Würenlos
10.03.2021

«Ausgerechnet das RAV geht jetzt auf Distanz»

Nicht alle sind zufrieden mit der Arbeit des RAVs Baden und des Kantons. (Bild: Archiv/Chris Iseli)

Nicht alle sind zufrieden mit der Arbeit des RAVs Baden und des Kantons. (Bild: Archiv/Chris Iseli)

Wie Kanton und RAV in der Coronakrise mit den Gemeinden zusammenarbeiten – und welche Unstimmigkeiten es gibt.

Von: Robin Schwarz

Die Coronakrise trifft den Arbeitsmarkt mit verheerender Härte. Der Kanton Aargau gab Anfang Februar bekannt, dass die Arbeitslosenquote auf 4 Prozent angestiegen ist. Das ist so hoch wie seit den 90er-Jahren nicht mehr – und höher als die Quote der Gesamtschweiz. Auch der neue Monat brachte keine Entspannung. Die Situation ist prekär, denn die RAVs finden keine genügend qualifizierten Berater und Beraterinnen. Das Ergebnis: Personalknappheit.

Während die RAVs bereits am Anschlag sind, merken die Sozialen Dienste der Region die Auswirkungen der steigenden Arbeitslosigkeit noch wenig. Es gebe zwar vereinzelte Fälle von Menschen, die in vom Coronavirus besonders betroffenen Berufen keine Stelle mehr gefunden hätten, ausgesteuert worden seien und nun materielle Hilfe in Anspruch nehmen müssten. Insgesamt sei es jedoch schwierig, die neuen Sozialfälle eindeutig der Coronakrise zuzuordnen, erklären zum Beispiel die Sozialen Dienste Neuenhof und Baden.

Aber: Das ist auch nicht weiter überraschend, so würde man die Auswirkungen von Krisen am Arbeitsmarkt üblicherweise erst mit einer Verzögerung von zwei, drei Jahren spüren, sagt Eva Bühler, Co-Leiterin des Sozialdienstes Baden. Dann nämlich laufen üblicherweise die Taggelder der Arbeitslosenversicherung aus. Das heisst jedoch nicht, dass die Sozialen Dienste nicht jetzt schon vor Schwierigkeiten stünden: «Bei den bestehenden Fällen haben wir massiv Mühe, sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren», sagt Bühler. «Es ist kaum erfolgreich, weil der Markt im Moment nicht viel hergibt.»

Keine persönlichen Treffen seit bald einem Jahr

Wie happig die Krise bis in die Sozialen Dienste überschwappen wird, hängt aber auch von den Massnahmen ab, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und die Kantone beschliessen. Im Moment diskutiere man darüber, Stellensuchende stärker beim Weg in die Selbstständigkeit zu unterstützen, etwas, bei dem man in der Vergangenheit wenig Hilfe zusprechen wollte, erklärt Bühler.

Doch die Sozialen Dienste üben auch Kritik an der Vorgehensweise des Kantons und des RAVs Baden, das zuständig für alle Gemeinden im Limmatwelle-Gebiet ist. Dass seit über einem Jahr kaum persönliche Gespräche mehr stattfinden können, findet man beispielsweise in Neuenhof und Würenlos problematisch. Via Telefon oder Computer zu kommunizieren, falle vielen Klienten schwer. Es komme dabei zu Problemen beim Sprachverständnis und Menschen, die kaum Erfahrung mit Computern hätten, würde die neue Digitalität der Prozesse Mühe bereiten, sagt beispielsweise Jelena Lolic von den Sozialen Diensten Neuenhof. Die Rückmeldungen der Neuenhofer Klienten diesbezüglich seien eher negativ.

Daniel Huggler, Gemeindeschreiber und Leiter der Sozialen Dienste Würenlos, beurteilt diese Tatsache besonders kritisch: «Ausgerechnet das RAV, das in der Not helfen soll, geht in dieser Situation auf Distanz.»

Isabelle Wyss, Leiterin der Arbeitsmarktlichen Integration (AMI) des Kantons Aargau, der das RAV Baden unterstellt ist, relativiert die Kritik. Man würde in Ausnahmefällen immer noch persönliche Gespräche führen, das liege im Ermessensspielraum der jeweiligen Beratenden. Ausserdem hätten Klienten Angst vor persönlichen Treffen und die RAVs seien erfahrungsgemäss ein idealer Nährboden für die Verbreitung von Krankheiten, sagt Wyss.

