10.06.2020

Ein Jahr Frauenstreik: Mutter und Tochter schauen zurück

Mutter und Tochter im Gespräch: Silvia (links) und Gianna unterhalten sich über den Frauenstreik von 2019. Rahel Bühler

Mutter und Tochter im Gespräch: Silvia (links) und Gianna unterhalten sich über den Frauenstreik von 2019. Rahel Bühler

Am 14. Juni 2019 fand in der Schweiz der Frauenstreik statt. Gianna und Silvia Ferrari haben mitgemacht. Ein Jahr später sind sie sich einig: Verändern müsse sich noch viel.

Von: Rahel Bühler

In Violett gekleidet, mit Plakaten und Spruchbändern bewaffnet, auf Pfannen trommelnd haben am 14. Juni 2019 schätzungsweise 500000 Menschen, vorwiegend Frauen, am Frauenstreik teilgenommen (siehe Box rechts). Unter ihnen auch die Würenloserin Silvia (56) und ihre Tochter Gianna (25) Ferrari. Die Limmatwelle hat bereits damals über das Mutter-Tochter-Paar geschrieben. Im Gespräch ein Jahr später schauen die Berufsschullehrerin und die Masterstudentin auf den Anlass zurück.

Wie haben Sie den 14. Juni 2019 verbracht?

Gianna Ferrari: Am Mittag war ich mit meiner Grossmutter in Baden beim Streikzmittag. Am Nachmittag nahmen wir mit Mama, ihren und meinen Freundinnen an der Demonstration in Aarau teil.
Silvia Ferrari: Ich hatte Unterricht bis 15.30 Uhr und ging dann nach Aarau. 
Gianna: Mein Höhepunkt war, als Mama und ihre Freundinnen begannen «Ufe mit de Frauelöhn, abe mit de Boni» zu singen. Bei «ufe» haben sie sich in die Höhe gestreckt, bei «abe» gebückt.
Silvia: Alle waren in Aufbruchsstimmung. Wir spürten eine grosse Solidarität. Auch Männer fühlten sich angesprochen.

Es waren auch viele ältere Frauen unter den Demonstrierenden in Aarau.

Gianna: Ich kenne Aktivismus vor allem unter Menschen in meinem Alter. Ich bin es gewohnt, dass sie für ihre Überzeugungen einstehen. Von den älteren Generationen kenne ich das weniger. Aber sie waren auch da. Und das fand ich cool.
Silvia: Punkto Gleichberechtigung hat sich schon etwas verändert. Wir sind uns des Themas heute bewusster. Aber es muss sich noch viel mehr ändern.
Gianna: Es ist besser, aber nicht gut.
Silvia: Genau. Die Löhne von Frauen sind zum Beispiel immer noch tiefer als jene von Männern.


Was ist Ihnen vom Frauenstreik besonders in Erinnerung geblieben?

Silvia: Die Frauenanliegen sind noch nirgends. Im Vorfeld wurde ja gesagt, es brauche den Streik nicht. Das ist falsch. Wir könnten jedes Jahr einen Frauenstreik machen. Um an den Punkt zu gelangen, wo andere Länder, wie Schweden oder Dänemark, bereits sind. Dort ist es keine Frage: Die ganze Familie ist für die Kinder verantwortlich. Frauen arbeiten. Es gibt einen Vaterschaftsurlaub. Und wenn man eine Kinderbetreuung braucht, erhält man sie.
Gianna: Kinderbetreuung ist nicht Privatsache. Corona hat aufgezeigt, was passiert, wenn Tagesstätten ausfallen. Wie viel Arbeit Kinderbetreuung ist. 
Silvia: Jeder Mensch muss privat Verantwortung tragen. In der Gesellschaft aber auch. Alle sind verantwortlich, dass es den Kindern und der Gesellschaft gut geht. Ich finde, es müsste in der Schweiz so sein wie in Schweden. 

Wenn Sie in Ihrer Familie oder mit Freunden darüber sprechen, wie ist die Reaktion?

Gianna: Viele Leute, die sich zuvor nicht verantwortlich gefühlt oder sich nicht dafür interessiert haben, haben sich dann auch dafür engagiert und waren ein Teil der Bewegung. Die Aufmerksamkeit für den Streik war gross.
Silvia: Es gab aber auch viele kritische Stimmen, die fanden, es gehe ihnen ja gut. Wenn du zufrieden bist, gehst du nicht auf die Strasse. 
Gianna: Es kann jetzt niemand mehr sagen, die Frauen in der Schweiz seien zufrieden. Sonst wäre nicht eine halbe Million auf die Strasse gegangen. Das war das Allercoolste am Frauenstreik.

