«Die Kälte ist nicht unser Feind»

Die Würenloserin Christina Kolb-Kambanis im Obersee im Glarnerland. zVg

Die Würenloserin Christina Kolb-Kambanis im Obersee im Glarnerland. zVg

Christina Kolb-Kambanis taucht im eisigen     Oeschinensee im Berner Oberland unter. zVg

Christina Kolb-Kambanis taucht im eisigen Oeschinensee im Berner Oberland unter. zVg

Christina Kolb-Kambanis aus Würenlos ist Kälte-coach und geht seit sechs Jahren eisbaden. Was man dabei beachten muss und warum die Schocktherapie auch Menschen mit chronischen Schmerzen und Depressionen helfen kann.

«4 Grad, das passt», sagt Christina Kolb-Kambanis, bevor sie ins Kältebecken steigt. Ohne die Miene zu verziehen, wagt sie sich in das 200-Liter-Bassin auf ihrem Sitzplatz in Würenlos. Die 54-Jährige ist Kältecoach und steigt seit sechs Jahren ins kalte Nass. Als der Alarm nach zwei Minuten klingelt, sagt sie: «Schon fertig? Ich hätte es doppelt so lange ausgehalten.»

Das war nicht immer so. «Ich war ein Warmduscher», gibt Kolb-Kambanis zu und fügt lachend an: «Eigentlich dusche ich immer noch warm.» Doch das Baden bei eisigen Temperaturen, das hat es ihr angetan. Zur speziellen Aktivität fand sie über ihren Sohn Emanuel. «Ich habe ihn bewundert, wie er mit seinen Freunden auch im Winter in der Limmat schwimmen ging. Er ermutigte mich dazu, mitzukommen.» 2021 gingen die beiden fast jeden Tag gemeinsam baden: Im Sommer und dann im Herbst und schliesslich im Winter – «egal, ob es regnete oder schneite».

Doch irgendwann einmal reichte ihr das nicht mehr. Sie gründete eine kleine Limmatbadegruppe, mit der sie sich wöchentlich zum Eisbaden traf. Es folgten Ausflüge an den zugefrorenen Katzensee und Egelsee. Kolb-Kambanis lernte über die Facebook-Gruppe Eisbaden Schweiz weitere Gleichgesinnte kennen. Mit ihnen wagt sie sich auch etwas weiter weg von zuhause in die Gewässer. Etwa in den Oeschinensee im Berner Oberland oder in den Obersee im Glarnerland.

Eisbaden soll nicht zum Massen-Event werden

«Wir sind meistens zu viert oder zu fünft unterwegs», erzählt die Würenloserin mit griechischen Wurzeln. Es sei ihr wichtig, dass das Eisbaden nicht zu einem Massen-Event verkomme. «Ich bin kein Fan von grossen Gruppen. Beim Eisbaden ist man bei sich, man schaltet alles um sich herum aus. Der Körper begibt sich in eine Extremsituation.» Was Kolb-Kambanis besonders dabei gefällt, ist, dass sie draussen in der Natur ist. «Der ganze Prozess, das Hinlaufen, das Bohren des Eislochs, das gehört alles dazu», findet sie.

«Beim Eisbaden erweitert man seine Komfortzone», sagt Kolb-Kambanis. Doch es sei nicht für jede und jeden gemacht. «Der Körper geht im kalten Wasser in den Überlebensmodus über. Er versucht, die inneren Organe zu schützen. Das Blut fliesst aus den nicht überlebenswichtigen Armen und Beinen ab.» Das könne zu Schwindel und Herz-Kreislauf-Problemen führen. Deshalb coache sie auch nur Personen, von denen sie wisse, dass sie fit sind und nicht zur Risikogruppe gehören wie etwa Schwangere, Personen mit Epilepsie, akuten Infekten, Bluthochdruck, Atemwegserkrankungen oder Herz- und Kreislaufproblemen. Ihr letzter Schüler war ein 84-jähriger Rentner, der sich mit ihr und seiner Tochter in den Silsersee im Engadin wagte. «Mein Mann und ich waren Anfang Februar dort in den Ferien und sind ihm bei einer Wanderung begegnet. Als ich vom Eisbaden erzählte, zeigte er sich hell begeistert.»

