12.03.2014

«Eine Depression ist keine ‹Will nicht›-, sondern eine ‹Kann nicht›-Krankheit»

Daniel Bielinski, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Königsfelden, referierte vor 40 Personen in der Alten Kirche in Würenlos.

Daniel Bielinski, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Königsfelden, referierte vor 40 Personen in der Alten Kirche in Würenlos.

«Bei einer Depression kommt es zu einer Veränderung des Stoffwechsels im Gehirn. Dadurch werden weniger Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin produziert», erklärt Chefarzt Daniel Bielinski.

melanie bär

Mit den Worten «Die einen betrifft es direkt, die anderen indirekt», begrüsste Franz Dahinden von der KAB (Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmer-Bewegung) Würenlos die 45 Gäste, die am Samstagnachmittag trotz frühlingshaftem Wetter in die dunkle Alte Kirche kamen, um sich übers Thema Depression und Burnout zu informieren.

«Ich möchte mehr über die Anzeichen erfahren», begründete eine ältere Frau den Gang in die Kirche. Während des mehr als zweistündigen Referats und der Fragerunde erläuterte der Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Königsfelden, Daniel Bielinski, nicht nur Symptome und Präventivmassnahmen, sondern auch, wie Angehörige mit einer erkranktenPerson umgehen können. Heute stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen an der Spitze der Krankheiten, die uns am meisten gute Lebensjahre wegnehmen. Laut WHO (Welt-gesundheitsorganisation) werden in sechs Jahren die Depressionen an ihre Stelle treten. «Jeder zweite Schweizer erkrankt im Laufe seines Lebens einmal an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung», ergänzt Bielinski. Trotzdem würden noch immer grosse Vorurteile gegenüber der Krankheit herrschen, Kranken werde geraten, sich zusammenzureissen. «Doch Depression ist eine Krankheit, die nichts mit Willen zu tun hat, deshalb sind Appelle oder Druckversuche kontraproduktiv», so Bielinski. Es sei ja auch keine Willensfrage, Bluthochdruck zu senken. «Depression ist keine ‹Will nicht›-, sondern eine ‹Kann nicht›-Krankheit.» Ärzte haben festgestellt, dass die Botenstoffe zwischen den Nervenzellen im Hirn von erkrankten Personen anders laufen als bei Gesunden.

Bielinski lässt den kritischen Einwand, die Krankheit sei schlecht messbar und werde von manchen Patienten missbraucht, um eine IV-Rente zu bekommen, nicht gelten: «Das sind Ausnahmefälle, ebenso wie der Fall Carlos, der von den Medien zu einem Hype gemacht wird.»

Der Umgang mit Betroffenen sei nichtsdestotrotz herausfordernd. Kranke Personen hätten oftmals Mühe, am Morgen aufzustehen, würden sich sozial zurückziehen und unter Schlaf- und Appetitlosigkeit, Schuldgefühlen, Überforderung, Schmerzen, innerer Leere, Konzentrationsschwierigkeiten und Libidoverlust leiden. Da der Krankheitsverlauf im Durchschnitt zwischen drei und sechs Monaten dauere, bräuchten die Angehörigen einen langen Atem. «Angehörige sollen deshalb auch auf sich selber achtgeben und ihre eigenen körperlichen und psychischen Grenzen wahren», rät der Fachmann.

Ähnliches rät er, wenn Menschen wegen überdurchschnittlicher Belastung am Arbeitsplatz unter Druck geraten. «Burnout ist keine Krankheit, sondern eine Überlastung durch chronischen Stress am Arbeitsplatz», so Bielinski und ergänzt, dass Burnout aber zu einer Depression führen könne. Auf die Publikumsfrage, was dagegen zu unternehmen sei, riet er, für ein gutes Gleichgewicht zwischen An- und Entspannung zu sorgen. Als Preis dafür müsse in Extremfällen sogar eine zu belastende Arbeitsstelle gekündigt werden. «Das habe ich nun gerade getan», verriet eine Besucherin, die in der Pflege arbeitete, im Anschluss an den Informationsanlass. Der Vortrag habe ihr gut getan, weil sie gemerkt habe, mit dem Problem nicht alleine dazustehen. Eine andere Person erzählt, dass ihr die Informationen geholfen hätten, Verständnis für eine Betroffene in der Verwandtschaft zu bekommen.