Würenlos
14.04.2021

Das übersinnliche Portal von Aarau nach Würenlos

Zeichnungen von Emma Kunz haben auch ihre eigenen Ausstellungsräume. Bild: zVg/Conradin Frei)
«Peering through a Half-Open Door» von Lauryn Youden (Bild: zVg/Conradin Frei)
Die Neoninstallation von Mai-Thu Perret namens Untitled (after no. 067). Bild: zVg/Conradin Frei)

Zeichnungen von Emma Kunz haben auch ihre eigenen Ausstellungsräume. Bild: zVg/Conradin Frei)

Zeichnungen von Emma Kunz haben auch ihre eigenen Ausstellungsräume. Bild: zVg/Conradin Frei)
«Peering through a Half-Open Door» von Lauryn Youden (Bild: zVg/Conradin Frei)
Die Neoninstallation von Mai-Thu Perret namens Untitled (after no. 067). Bild: zVg/Conradin Frei)

«Peering through a Half-Open Door» von Lauryn Youden (Bild: zVg/Conradin Frei)

Zeichnungen von Emma Kunz haben auch ihre eigenen Ausstellungsräume. Bild: zVg/Conradin Frei)
«Peering through a Half-Open Door» von Lauryn Youden (Bild: zVg/Conradin Frei)
Die Neoninstallation von Mai-Thu Perret namens Untitled (after no. 067). Bild: zVg/Conradin Frei)

Die Neoninstallation von Mai-Thu Perret namens Untitled (after no. 067). Bild: zVg/Conradin Frei)

Die Künstlerin Emma Kunz ist in Würenlos bestens bekannt. Nun zeigt eine Ausstellung im Aargauer Kunsthaus ihr Schaffen im Dialog mit zeitgenössischer Kunst.

Von: Robin Schwarz

Im Innenhof des Aargauer Kunsthauses in Aarau steht ein schwarzer Spiegel. Auf dem Spiegel ein Tor aus Muschelkalk, der aus der Emma-Kunz-Grotte in Würenlos stammt. Schwarze Spiegel haben in der Esoterik und im Okkultismus eine spezielle Bedeutung, sie sind Portale in die Unterwelt, in der sich Dämonen manifestieren können, vielleicht sind es aber nur Übergänge in eine übersinnlichere Welt.

Fest steht, es ist eine künstlerisch hergestellte Verbindung zwischen Würenlos und Aarau und eine, die die Brücke zwischen Kunst und Esoterik hin in zu einem interdisziplinären, ganzheitlichen Verständnis von Kunst schlagen soll.

Der Innenhof des Aargauer Kunsthauses ist quasi der Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung Kosmos Emma Kunz, die sich mit dem Werk der Aargauerin, die sich selber mehr als Forscherin denn als Künstlerin verstanden hat, auseinandersetzt – im Dialog mit moderner Kunst. Emma Kunz, geboren im aargauischen Brittnau, begann ungefähr 1938 mit dem Zeichnen, allerdings ohne grosse Ambitionen, jemals eines ihrer Werke zu verkaufen. So soll sie oft die Nacht durchgezeichnet, das fertige Werk zusammengerollt und es auf dem Estrich verstaut haben.

Wie genau Emma Kunz ihre geometrischen, mandala-artigen Zeichnungen angefertigt hat, ist bis heute nicht ganz klar und wenn, dann nur über Aussagen von Zeitzeugen kolportiert. Mithilfe eines Pendels soll sie auf Millimeterpapier bestimmte Punkte markiert haben, dem vorausgehend: Fragen über das Politische, das Persönliche, das Philosophische. Die daraus entstandenen Zeichnungen mit Farbstiften waren für sie aber nicht primär Kunst, sondern zuvorderst Werkzeuge. So soll sie mithilfe ihrer Werke Menschen geheilt oder gar die Zukunft vorausgesagt haben. Ihr heute bekanntester Patient: Anton C. Meier, der Mann, der den Nachlass von Emma Kunz verwaltete und das Emma-Kunz-Zentrum in Würenlos gegründet hatte. Hintergrund seines Schaffens: Anton C. Meier war als fünfjähriger Bub an der Kinderlähmung erkrankt – «der zweitschwierigste Fall» aus der Sicht des damaligen Chefarztes. Meier überlebte, seine Beine allerdings waren gelähmt. Bis Emma Kunz ihn mit dem in Würenlos gefundenen Stein AION A (vom altgriechischen Wort für Ewigkeit) geheilt haben soll. Emma Kunz verstand sich als Forscherin, trat gemäss Aussagen Meiers im weissen Kittel auf, führte Experimente durch, die wir heute in der Parawissenschaft und in der Esoterik verorten. Kunz suchte die Lösungen – aber auch die zu ihnen gehörigen Fragen – nicht auf den Schienen der klassischen Naturwissenschaft oder der Schulmedizin, sondern eben auch im Verborgenen, Unsichtbaren. Verbindungen in die Kunstwelt hatte Emma Kunz keine bis auf ihren Bekannten Jakob Friedrich Welt, dessen Kunst, so schreibt es Yasmin Afschar, die Kuratorin des Aargauer Kunsthauses, «im besten Fall als konventionell zu bezeichnen ist». Erst in den 70er-Jahren wurde sie tatsächlich als Künstlerin rezipiert, als unter Heiny Widmer rund 10 Jahre nach ihrem Tod die erste Ausstellung ihres Werks im Aargauer Kunsthaus stattfand – perfekt in den Zeitgeist der Post-68er-Jahre passend.

Das Motiv des schwarzen Spiegels findet sich bereits im ersten Raum wieder, in einer Installation von Florian Graf, die verschiedene Begriffe wie «Genius», «Mediator» oder «Freedom Fighter» zeigt und damit den konventionellen Begriff der Kunst und der Künstlerin hinterfragen möchte. Im selben Raum steht eine Position von Dora Budor, ein Glaskasten, in dem durch unsichtbar wirkende Kräfte Staub aufgewirbelt wird, begleitet von düster-orangem, fast apokalyptisch anmutendem Licht, referierend auf den Künstler William Turner. Oder dann die Emma-Kunz-Zeichnung, die die Genfer Künstlerin Mai-Thu Perret mit Neon-Röhren reinterpretiert hat.

Das Esoterische wird in der Ausstellung Kosmos Emma Kunz weder überschwänglich und unkritisch begrüsst, noch kategorisch abgelehnt. Das zeigt zum Beispiel die Position von Shana Moulton, die sich in einer Video-Installation mit der Kommerzialisierung alternativmedizinischer und esoterischer Ansätze auseinandersetzt. Auch die polnische Künstlerin Goshka Macguga zeigt mit «Madame Blavatsky» die Auseinandersetzung mit einer alles andere als unkontroversen historischen Figur – aber ebenso, dass Emma Kunz heute auch für den feministischen Diskurs eine Rolle spielt.

Für Würenloserinnen und Würenloser stellt sich die Frage: Lohnt sich ein Besuch in Aarau, wenn man sich nur für Emma Kunz und nicht für die zum Teil extra für die Ausstellung erstellten Werke interessiert? Schliesslich steht das Emma-Kunz-Zentrum ja direkt im Dorf. Die Antwort: Ja, denn es werden auch Zeichnungen von Emma Kunz gezeigt, die bisher so noch nirgends gesehen wurden.