Die selbstständige Reisebüro-Fachfrau, Masseurin und Pilates-Instruktorin ist Mitglied des Vereins Kältenetzwerk seit dessen Gründung 2024. «Das Netzwerk gibt Tipps und Regeln fürs sichere Winterschwimmen, Eisloch bohren und vieles mehr», erklärt Kolb-Kambanis. Seit 2025 ist sie überdies Atemcoach. Sie findet es schön, wenn sie auch anderen ihre Leidenschaft näherbringen kann. «Sehr wichtig ist mir dabei das Thema Sicherheit.» Man könne sich auf das Eisbad mit der richtigen Atemtechnik gut vorbereiten. «Das bringe ich Interessierten bei.» Für ein rund einstündiges Coaching im Kältebecken bei ihr in Würenlos verlangt sie 120 Franken. «Wenn ich unterwegs jemanden sehe, der Rat braucht, dann tue ich das natürlich gratis.»

Für sie ist das Eisbaden nicht nur Leidenschaft, sondern eine Therapie für den Körper. «Die Kälte ist nicht unser Feind. Aber wir haben vergessen, wie man damit umgeht», sagt Kolb-Kambanis. Früher seien Räume nicht so beheizt gewesen. «Man hielt sich viel öfter draussen auf. Heute sitzen alle drinnen in der Wärme.»

Abgesehen von der Atmung spiele auch der Fokus beim Eisbaden eine Rolle. «Man muss wissen, wieso man das macht. Ob Überwindung, Erlebnis, Me time oder Resilienz. Hat man einen Fokus, hält man durch», ist Kolb-Kambanis’ Credo. Zu bedenken gibt sie, dass es nach einem mehrminütigen Eisbad teilweise mehrere Stunden dauern kann, bis sich der Körperzustand wieder normalisiert hat. «Man kann es mit einer Wanderung auf einen Berg vergleichen. Hat man den Gipfel erreicht, muss man wieder zurück ins Tal finden», sagt Kolb-Kambanis.

Seit sechs Jahren ist sie nicht mehr erkältet

Das Eisbaden wirke sich positiv auf ihre Gesundheit aus. Seit sechs Jahren war die Würenloserin nicht mehr erkältet. «Mein Immunsystem ist gestärkt, mein Stoffwechsel aktiviert.» Die Kälte hat ihr zudem bei einer beginnenden Arthrose geholfen. «Die Schmerzen sind verschwunden», sagt Kolb-Kambanis, die auch schon auf Arktis-Expeditionen, auf Ostgrönland oder Island ihrer Leidenschaft nachging.

Und ihre Reise in der Welt des Eisbadens ist noch nicht zu Ende. Kolb-Kambanis hat im Januar eine Weiterbildung in Kältetherapie mit Eisbaden und Körperarbeit erfolgreich absolviert. Mit ihrem Wissen will sie gezielt Menschen helfen, die chronische Schmerzen haben oder an Depressionen oder einem Burnout leiden. «Es bietet eine Option zu medizinischen Massnahmen», findet Kolb-Kambanis. Dank des kalten Wassers sei man völlig bei sich. «Man kann sich nur auf das Eisbaden konzentrieren. Andere Gedanken, Schmerzen und Sorgen haben keinen Platz.» Sie ist sicher: «Das kann eine Erleichterung für viele sein.»

 

Weitere Artikel zu «Würenlos», die sie interessieren könnten

Ausgezeichnet: Das Wirtepaar Hugo Gomes und   Lisa Grossmann wurde für seine Fischküche ausgezeichnet. Melanie Bär
Würenlos04.02.2026

«Wir wissen nicht, wann wir getestet wurden»

Vor zwei Jahren haben Lisa Grossmann und Hugo Gomes das «Rössli» übernommen. Nun wurden die beiden Jungunternehmer für ihre Fischküche ausgezeichnet.

«Wir sind…

Grümpelturnier in Wettingen 1977. zVg
Würenlos28.01.2026

50 Jahre sportlich und gesellig

Seit 50 Jahren gibt es den Verein Sportsman Würenlos-Wettingen. Wanderungen, Grümpelturniere oder Kegelabende sind nur einige der Aktivitäten.

Vereinspräsident…

Das Riegelhaus liegt innerhalb der Klosteranlage. Raphaël Dupain/Archiv
Würenlos28.01.2026

Riegelhaus bleibt unter Denkmalschutz

Das Kloster Fahr wollte sich gegen die Unterschutzstellung des Riegelhauses im Eingangsbereich wehren. Das Bundesgericht hat die Beschwerde abgewiesen.

Anfang…