«Das Schweigen war Teil eines Systems»

Der grosse Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche erschüttert auch die Mitarbeitenden in Würenlos. Die Limmatwelle hat bei ihnen nachgefragt.

«Die Missbrauchsfälle konnten so lange vertuscht werden, weil systematisch nicht über Missbrauch gesprochen wurde. Also ist eine von mehreren Lösungen, darüber zu sprechen», sagt Gemeindeleiter Markus Heil. Er greife das Thema deshalb in jeder zweiten Predigt auf, lade die Leute zu Gesprächsabenden ein und ermutige dazu, Beobachtungen oder Vorfälle zu melden. Nicht nur von Mitarbeitenden, sondern auch von den Kirchgängern. «Das Schweigen war und ist Teil eines Systems, das von einem männerbündischen Club geführt wird», sagt Heil und fügt an: «Mit offener, ehrlicher Rede kann man sich aus mancher Schräglage ein Stück befreien.» Bereits im 2012 hat er eine Pfarreiinitiative gestartet, die von 500 Seelsorgern unterschrieben wurde. «Darin zählten wir all das Gute auf, das wir in der Praxis bereits tun, wofür wir aber keine Erlaubnis hatten», sagt Heil und nennt als Beispiel die Segnung von Geschiedenen oder die Respektierung von Homosexuellen. Bewirkt habe es zu wenig.

«Mir hats den Boden weggezogen»

Nach dem Publikwerden der Missbrauchsfälle diskutierte das Team darüber. «Deswegen den Job zu wechseln, habe ich nie in Erwägung gezogen», sagt Sekretärin Beatrice Hausherr. «Jetzt erst recht nicht, ich will ihnen doch nicht das Feld überlassen», sagt Seelsorger Marcel Chopard. «Mir hat es den Boden weggezogen und meinen Glauben erschüttert», beschreibt Mario Stöckli den Moment, als er von den Missbrauchsfällen erfuhr. «Es ist jetzt ganz wichtig, dass das System nicht geschützt wird, denn das systematische Vertuschen ist tief in der DNA der katholischen Kirche drin», so Chopard. Sie als junge Berufsleute wurden während des Studiums zur Thematik Nähe und Distanz geschult.

«In der Praxis ist es ein schmaler Grat», so Hlavka. Manche Schüler würde in ihrer kindlichen Freude auf die Katechetin zurennen und sie umarmen wollen. «Das aufzufangen, ohne abweisend oder verletzend zu wirken, ist nicht immer einfach, aber wichtig», so Hlavka. Bei Gesprächen mit Trauernden würden Räume mit Fenster gewählt, in manchen Kirchen gebe es dafür sogar Glasbüros. «Wichtig ist, mir meiner Rolle bewusst zu sein. Ich bin nicht ein Eltern- oder Freundeersatz, sondern Seelsorger», so Stöckli. Wer sich bewirbt, muss einen Sonderregisterauszug vorlegen. Trotz all diesen Bemühungen bleibt Heil realistisch: «Wir werden Missbrauch nie ganz verhindern können, aber wir müssen Augen und Ohren öffnen, damit wir von der heutigen Kirche mit ihren mittelalterlichen Strukturen zu einer wachen Organisation werden.»

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