Hat der Frauenstreik überhaupt etwas gebracht?

Gianna: Es ging ein Ruck durch die Gesellschaft.
Silvia: Ja. Das Resultat der Parlamentswahlen im November hat das gezeigt. Die Leute sind sich heute bewusster, was alles anders laufen könnte. 

Was könnte anders laufen?

Silvia: Die Löhne für die gleiche Arbeit könnten gleich sein. Es könnte mehr Frauen in Führungspositionen geben. Die Kinderbetreuung könnte verstaatlicht sein. 

Das Ergebnis der Parlamentswahl im Oktober mit einem noch nie dagewesenen Frauenanteil oder die Diskussion um den Vaterschaftsurlaub, sind das Folgen des Frauenstreiks?

Gianna: Ja. Das Thema Vaterschaftsurlaub schwebte schon vorher umher. Aber das Geld fehlte. Ich verstehe nicht, wieso Politiker für Dinge wie Kinderbetreuung kein Geld ausgeben wollen, aber für anderes, wie die Rettung der Swiss nach der Coronakrise, schon. Es ist den Politikern – ich sage bewusst Politiker,  nicht Politikerinnen – nicht genug wichtig. 

Wenn Sie an das vergangene Jahr zurückdenken, kommt Ihnen eine Situation in den Sinn, in der Sie sich diskriminiert gefühlt habt?

Silvia: Ja. Als die Offerte für Umbauarbeiten im Haus an meinen Mann adressiert war, nachdem ich das Vorhaben mit dem Handwerker besprochen hatte. Beim nächsten Treffen habe ich ihn darauf angesprochen. Das sei so, meinte er. Schliesslich sei es immer der Mann, der die Rechnungen bezahle. Mein Mann war bei diesem Gespräch dabei. Er antwortete: «Nein, bei uns bezahlt die Frau.» Später kam nochmals eine Offerte. Sie war immer noch an meinen Mann adressiert. Das hat mich persönlich getroffen. 
Gianna: Die Lösung des Gleichstellungsproblems ist auch Männersache. Es braucht Männer, die in solchen Situationen nicht nur mitlachen oder nicht reagieren, sondern die Frauen unterstützen. 

Was haben Sie sich vom Frauenstreik gewünscht?

Silvia: Ich wollte, dass sich endlich etwas verändert. Ich finde, wir müssen Verantwortung wahrnehmen. Nicht nur privat, sondern auch in der Gesellschaft. Eingetreten ist dieses Szenario in der Schweiz aber noch nicht. 
Gianna: Verantwortung ist ein gutes Stichwort. Diskriminierung von Frauen ist kein Frauenproblem. Männer tragen zum Problem bei und müssen Teil der Lösung sein. Wir als weisse Menschen müssen zum Beispiel auch Verantwortung übernehmen beim Thema Rassismus.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Silvia: Das Bewusstsein für die Gleichberechtigung soll noch grösser werden. Es soll Veränderungen geben. Das fängt etwa beim Sprachgebrauch an: Wir können nicht nur die männliche, sondern auch die weibliche Form verwenden. Es sind kleine Dinge, die sich in den Alltag schleichen, und plötzlich sind sie normal. Und irgendwann ist dann allen bewusst: Frauen werden benachteiligt und das ist falsch so.

Wie verbringen Sie den 14. Juni dieses Jahr?

Silvia: Ich werde an den 14. Juni von vor einem Jahr denken. Und hoffen, dass es bald wieder einen Streik gibt.
Gianna: Auch heuer gibt es Aktionen. Das Ziel im Aargau ist es, in allen Bezirken Plakate in kleinen Gruppen aufzuhängen. Oder die Botschaft via Social Media zu verbreiten. Ich sehe mich schon, wie ich beim Coop Würenlos mit einem Plakat sitze. Wichtig finde ich beim Aktivismus: Es sollen sich alle so beteiligen, wie sie mögen.

 

Das war der Frauenstreik 2019

Der Frauenstreik fand am 14. Juni 2019 statt. Laut dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund nahmen 500000 Menschen in der ganzen Schweiz daran teil. Es gab Kundgebungen, Sitzstreiks, Demonstrationen. Die Nationale Streikkoordination spricht von der grössten politischen Demonstration der neueren Schweizer Geschichte. Gemäss Frauenstreik Aargau haben im Aargau 7000 Menschen an den Aktionen an elf Standorten teilgenommen. Etwa 3500 waren an der Demonstration in Aarau dabei. Für heuer sind kleinere Aktionen, wie etwa Lärm vom Balkon oder Plakate aufhängen, geplant. (rb)