinde Wettingen.

In Würenlos hat bisher noch niemand vom Praktikum Gebrauch gemacht. Demnächst kommt aber eine Frau vorbei, die sich den Beruf als Religionslehrerin genauer anschauen will, und sie wird dann auch von Theresia Hlavka in Empfang genommen.

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