Für Huggler ist das nicht mehr als eine Ausrede. «Fakt ist: Mit unserem Sozialdienst können Sie einen Termin für ein persönliches Gespräch vor Ort vereinbaren, beim RAV ist das grundsätzlich nicht möglich». Huggler weiter: «Man bietet das persönliche Gespräch in gewissen Sonderfällen zwar an, aber es ist nicht Standard. Das stellen wir in Frage.»

Spätestens seit Sommer habe man ja gelernt, sich richtig zu schützen. Anscheinend habe der Kanton keine Probleme damit, Pflegekräfte oder Lehrpersonen «an die Front» zu schicken, warum das beim RAV nicht möglich sei, ist für ihn unklar und die Argumentation des Kantons daher nicht überzeugend.

Die noch grössere Herausforderung aber kommt erst in den kommenden Jahren auf die Sozialen Diensten zu. Um eine grössere Krise zu verhindern, müssten jetzt schon proaktiv die Weichen gestellt werden. Das Problem: Sind die Taggelder der Arbeitslosenversicherung aufgebraucht, bleibt nur die wirtschaftliche Sozialhilfe. Dass die Sozialen Dienste aber nicht «nur» Sozialhilfe auszahlen, sondern auch in anderen Situationen Hilfestellung bieten, ist manchen Menschen unklar, andere wiederum würden den Kontakt mit Sozialen Diensten von vornherein ablehnen, sagt Eva Bühler.

Mangelnde Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und RAV

Die deutlichste Kritik am RAV kommt aus Würenlos. Für Daniel Huggler fehlt es an der Bereitschaft zur Zusammenarbeit, die bisher «nur sehr marginal» stattfinde und «für die Sozialbehörde seit vielen Jahren ein Thema» sei. Nur: «Dazu bietet das RAV leider keine Hand», sagt Huggler. Auf eine Anfrage der Gemeinde Würenlos Anfang Januar, ob das RAV Baden bereits frühzeitig über die Möglichkeit einer Unterstützung durch den Sozialdienst hinweisen kann, kam eine abschlägige Antwort: Versicherte, die kurz vor der Aussteuerung stünden, würden über die weiteren Schritte informiert, so über die Themen Unfallversicherung, AHV-Beiträge und Existenzsicherung durch den Sozialdienst.

AMI-Leiterin Isabelle Wyss kann die Kritik Hugglers nicht nachvollziehen und sagt, die RAVs würden mehrere Monate vor der Aussteuerung auf potenzielle Sozialfälle zugehen und sie auf die Leistungen der Sozialen Dienste hinweisen. Das allerdings reicht Huggler nicht, da die Sozialen Dienste das RAV ergänzend unterstützen könnten und je früher dieses Angebot genutzt würde, desto höher sei die Chance auf eine erfolgreiche arbeitsmarktliche Reintegration. Huggler wünscht sich eine tatsächliche interdisziplinäre Zusammenarbeit und mehr als «bloss einen einfachen Hinweis» auf die Arbeit der Sozialen Dienste. Das wäre auch im Sinne Neuenhofs, sagt Jelena Lolic, auch wenn sie Hugglers Kritik abschwächt: Man sei nicht grundsätzlich unzufrieden mit dem RAV, aber es gebe immer wieder Fälle, in denen früher etwas hätte passieren müssen.

Dass das RAV Baden ein Angebot auf engere Zusammenarbeit mit Würenlos ignoriert habe, ist Isabelle Wyss neu. Die Anfrage sei nicht bei der derzeitigen RAV-Leiterin in Baden eingegangen, man gehe dem Hinweis aber nach. Der Limmatwelle liegt die Anfrage der Jugend- und Familienberatung im Wortlaut vor.

Grundsätzlich würde das RAV immer Hand bieten. Aber: Den Gemeinden sei oft nicht klar, wo beim RAV die Grenzen des Möglichen sind. Allerdings erfahren die Gemeinden erst spät, wer Arbeitslosentaggeld erhält, weshalb sich die Zusammenarbeit auf wenige Tage beschränkt. Denn nur, wenn jemand von der Gemeinde Sozialhilfe bezieht und ergänzend arbeitet, hat die Gemeinde von Anfang an Kenntnis über die Arbeitslosigkeit. Für Daniel Huggler ist aber eines klar: «Es geht hier um Menschen, die keinen Job mehr haben und irgendwann gerne wieder eine Perspektive haben möchten. Es geht darum, pragmatische und zielführende Lösungen zu finden.»