Würenlos
15.05.2019

Eine Würenloserin unterstützt eine Tibeterin in ihrem Alltag

Oft gemeinsam<em/>in Baden unterwegs:<em> Jamyang Bülotsong mit Tochter Tenzin und Co-Pilotin Claudia Schwarz.</em><em>Rahel Bühler</em>

Oft gemeinsamin Baden unterwegs: Jamyang Bülotsong mit Tochter Tenzin und Co-Pilotin Claudia Schwarz.Rahel Bühler

Claudia Schwarz begleitet Jamyang Bülotsong im Rahmen des Projekts "Co-Pilot". Dabei unterhalten sie sich unter anderem über Kinderernährung.

Rahel Bühler

Es ist ruhig an diesem Mittwochmorgen im Migros-Restaurant in Baden. Vereinzelt trinken Senioren Kaffee. Zwei Kinderwagen stehen vor der Spielecke. «Wir haben nach einem Treffpunkt gesucht, an dem wir uns unterhalten können und Tenzin, Jamyangs Tochter, gleichzeitig spielen kann», sagt Claudia Schwarz bei einer Tasse der des koffeinhaltigen Getränks. Auch Jamyang Bülotsong trinkt Kaffee. Für Tochter Tenzin gibt es ein Weggli. Bei schönem Wetter gehen die drei im Kurpark spazieren oder treffen sich bei Schwarz zu Hause in Würenlos. Gerade regnet es draussen allerdings.

Die beiden Frauen machen seit sechs Monaten einmal pro Woche ab. Kennen gelernt haben sie sich Anfang November im Rahmen des Projekts «Co-Pilot». Dafür sucht Caritas regelmässig Freiwillige, die Flüchtlinge im Alltag unterstützen. Mit Einführungsabenden werden die Freiwilligen auf das Projekt vorbereitet. Am «Matching Day» lernen sich die Tandems kennen. Schwarz und Bülotsong bilden seither eines davon.

Seit sechs Jahren ist die 37-Jährige aus Tibet in der Schweiz. Zweimal pro Woche besucht sie einen Deutschkurs. Ihre Tochter Tenzin ist 14 Monate alt. Gemeinsam wohnen sie in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in Ennetbaden.

«Wir reden miteinander oder gehen spazieren», sagt Bülotsong über ihre wöchentlichen Treffen. Das Sprechen fällt ihr schwer. Deutsch sei schwierig, meint sie und lächelt. Hier kommt Schwarz, 41 Jahre, Mutter von zwei Kindern und Pflegefachfrau, zum Einsatz. «In erster Linie bin ich als Unterstützung für den Alltag gedacht.» So begleitet sie die Tibeterin etwa zu Terminen beim Kinderarzt. Oder diskutiert Kinderernährung. Und doch ist die Würenloserin auch eine Art Deutschlehrerin. Wenn Bülotsong ein Wort nicht versteht, sucht Schwarz ein anderes. Auch Fotos kommen dann zum Einsatz. Etwa von Gemüsesorten.

Auf das Projekt aufmerksam geworden ist die 41-Jährige durch einen Zeitungsartikel. Sie möchte mit ihrem Engagement Vorurteile abbauen und bei der Integration helfen: «Wenn meine Familie und ich flüchten müssten, wäre ich auch für Unterstützung dankbar.» Das Ziel von Claudia Schwarz ist klar: Jamyang Bülotsong soll glücklich sein und sich im Schweizer System zurechtfinden. Einige Schweizer Tugenden habe die alleinerziehende Mutter bereits verinnerlicht: «Du bist pünktlicher als ich», sagt die Schweizerin. Die Tibeterin lächelt. Die Familien der beiden Frauen haben sich bereits kennen gelernt. Manchmal essen Jamyang und Tenzin bei der Familie in Würenlos zu Mittag. Umgekehrt lud Bülotsong Familie Schwarz zum Essen ein und kochte Momos, die typischen tibetischen Teigtaschen.

Bülotsong gefällt es in der Schweiz. Wenn in Tibet, ihrer Heimat, alles in Ordnung wäre, würde sie jedoch zurückkehren. Über den Grund ihrer Flucht spricht sie nicht. «Wegen der Unterdrückung durch die Chinesen», wird ihre Co-Pilotin später erklären.

Der Wunsch der Tibeterin ist es, eine Arbeitsstelle zu finden. Auch hier hat Schwarz sie unterstützt: beim Telefonieren, Bewerben, Schnuppern. «Es ist alles aufgegleist und hängt nur noch von der Arbeitsbewilligung ab», sagt die Co-Pilotin. Bülotsong könnte in der Wäscherei eines Alterszentrums in der Region arbeiten. Der Entscheid für die Bewilligung sollte in diesen Tagen eintreffen.

Unterdessen findet Tenzin das Weggli nicht mehr ganz so spannend. Viel interessanter ist der Kaffeelöffel, mit dem sie durch regelmässiges Klopfen Musik macht. Während der Zeit, in der ihre Mutter den Deutschkurs besucht, ist sie betreut. Auch falls das mit dem Arbeitsplatz in der Wäscherei klappen sollte, wird für sie gesorgt.

Das Projekt ist auf ein Jahr begrenzt. «Ich glaube aber nicht, dass unser Kontakt nach dieser Zeit abreissen wird», meint die Pflegefachfrau lachend.

Nach dem Kaffee gehen die beiden Frauen noch weiter: Schwarz möchte Bülotsong die Bibliothek zeigen. «Da gibt es Kinderbücher für Tenzin.»